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Korallen : Nachwuchs in Gefahr

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Retten sich Korallen selbst?

Womöglich sind die Meerestiere jedoch längst dabei, sich selbst zu retten. Das legt ein im Juli veröffentlichter Beitrag in der Fachzeitschrift „Marine Ecology Progress Seriesnahe. Dafür wertete die amerikanische Meeresbiologin Nichole Price mit ihrem Team fast hundert zwischen 1974 und 2012 erschienene Studien aus, für die sogenannte „settlement tiles“ verwendet wurden. Diese „Siedlungsfliesen“ werden von Korallenforschern genutzt, um zu prüfen, wie viele Korallenlarven sich in einer bestimmten Zeit in einem Gebiet niederlassen. Das Ergebnis der Auswertung: Zwar ging die Neuansiedlung von Korallen in den Tropen während der letzten Jahre zurück, dafür siedelte mehr Nachwuchs in den Subtropen. Jugendliche Acropora-Korallen, die artenreichste Gattung der Steinkorallen, wachsen zum Beispiel in Kolonien an der Ostküste Floridas.

Doch um die massiven Verluste in den Tropen auszugleichen, reicht die Zahl der Abwanderer in die Subtropen nicht aus. Und noch weiter polwärts könnten die Korallen nicht mehr ausweichen. Unter den Bedingungen, die dort herrschen, können sie nicht überleben. Das sogenannte „Riff-Fenster“, mit dem Leinfelder und seine Kollegen die Gesamtbreite der möglichen Lebensräume für Korallen beschreiben, ist durch evolutionäre Anpassung über Millionen von Jahren geschrumpft. Dabei gab es durchaus Zeiten, in denen Korallen anpassungsfähiger waren. „In der Jurazeit gab es Korallen noch in Milieus, in denen wir sie heute nicht mehr finden“, sagt Leinfelder. „Da tauchten sie sogar im Brackwasser auf, wo es viele Nährstoffe gab.“ Heute hingegen läuft die Photosymbiose der tropischen Flachwasserkorallen und ihres Algenbewuchses so effizient ab, dass sie perfekt an nährstoffarme Gebiete angepasst sind. „Der Vorteil ist, dass sie dort existieren können, wo andere nicht überleben“, sagt Leinfelder. „Der Nachteil ist, dass sich diese evolutionäre Einnischung nicht einfach wieder zurückdrehen lässt.“

Einige „Urzeitkorallen“ gibt es noch, sogenannte atavistische Riffe, die ähnliche Merkmale wie in vergangenen Evolutionsstadien aufweisen. Vor der Amazonasmündung habe man verwunderlicherweise korallenriffartige Strukturen entdeckt, berichtet Leinfelder. „Dort haben offenbar einige Korallen durchgehalten und kommen bis heute mit hohen Nährstoffraten zurecht.“ Einfach umsiedeln lassen sich solche Arten jedoch nicht. Dazu sind sie zu speziell an ihren jeweiligen Standort angepasst.

Stattdessen gibt es andere Versuche, den Korallen zu helfen. Einige Forscher züchten Larven im Labor, die sie nach großen Bleichen aussetzen. Oft gelingt die Ansiedlung – vorausgesetzt, dass das Riff ansonsten nicht geschädigt ist, etwa durch Überdüngung. „Es gibt eine große Diskussion dazu, welcher Faktor denn nun am gefährlichsten für die Korallen ist, wogegen wir zuerst vorgehen müssen“, sagt Leinfelder. Dabei werde keine Maßnahme allein helfen. Stattdessen müsse gleichzeitig gegen den Klimawandel, die generelle Verschmutzung und die Überfischung der Meere vorgegangen werden. „Besonders sinnvoll wären neue Schutzkonzepte“, glaubt Leinfelder. „Es gibt Korallen, die kämpfen bis zuletzt, um sich anzupassen.“ Das geschehe aber oft in geschädigten Riffen, die dann schon nicht mehr schön anzusehen seien. „Da dürfen wir nicht wegschauen“, mahnt er. „Stattdessen müssen wir auch diese Riffe im Auge behalten und Schutzmaßnahmen ergreifen.“ Dort geschehe schließlich die größte Anpassung.

Die Erdgeschichte hat gezeigt: Korallen können sich weiterentwickeln und sich dabei immer wieder an unterschiedliche Lebensräume anpassen. Ob die Riffe auch die aktuellen Veränderungen ihrer Umwelt überstehen werden, kommt darauf an, wie viel Zeit ihnen dafür noch zur Verfügung steht.

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