https://www.faz.net/-gwz-88226

Trinkwasser-Qualität : Sauber ist nicht dasselbe wie rein

  • -Aktualisiert am

Die Grenzwerte werden meist eingehalten. Doch trinkt man deshalb beruhigter kleinste Mengen Röntgenkontrastmittel? Bild: Frank Röth

Das Leitungswasser in Deutschland ist in Ordnung. Eigentlich. Denn es befinden sich einige Rückstände darin, die keiner trinken will. Filter für zu Hause braucht es trotzdem nicht.

          7 Min.

          Die Fassade leuchtet tiefblau, der weiße Schriftzug sagt mit einem Wort, worum es geht. Im „Wasserladen“ am Rande der Kölner Altstadt werden Wasserfilter verkauft. Sie sollen das, was aus der Leitung kommt, noch besser machen. Die Inhaberin will nicht falsch verstanden werden: „Wasser aus der Leitung ist natürlich gesundheitlich unbedenklich. Aber von der Qualität her wie Fast Food. Und wer will schon sein ganzes Leben lang bei McDonald’s essen?“ Im Endeffekt bleibe einem nur die Wahl, teures Biowasser zu kaufen und Kisten schleppen zu müssen oder sich ein Filtersystem einbauen zu lassen.

          Davon gibt es in diesem Laden verschiedene. Bei einem davon wird das Wasser durch drei weiße Zylinder geleitet, drei Viertel verschwinden anschließend im Abfluss, übrig bleibt nur ein Rinnsal. Das Prinzip nennt sich Umkehrosmose. Daneben gibt es Aktivkohlefilter, aber auch Metallaufsätze, die man auf den Hahn schraubt, um das Wasser zu „beleben“, wie es heißt. Ein eiförmiger Verwirbeler zur „Energetisierung“ kostet knapp 150 Euro.

          Nur unnötige Kosten

          Fragt man die Verbraucherzentrale Hessen, ist das alles vollkommen überflüssig. „Unser Leitungswasser hat eine hohe Qualität, man braucht in Deutschland in der Regel keine Wasserfilter“, sagt Wiebke Franz aus der Fachgruppe Lebensmittel. Solche Vorrichtungen würden nur unnötige Kosten verursachen. Und wenn man sie falsch nutze, könne das sogar negative Folgen haben.

          Tischkannenfilter beispielsweise, die das Wasser über Ionenaustauscher enthärten, Küchengeräte schonen und Tee und Kaffee schmackhafter machen sollen, enthalten zudem Aktivkohlefilter, die Geruchsstoffe und Schwermetalle binden. Diese Filter müssen regelmäßig ausgetauscht werden. Weil die Geräte aber häufig nicht akkurat anzeigen, wann ein neuer Wechsel ansteht, können sich die unerwünschten Stoffe, die eigentlich aus dem Wasser entfernt werden sollen, wieder aus dem Filter lösen und noch höher konzentriert im Trinkwasser landen. Die größte Gefahr aber besteht darin, das Wasser längere Zeit in den Filtern stehen zu lassen. Dann können sich die Keime darin fröhlich vermehren.

          In den Umkehrosmose-Filtern wird das Wasser durch winzige Poren gepresst. Weil sie zusammen eine riesige Oberfläche bilden, müsste das Wasser eigentlich durchgehend laufen. Ansonsten droht auch hier eine Verkeimung. Zudem wird der Großteil des Wassers verworfen. So entstehen Strom- und Wasserkosten, die man zu den mehreren hundert bis tausend Euro hinzuaddieren muss, die eine solche Anlage kostet.

          Die vielen Kunden, die sich dennoch für den Einbau eines Wasserfilters entscheiden, ließen sich von völlig abwegigen Versprechen locken, sagt Wiebke Franz. So soll das gefilterte Wasser beim Entschlacken helfen oder „energetisiertes“ Wasser vitaler machen. „Die Verbraucher befürchten außerdem Belastungen wie Blei, Pestizide, hormonelle Rückstände, Uran oder Arzneimittel.“

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Letzteres ist nicht ganz unberechtigt. Tatsächlich fand man in den vergangenen Jahren immer wieder Rückstände solcher Stoffe im Trinkwasser. Für die meisten von ihnen, wie Nitrat oder Quecksilber, gelten jedoch strenge Grenzwerte. Anders sieht es mit Arzneimittelrückständen aus. 2011 legte das Umweltbundesamt eine entsprechende Liste vor: 23 verschiedene Wirkstoffe waren an diversen Orten in Deutschland im Trinkwasser nachgewiesen worden, darunter Röntgen-Kontrastmittel, Stoffwechselprodukte von Schmerzmitteln und Cholesterinsenker. Die Entwarnung folgte jedoch auf dem Fuß: Die Konzentrationen sind so gering, dass sie nicht schaden.

          Weitere Themen

          Wie Kunststoffe die Umwelt belasten Video-Seite öffnen

          Videografik : Wie Kunststoffe die Umwelt belasten

          Der Bundestag befasst sich abschließend mit einem Verbot leichter Plastiktüten. Mit der Neuregelung des Verpackungsgesetzes will die Bundesregierung den Verbrauch der Tüten weiter reduzieren. Denn Kunststoffe belasten die Umwelt schwer.

          Street View anno 1940

          Netzrätsel : Street View anno 1940

          Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt im Netz der Netze: Geniales, Interessantes, Nützliches und herrlich Überflüssiges. Diesmal: New York in den Vierzigern.

          Topmeldungen

           Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

          Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

          Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.
          Markus Söder am Sonntag in München

          Söder bei der Jungen Union : Seine Art, sich nicht einzumischen

          Der CSU-Vorsitzende heizt auf dem „Deutschlandtag“ der Parteijugend die Debatte um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur an. So zweifelt Markus Söder unter anderem daran, dass es bei den drei gegenwärtigen Kandidaten bleibt.
          Hier soll Impfstoff abgefüllt werden: im Werk des Impfstoffherstellers IDT Biologika in Dessau-Roßlau

          Wer? Wann? Wo? : Was Sie über die Corona-Impfung wissen müssen

          Bald soll es losgehen mit der Impfung: Kann man sich aussuchen, welchen Impfstoff man bekommt? Wie wirken mRNA-Vakzine? Was ist mit Nebenwirkungen? Und muss man sich aktiv um einen Impftermin kümmern? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.