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Umweltverschmutzung : Die Sünden der Alten

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Nicht erst seit der Industrialisierung ein Problem: die Bleikonzentration in der Luft, hier zu sehen in einer chemischen Industrieanlage in China. Bild: dpa

Früher war alles besser? Von wegen! Der Mensch verpestet schon seit 2000 Jahren die Luft, wie Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben.

          2 Min.

          Blei gehört zu den gefährlichsten Umweltgiften. Schon geringe Dosen des Schwermetalls können beim Menschen zu Gehirnschäden und Fruchtbarkeitsstörungen führen. Bisher hatte man angenommen, dass gewisse Mengen an Blei durch natürliche Vorgänge etwa bei Vulkanausbrüchen in die Atmosphäre gelangen. Aus Analysen von mehreren tausend Jahre alten Eiskernen aus Alpengletschern wurde eine vorindustrielle Bleikonzentration von etwa 100 Nanogramm (milliardstel Gramm) pro Liter Luft ermittelt. Wissenschaftler nahmen an, dass dieser Wert die natürliche Hintergrundbelastung der Atmosphäre mit Blei sei. Eine internationale Forschergruppe stellt diese Annahme nun grundsätzlich in Frage. Nach ihren Untersuchungen liegt nämlich der Gehalt an „natürlichem“ Blei in der irdischen Lufthülle weit unterhalb der Nachweisgrenze selbst von modernsten Analyseapparaten.

          Die ursprüngliche Annahme über die Konzentration des Schwermetalls in der Luft wurde durch die Tatsache unterstützt, dass der Bleigehalt in der Atmosphäre seit Beginn der Industriellen Revolution kontinuierlich gestiegen ist. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erreichte die Bleikonzentration sogar einen Rekordwert von mehr als 10.000 Nanogramm pro Liter Luft. Schließlich begannen Umweltschutzmaßnahmen wie die Einführung von bleifreiem Benzin und Verbote, Blei Anstrichfarben und andere Stoffen zuzusetzen, zu wirken. Dadurch sank die Bleikonzentration in der Luft erheblich.

          Wie lässt sich der Bleigehalt der vergangenen 2000 Jahre bestimmen?

          Um den Bleigehalt der Atmosphäre während der vergangenen 2000 Jahren möglichst genau zu ermitteln, untersuchte die Forschergruppe um Alexander More von der Harvard University in Cambridge einen aus einem Gletscher am Colle Gnifetti im Monte-Rosa-Massiv der Walliser Alpen erbohrten Eiskern. Dabei wurden verschiedene hochauflösende massenspektrometrische Verfahren verwendet. Außerdem gelang es den Forschern, zu denen auch Mitarbeiter des Instituts für Umweltphysik von der Universität Heidelberg gehören, den Eiskern in extrem dünne Schichten zu zerlegen, was eine wesentlich genauere Altersbestimmung ermöglichte.

          Die Ergebnisse der Analyse schienen zunächst den bisher angenommenen Hintergrundwert des Bleigehaltes der Luft im vorindustriellen Zeitalter zu bestätigen. Allerdings zeigte sich eine äußerst auffällige Abweichung zwischen den Jahren 1349 bis 1353. In diesem Zeitraum sank der Bleiwert auf weniger als ein Hundertstel des vorindustriellen Durchschnittswertes und damit unter die Nachweisgrenze der Messgeräte. Zunächst war es völlig unverständlich, wieso in dem Fünfjahreszeitraum praktisch kein Blei in der Luft nachzuweisen war.

          Die vorindustrielle Bleikonzentration ist menschengemacht

          Die Erklärung lieferten schließlich Historiker aus Harvard. Sie bemerkten, dass das Bleiminimum exakt mit der großen Pestpandemie in Europa zusammenfiel. Nach manchen Schätzungen kamen hierbei zwischen einem Drittel und der Hälfte der Bevölkerung Europas ums Leben. Offenbar gehörten auch viele jener Bergleute zu den Opfern, die damals in den Bleigruben im Harz und in England arbeiteten. Alte Chroniken, Steuerbücher und andere Dokumente belegen, dass die Produktion der Bleigruben und -hütten während der Pestepidemie in Europa vollständig zum Erliegen kam, wodurch fast kein Schwermetall in die Atmosphäre gelangte.

          Daraus ziehen die Forscher um More nun folgenden weitreichenden Schluss: Die bisherige Annahme, dass die Atmosphäre auf natürliche Weise mit Blei belastet sei, ist falsch. Vielmehr ist die sogenannte vorindustrielle Bleikonzentration ebenfalls menschengemacht, denn Blei wird schon seit mehr als 2000 Jahren abgebaut und verhüttet. Der angeblich natürliche Hintergrundwert ist nach Meinung der Wissenschaftler bereits eine vorindustrielle Umweltverschmutzung. Wenn überhaupt, dann käme Blei in der Lufthülle der Erde nur in einer Konzentration von 0,4 Nanogramm pro Liter Luft vor. Sollten sich diese von der Zeitschrift „Geo-Health“ nun vorab zur Veröffentlichung freigegebenen Resultate Schlussfolgerungen bestätigen, müssten die bisherigen Grenzwerte für Blei überdacht werden.

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