https://www.faz.net/-gx6-8uv0u

Tiefsee-Verschmutzung : Kein Fleck der Erde ist mehr sauber

Tintenfische stehen am Ende der Nahrungskette. Wie stark verseucht sind sie? Bild: Chris Frazee/Media Solutions

Auch die entlegensten Orte sind mittlerweile gezeichnet von der alten Industrie. Krebserregenden Stoffe sind an die tiefsten Stellen der Meere gelangt, Müll häuft sich an. Wie reagiert das Leben in der ehemaligen Oase Tiefsee?

          3 Min.

          Die Warnung ist unmissverständlich: Der Bergbau in der Tiefsee rückt schnell näher. So nachzulesen seit wenigen Tagen in einer hochrangigen Publikation von Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums Geomar in der Zeitschrift „Nature Geoscience“. Die im Jahr 2001 vergebenen ersten Lizenzen an Bergbaufirmen, lukrative Vorkommen von Mangan- und Kobalt-Eisenerzen im zentralen Pazifik zu erkunden, laufen in Kürze aus. Dann beginnt der Abbau. Zwar dürften künftig die küstennäheren und damit rentableren Areale der rohstoffreichen Festlandsockel stärker ins Visier geraten, aber klar ist: Der Meeresgrund wird für Bergbaufirmen immer interessanter.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Damit gerät einer der größten und zugleich ökonomisch wie ökologisch am wenigsten bekannten Lebensräume weiter auf eine schiefe Bahn. Denn auch wenn wir wenig wissen über die Lebensgemeinschaften der Tiefsee, eines ist inzwischen unübersehbar: Der schmutzige Arm der Wohlstandsgesellschaften hat sie längst erreicht. Ein geradezu dramatisches Zeugnis legen in dieser Woche Untersuchungsergebnisse ab, die eine britische Forschergruppe um Alan Jamieson von der Newcastle University in der Zeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ (doi: 10.1038/s415559-016-0051) vorgelegt hat. In getrockneten kleinen Flohkrebsen, Amphipoden, haben sie nach Stichproben bis in die entlegensten Schichten der pazifischen Tiefseegräben ungewöhnlich hohe Konzentrationen an krebsauslösenden und das Hormonsystem beeinträchtigenden halogenierten organischen Kohlenstoffverbindungen gefunden - sogenannte PCB (Polychlorierte Biphenyle) sowie PDBE (Polybromierte Diphenylether). Längst verbotene „Schmiermittel“ der Altindustrien, Schadstoffe, die in der Umwelt nur extrem langsam abgebaut werden und sich vor allem im Fettgewebe von Tieren - und am Ende auch im Menschen - anreichern können. Selbst Flohkrebse aus 10 250 Meter Tiefe, die noch dazu fast zweitausend Kilometer entfernt von den Industrieagglomerationen Japans eingesammelt wurden, waren damit verseucht. Und zwar in Konzentrationen, die auch den Umweltexperten fast die Sprache verschlägt: Höhere Konzentrationen als in den berüchtigsten Industriebrachen Singapurs und sogar bis zu fünfzigmal so hoch wie in Krabben aus den stark verseuchten Flüssen Chinas.

          Eine Plastiktüte am  Tiefsee-Observatorium „Hausgarten“ des Alfred-Wegener-Instituts in der Framstraße, zwischen Spitzbergen und Nordostrundingen im Nordosten Grönlands. Diese Aufnahme stammt aus 2500 Metern Tiefe

          Wie diese massive Anreicherung von vor allem in den siebziger Jahren gebräuchlichen Chemikalien zustande kommt, ist den Forschern genauso ein Rätsel wie die Frage nach der Herkunft. Vor allem stellt sich die Frage: Wenn schon der Körper dieser kurzlebigen, winzigen Tierchen, die in der Mitte der Nahrungspyramide stehen, so stark belastet ist - wie sollte das erst bei den Fischen, Sepien, Tintenfischen und Walen sein, die am Ende der natürlichen Nahrungskette in diesen Meeresregionen stehen? Klar ist: Daten dazu gibt es nicht. In Meeressäugern, selbst in solchen in der entfernten Arktis, wurden zwar schon hohe Kohlenwasserstoffmengen gefunden, aber längst nicht so hohe Konzentrationen im Fettgewebe wie jetzt in den Flohkrebsen. Detlef Schulz-Bull vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde kann sich gut vorstellen, dass von Algen aufgenommene Chemikalien mit organischen Partikeln bis zu den Sedimenten absinken und sich dort anreichern.

          Hochgradig kontaminiert: Hirondella-Flohkrebse.

          „Der Pazifik in dieser Region wurde bereits öfter als höher belastet identifiziert.“ Trotzdem: „Die recht hohen Konzentrationen im Vergleich zu denen in Tieren küstennaher Regionen sind schon überraschend“, meint etwa Andrea Koschinsky-Fritsche vom „Marum“-Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Jacobs University in Bremen.

          Extrem hoch kontaminiert

          Von einigen Forschern gibt es Kritik, weil wissenschaftliche Standards wie die Angabe von geeichten Referenzproben in der Studie fehlt. Die Lücken in der Genauigkeit und mögliche Unsicherheiten bei den Messungen bemängelt auch der Biochemiker Eric Achterberg vom Geomar in Kiel, der von „mangelnder Klarheit“ der Studie spricht, ebenso wie der Meereschemiker Oliver Wurl von der Universität Oldenburg: „Mit den beschriebenen Werten müssten Räuber der Tiefsee extrem hoch kontaminiert sein. Daher überraschen mich die Ergebnisse, und ich kann mir die Herkunft nicht erklären.“

          Was die Herkunft der Schadstoffe im Marianengraben angeht, spekulieren die britischen Tiefseeforscher, dass die geschätzten 100 Millionen Tonnen an Plastikmüll, die seit Jahrzehnten im berüchtigten Nordpazifik-Strudel angehäuft werden, eine Rolle spielen könnten. Wie genau, bleibt aber unklar. Da die Kohlenwasserstoffe auch teilweise flüchtig sind, überrascht die globale Verteilung andererseits die meisten Experten nicht.

          Britische Meeresbiologen haben vielleicht eine neue Tierart im Indischen Ozean entdeckt haben

          Nachweisen lässt sich der Zusammenhang mit Kunststoffresten tatsächlich nicht. Dass dieser Müll allerdings auch für sich schon zum Problem nicht nur für Vögel, Schildkröten, Fische oder Seehunde nahe der Oberfläche geworden ist, sondern eben auch die Tiefsee erreicht hat, haben Mine Tekman und ihre Gruppe vom Alfred-Wegener-Institut im sogenannten „AWI-Hausgarten“ gezeigt, einem mit 21 Messstationen ausgestatteten Tiefsee-Observatorium in der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen. In Tiefen von 2500 Metern zählen sie seit 2002 die Plastikteilchen mit Hilfe von Kameras. Ihr bedrückendes Fazit: Die Müllmenge - Plastik und Glasfragmente - hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Im nördlichen Teil des Gebietes kam man 2004 noch auf 346 Müllteile pro Quadratkilometer, zehn Jahre später ist man auf 8082 Müllteile gekommen. Die Schifffahrt, so schreiben die Wissenschaftler in der Zeitschrift „Deep Sea Research I“, spielt als Abfallquelle eine Rolle, aber in Verdacht geraten nun verstärkt die immer schneller schmelzenden Eisberge, die im Sommer die Plastikteile freisetzen. „Das Meereis könnte das Transportmittel sein“, sagt Tiefseebiologin Melanie Bergmann. Für sie könnte die arktische Tiefe „ein Endlager für Plastikmüll werden. Die Ablagerung in die schwer zugängliche Tiefsee könnte zum Teil auch erklären, warum wir über den Verbleib von 99 Prozent des Plastikmülls derzeit nichts wissen.“

          Weitere Themen

          Warum fällt die ISS nicht auf die Erde? Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : Warum fällt die ISS nicht auf die Erde?

          Warum fällt die Internationale Raumstation ISS nach all den Jahren, die sie bereits in ihrer Erdumlaufbahn verweilt nicht irgendwann vom Himmel? Und was, wenn es doch passieren sollte? Unser Erklärvideo gibt Antworten.

          Traumatisierte Kinder altern schneller

          Spuren der Gewalt : Traumatisierte Kinder altern schneller

          Gewalterfahrungen in jungen Jahren zeigen sich auf vielfältige Weise. Sie verursachen nicht nur psychischen Störungen. Sie lassen auch die Körperzellen schneller altern und hinterlassen bisweilen sogar Spuren im Gehirn.

          Topmeldungen

          Eine Frau arbeitet während des Lockdown von zuhause aus.

          Arbeitsrecht : Was Chefs in Corona-Zeiten dürfen

          Sind Zwangstests auf Covid-19 erlaubt? Was gilt für brisante Daten? Können Kosten für das Homeoffice steuerlich abgesetzt werden? Hier finden Sie Antworten auf die wichtigsten Arbeitsrechts-Fragen in Bezug auf die Pandemie.

          8:2-Gala gegen FC Barcelona : Alle Achtung, FC Bayern!

          Die Münchner demütigen den einst so großen FC Barcelona mit Lionel Messi im Viertelfinale der Champions League. Das 8:2 erinnert an das deutsche 7:1 im WM-Halbfinale 2014. Doch für den FC Bayern hat die Sache nicht nur einen Haken.
          43:56

          Digitec-Podcast : Kampf um Tiktok

          Präsident Trump droht mit Verbannung, Microsoft verhandelt eine Übernahme: Was aus der besonders unter Jugendlichen beliebten App wird, diskutieren wir mit Tiktok-Fachmann Adil Sbai.

          Republikaner begehren auf : Amerika oder Trump!

          Die härtesten Kritiker des Präsidenten finden sich in den eigenen Reihen. Konservative machen gegen ihn im Netz mobil. Ihre Botschaft ist eindeutig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.