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Livestream: Start des Klima-Satelliten Cryosat-2 : Der Eiswächter geht auf Patrouille

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Um kurz vor 16 Uhr hebt heute in Baikonur eine Rakete ab, um den Polarforschungssatelliten Cyrosat-2 ins All zu befördern. Er soll die große Eisschmelze an den Polen mit nie dagewesener Genauigkeit vermessen. Erleben Sie den Start hautnah - im FAZ.NET-Livestream.

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          Der Zeitplan steht, der Countdown läuft. Endlich. Das Aufatmen im ESOC, dem Darmstädter Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, ist buchstäblich bis in die Frankfurter Innenstadt zu hören. Aber die Anspannung bleibt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der erste Startversuch von „Cryosat-2“ Ende Februar wurde abgebrochen, die Trägerrakete nachgerüstet. Fünf Jahre nach dem Absturz des Vorgängermodells „Cryosat“ steht der europäische Polarforschungssatellit jetzt also startbereit und sicher verpackt im Bauch der russisch-ukrainische Dnjepr-Trägerrakete auf dem Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Cryo, das ist die Kurzform für das Fernerkundungsziel des gut siebenhundert Kilogramm schweren Geräts, die Kryosphäre - die Eisflächen der Erde.

          Livestream Start Cryosat-2 von 14:00 bis 16:30

          Computersimulation Cryosat-2: Zwei Augen beobachten die Erde

          7.57 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit: Der Countdown beginnt. Acht Stunden später ist Starttermin: 15.57 Uhr. Dann beginnt die Mission, die man vor fünf Jahren als eines der wichtigsten europäischen Programmteile zur Erforschung des Klimawandels vom Weltall aus bezeichnet hat. Cryosat sollte die Veränderungen der Eispanzer an den Polen und das Meereis praktisch lückenlos und mit einer nie dagewesenen Präzision erfassen.

          Wäre die Panne in der zweiten Stufe der russischen Rockot-Rakete damals nicht geschehen und der Satellit nicht unverrichteter Dinge in die Lincoln-See nordöstlich von Grönland gestürzt, die Europäer hätten - wissenschaftlich gesehen - einen Riesenerfolg gelandet: Cryosat wäre zum Kronzeugen für die dramatischen, ja historischen Rückgänge der sommerlichen Meereisflächen in der Arktis im Spätsommer 2007 geworden - und in den Jahren danach. Wenige Satellitenmissionen wären wohl so schlagzeilenträchtig gewesen. Die Sogwirkung des aufrüttelnden Weltklimaberichtes im selben Jahr und der politischen Klimadiskussion in der Folgezeit wäre gewaltig geworden.

          Im Auge des Sturms

          So aber hatte man eine Niete gezogen, 136 Millionen Euro waren buchstäblich ins Wasser gefallen - wäre da nicht die entschlossene Reaktion aller Beteiligten gewesen, einen zweiten Anlauf zu nehmen und nochmal Abermillionen in die Hand zu nehmen.

          Die Klimawandelforschung, das war schon damals jedem klar, der einigermaßen Einblick hatte, braucht außer den experimentellen Klimamodellen dringend saubere und genaue Beobachtungsdaten. Und wie klar muss das den Beteiligten erst heute werden - zu einem Zeitpunkt, da die Klimaforschung wegen der Enthüllungen von überflüssigen Pannen im Weltklimabericht und der Emailaffäre britischer Klimaforscher wie selten zuvor in der Kritik steht.

          Im Auge dieses Sturms steigt jetzt der Satellit in den Himmel, der leicht zum Symbol für eine handfeste neue Weltklimapolitik hätte werden können. Was für eine Wendung. Der ökologische Hoffnungsträger hat von seinem grünen Glanz schon vor dem Start mächtig verloren.

          Eiswächter 2.0

          Wenigstens wissenschaftlich ist das Interesse heute um keinen Deut geringer. Tatsächlich gibt es angefangene Baustellen und unbeantwortete Fragen zuhauf. Beispielsweise die, ob die Grönlandgletscher oder das Schelfeis in der Antarktis vor allem schneller fließen, abbrechen und deshalb an Dicke und Volumen abnehmen, oder ob sie wärmebedingt von unten oder von oben abschmelzen, ob sich die Meereisfläche wegen veränderter Ströme oder Windfelder oder vielleicht doch hauptsächlich des Temperaturanstiegs wegen verändern - all das sind Unklarheiten, die bis heute nicht endgültig beseitigt sind. Mit dem bis dato vorhandenen Gerät jedenfalls würden sie weiter bestehen, denn für viele Gebiete in den polaren Nord- und Südhemisphären ist dieses mehr oder weniger unbrauchbar.

          Deshalb also gibt es jetzt Cryosat-2, der Eiswächter als Version 2.0. Nicht einfach ein Nachbau des ersten Cryosat, wie die ESA-Ingenieure betonen, sondern eine „deutlich verbesserte Version“ des ursprünglichen Messtrabanten - der dritte Satellit in der neuen „Erdexplorer“-Reihe, den die ESA seit dem Absturz von Crysat ins All geschickt hat.

          Mit zwei Augen zur Erde schauen

          Mit dem außergewöhnlichen Radar-Höhenmessgerät „SIRAL“ auf der Cryosat-2-Plattform lassen sich Höhenänderungen von angeblich ein bis drei Zentimetern erfassen - und zwar sowohl die Dicke der Gletscher wie der des Packeises. Praktisch flächendeckend. Stichproben am Boden, Lücken im Messnetz - überholt.

          Erstmals lässt sich das Eisvolumen so genau wie gewünscht vom All aus vermessen. Das Radargerät kann dank einer speziellen Technik, die extrem schnelle Radarimpulse von wenigen Mikrosekunden Abstand aussendet und die entsprechenden Echos empfängt, praktisch stereoskopisch sehen. Nicht mit einem Auge, wie das konventionelle Radaraltimeter auf ihrem Umlauf tun, sondern buchstäblich mit zweien: Räumliches Sehen mit extremer Brennweite.

          Wolken sind kein Hindernis

          Cryosat-2 fliegt polare Umlaufbahnen bis in Breitengrade von annähernd 88 Grad Nord und Süd. Praktisch 717 Kilometer senkrecht über den Polen. Wolken sind kein Hindernis für das raffinierte Radarauge des Satelliten, die Daten werden vierundzwanzig Stunden - geplant sind bis zu fünf Jahre lang - aufgezeichnet und an die Empfangsstation der EASA in Kiruna, Schweden übermittelt.

          Die ersten, buchstäblich lebenswichtigen Signale allerdings erwartet das Darmstädter Kontrollzentrum am heutigen Donnerstag gegen 16.14 Uhr, siebzehn Mitunter nach dem Start von Kasachstan aus. Aufgefangen werden sie in der Bodenstation in Malindi in Kenia. Vierzehn Minuten später wird das Radiosignal der dann hoffentlich geglückten Mission um 16.28 Uhr in der Antarktisstation Troll.

          Die Fakten zur Cryosat-2

          Starttermin 8. April, 15:57 Uhr CEST

          Startort Kosmodrom Baikonur Kasachstan

          Trägerrakete Russisch-ukrainische „Depnr“ (Basis ist SS18-Interkontinentalrakete)

          Gewicht 720 Kilogramm (inkl. 37 Kilogramm Treibstoff)

          Messinstrument Radaraltimeter SIRAL plus Geräte zur exakt. Positionsbestimmung

          Energieversorgung 2 fixierte Solarantennen, je 850 Watt, 78 Ah Lithium-Ionen-Akku

          Lebensdauer mindestens 3 Jahre, möglichst 5 Jahre

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