https://www.faz.net/-gwz-88226

Trinkwasser-Qualität : Sauber ist nicht dasselbe wie rein

  • -Aktualisiert am

Während man in Dinslaken noch auf Grundwasser zurückgreift, wird die Nanofiltration andernorts bereits genutzt, um Wasser aus anderen Quellen zu säubern. Die größte Anlage Europas findet sich nördlich von Paris, hier wird Flusswasser für eine halbe Million Franzosen aufbereitet. In Israel benutzt man die Filtertechnik sogar, um aus Meerwasser Süßwasser zu machen. Einziges Manko sind die hohen Kosten. Einen Druck aufzubauen, der hoch genug ist, um das Wasser durch die Poren zu pressen, frisst enorme Mengen Strom. In Dinslaken tragen die ehemaligen Betreiber der Steinkohle-Stollen die Rechnung. Dazu sind sie gesetzlich verpflichtet.

Besser als eine teure Reinigung des Trinkwassers wäre es deshalb, früher im Kreislauf bei dem Wasser aus Flüssen und Seen anzusetzen. Da sieht Engelbert Schramm allerdings schwarz: „Im Oberflächenwasser findet sich der ganze Zoo schlecht abbaubarer Chemikalien. Und die sind da auch nicht mehr rauszuholen.“ Die Folgen für die Umwelt sind mittlerweile gut erforscht, insbesondere für Chemikalien, die hormonähnlich wirken. Das sind fettlösliche Stoffe wie die Abbauprodukte des Insektizids DDT oder das Holzschutzmittel Hexafluorbenzol. Sorgen macht insbesondere das Ethinyl-Estradiol aus der Antibabypille. In der Nähe mancher Kläranlagen, aber auch in der Umgebung von Industrieanlagen hat man bereits männliche Fische gefunden, die zunehmend verweiblichen. Sie produzieren weniger gesunde Spermien und sind weniger fruchtbar. Eine Hintergrundbelastung durch diese Stoffe, die allerdings nicht allein aus Kläranlagen stammen, ist inzwischen sogar in den entlegensten Regionen nachweisbar. Viele dieser Substanzen sind ausgesprochen flüchtig, steigen in die Atmosphäre und verteilen sich dort. Durch Niederschlag gelangen sie so überall hin, sogar in Hochgebirgsseen in mehreren tausend Meter Höhe. Auch hier wirken sie auf Fische, berichteten Forscher vor kurzem in den Nature Scientific Reports.

In der Schweiz wird es deshalb von 2016 an strengere Richtlinien zum Gewässerschutz geben. Auch das deutsche Umweltbundesamt spricht sich dafür aus, die Abwasseraufbereitung in großen Kläranlagen zu verbessern. Bisher gibt es hier drei Reinigungsstufen: Zu Beginn wird das Wasser mechanisch gereinigt, grobe Verschmutzungen werden herausgefiltert. Darauf folgt die biologische Reinigung, bei der man sich die Arbeit von Mikroorganismen zunutze macht. Sie können verschiedene organische Schadstoffe, aber auch Schwermetalle abbauen. In der dritten Reinigungsstufe setzt man dann Chemikalien zu, damit beispielsweise die Phosphate aus der Landwirtschaft wasserunlöslich werden und sich als Schlamm absetzen.

Aktivkohle oder Ozon als letzte Reinigungsstufe

Trotz dieser aufwendigen Reinigung bleiben Substanzen wie Hormone oder Arzneimittel im geklärten Wasser. Eine vierte Reinigungsstufe könnte diese Reste deutlich reduzieren. Entweder kann man dem Wasser Aktivkohle zusetzen, an die sich kleine Moleküle anlagern. Oder man verwendet Ozon. Seine dreiatomigen Sauerstoffmoleküle reagieren sehr bereitwillig mit anderen Stoffen. Es baut daher Mikroverunreinigungen ab oder verändert sie so, dass sie besser herausgefiltert werden können.

In Zukunft könnte man sich noch ganz andere Möglichkeiten vorstellen, Mikroverunreinigungen abzubauen. Ferdinand Brandl vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat Kleinstpartikel entwickelt, die fettlösliche Stoffe wie Bisphenol A oder weibliche Geschlechtshormone binden. Unter Einfluss der UV-Strahlung würden sie dann instabil, lagerten sich zu größeren Gebilden zusammen und fielen aus. Die Partikel, sagt Brandl, seien aber eher für Notfallmaßnahmen, etwa nach Chemieunfällen, geeignet als für die Routine-Reinigung. Dafür seien sie einfach noch zu teuer.

Im Kölner Wasserladen traut man all dem nicht. „Stellen Sie sich doch lieber ein eigenes kleines Wasserwerk in die Küche“, sagt die Inhaberin. Sie wirbt mit einer Broschüre über die Forschung des französischen Ingenieurs Louis-Claude Vincent (1906 bis 1988). Der habe festgestellt, dass hartes, mineralreiches Wasser dem Körper schade. Deshalb solle man sein Wasser stets entmineralisieren. Vincent schrieb noch mehr in seinem Leben, darunter achthundert Seiten über einen versunkenen Kontinent namens „Mu“ und entwickelte zahlreiche Theorien über latente Stoffwechselstörungen. Wissenschaft war nichts davon.

Weitere Themen

Die unterschätzten Klimaretter

Bedrohte Moorgebiete : Die unterschätzten Klimaretter

Die Moore sind gefährdet. Immer mehr dieser Feuchtgebiete trocknen aus. Dabei sind sie für das Erdklima mindestens so wichtig wie unsere Wälder, wie zwei aktuelle Studien belegen.

Rettet Verzicht die Welt? Video-Seite öffnen

Degrowth : Rettet Verzicht die Welt?

Verzicht auf Konsum, Teilen statt Besitzen und Schrumpfen der Industrie - das fordert die Degrowth-Bewegung als Maßnahme gegen den Klimawandel. Kritiker sagen, Degrowth fördere die Arbeitslosigkeit.

Topmeldungen

Borussia Dortmund : Favre und die Anzeichen der Entfremdung

Lucien Favre ist in eine hochkomplizierte Lage hineingeraten. Obwohl keiner der Verantwortlichen den Trainer öffentlich kritisiert, dürfte er keine große Zukunft bei Borussia Dortmund haben. Wie konnte das nur passieren?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.