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Korallen : Nachwuchs in Gefahr

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Richtig bunt leuchtet beim Schnorcheln möglicherweise bald nur noch die Badehose. Steigende Temperaturen schaden den Korallen. Einige wie Elchgeweihkorallen der Gattung Acropora machen sich schon ans Umsiedeln. Bild: Getty

Die bunten Nesseltiere sind überall auf der Welt bedroht. Nun scheint auch noch ihre innere Uhr aus dem Takt geraten - das macht ihnen die Fortpflanzung unmöglich.

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          Wenn Korallen sich fortpflanzen, dann ist das eine spektakuläre Show. „Es sah aus wie ein bunter, kopfüber wirbelnder Schneesturm vor meinen Augen“, beschreibt der israelische Zoologie-Doktorand Tom Shlesinger das Spektakel, das sich ihm in einer Juninacht 2015 an einem Riff im Golf von Aqaba bot. Es war bereits die 15. Nacht, die er unter Wasser ausharrte. Eine Koralle nach der anderen schickte kleine, pinke Pakete aus Eizellen und Spermien ins Wasser. Absolut synchron reihten sich Tausende der Meerestiere in das Schauspiel ein. Da wusste Shlesinger noch nicht, dass solch perfekt orchestrierte Laich-Ereignisse seltener werden. Und auch nicht, dass er in den nächsten fünf Jahren rund dreihundert Nächte unter Wasser verbringen und dabei eine Reihe beunruhigender Entdeckungen machen würde.

          Der Zustand von Korallen ist weltweit kritisch. Steigende Wassertemperaturen, Plastikmüll, Sedimenteintrag, chemische Schadstoffe und die Übersäuerung der Meere bedrohen die Riffe. Doch noch ein Faktor gefährdet ihr Überleben. Bei ihrer Fortpflanzung müssen Korallen absolut synchron vorgehen. Das präzise innere Uhrwerk der Nesseltiere scheint jedoch aus dem Takt geraten zu sein. Davon berichten Shlesinger und seine Kollegen nun in Science. Und sie haben auch eine Vermutung, was hinter der Verschiebung steckt. Immer dringlicher wird die Frage, ob die Korallen noch zu retten sind. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt allerdings auch, dass sie, wenn es ums Überleben geht, wahre Kämpfer sind.

          Für viele Korallen kommt jede Hilfe zu spät

          Für viele Riffe kommt jede Hilfe zu spät. Der Hitzestress hat sie bereits in kalkene Friedhöfe verwandelt. Einst farbenfrohe Taucherparadiese bestehen nur noch aus bleichen Skeletten. Sie bleiben zurück, wenn Flachwasserkorallen bei zu hohen Temperaturen ihren Mantel aus winzigen, bunten Algen abwerfen. Diese Untermieter versorgen die Korallen normalerweise mit Nährstoffen. Kühlt sich das Wasser nicht rechtzeitig ab, bleiben die Korallen nackt und sterben auf Dauer ab. Durch wiederholte, dicht aufeinanderfolgende Bleichen in den letzten Jahren sind so bereits große Teile der tropischen Flachwasserriffe zerstört worden. „Ein Drittel der Riffe scheint verloren zu sein“, sagt Reinhold Leinfelder, Paläontologe und Geobiologe an der Freien Universität Berlin. „Ein Drittel ist extrem gefährdet, und einem weiteren Drittel geht es noch einigermaßen gut.“ Dazu zählen eigentlich auch die Korallen im nördlichen Roten Meer, wo Shlesinger forscht. Hohe Temperaturen scheinen ihnen wenig anzuhaben. Deshalb gelten sie als besonders robust.

          Dennoch war Shlesinger im Sommer 2015 mit den meisten Versuchen für seine Doktorarbeit an der Universität Tel Aviv gescheitert. Er wollte herausfinden, wie Umweltveränderungen in das Leben von Korallen eingreifen. Dazu mühte er sich, selbst neue Larven zu züchten. Ein aufwendiges Unterfangen: Die meisten Arten laichen nur einmal im Jahr in einer ganz bestimmten Nacht. Sonneneinstrahlung, Wassertemperaturen, Regen, Wind und Gezeiten legen den Monat fest. Die genaue Nacht ist vom Mondstand abhängig, die genaue Stunde vom Sonnenaufgang. Seine Forschungsarbeit konzentrierte sich deshalb auf wenige Tage im Jahr. Wenn er diesen Zeitpunkt verpasste oder etwas nicht richtig klappte, musste er ein ganzes Jahr warten, um seine Versuche zu wiederholen. Dabei experimentierte er mit unterschiedlichen Korallenarten, doch viele spielten einfach nicht mit. Sie laichten zu anderen Zeitpunkten als bis dahin dokumentiert. „Erst war ich erstaunt über mein andauerndes Scheitern“, sagt Shlesinger. „Dann kam mir der Verdacht, dass dahinter vielleicht mehr stecken könnte.“

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