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Korallen : Nachwuchs in Gefahr

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Nächte unter Wasser

Darum tauchte Shlesinger ab. Nacht für Nacht ging er ins Wasser und lernte die Gewohnheiten der Meerestiere kennen. Er richtete seinen Alltag nach dem Mondzyklus aus, schlief tagsüber, um nachts im Riff sein zu können, und behielt ständig Gezeiten, Wind, Temperatur und Strömungen im Blick. Bald fielen ihm Ungereimtheiten auf: Arten, die im Jahr zuvor bei Vollmond gelaicht hatten, pflanzten sich plötzlich bei Neumond fort. Andere Arten entließen an vielen aufeinanderfolgenden Nächten Samen- und Eizellen ins Wasser. Jede Nacht nur ein paar Korallenkolonien, ganz anders als das synchrone Massenlaichen zuvor.

Zusammen mit Kollegen ging Tom Shlesinger nun den Unregelmäßigkeiten auf den Grund. Dabei konzentrierten sie sich auf fünf Korallenarten in zwei Gebieten – eines davon vor der besiedelten Küste, ein anderes in einem Naturschutzgebiet. So wollten die Forscher prüfen, ob möglicherweise menschliche Störfaktoren wie Nährstoff- und Sedimenteinträge oder Lichtverschmutzung den natürlichen Fortpflanzungsrhythmus der Korallen stören. Tatsächlich jedoch sind die Laichereignisse an beiden Orten durcheinandergeraten, wie Shlesinger und sein Doktorvater Yossi Loya in „Science“ beschreiben. Das betrifft zumindest drei der fünf beobachteten Arten.

Die Bedrohung für die Korallen im Roten Meer fällt weniger ins Auge als die verstörenden Geisterriffe, die nach den großen Bleichen zurückbleiben. Doch das genaue Timing bei der Fortpflanzung ist auf lange Sicht überlebenswichtig für die Korallenarten, denn nur wenn viele von ihnen auf einmal ihre Ei- und Samenpakete losschicken, verschmelzen genug Keimzellen und können sich zu Larven entwickeln. Diese treiben in der Strömung mit und siedeln sich auf geeignetem Untergrund in neuen Kolonien an. Laichen nicht mehr alle Korallen gleichzeitig, sinkt die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Befruchtung und Ausbreitung. Das zeigt auch die aktuelle Studie: Nur die Populationen der Arten, die sich noch synchronisiert fortpflanzen, sind gewachsen. Die Bestände der anderen Arten gehen zurück.

Riffe sind die vielfältigsten Ökosysteme im Meer

Als mögliche Ursachen für die gestörte Fortpflanzung nennen Shlesinger und Loya Lichtverschmutzung, die Erwärmung des Meeres oder Spuren hormoneller Schadstoffe, die ins Wasser gelangen und sich über größere Gebiete hinweg verteilen. Die Beobachtungen zeigen, dass selbst vermeintlich stabile Riffe längst durch diese menschlichen Einflüsse gefährdet sein könnten.

Dabei steht mehr auf dem Spiel als ein paar schöne Schnorchelgebiete. „Eine Welt ohne Korallen wäre eine sehr, sehr arme Welt“, sagt Reinhold Leinfelder. „Korallen sind schon immer eine Wiege der Biodiversität gewesen. Riffe sind die vielfältigsten Ökosysteme, die wir in den Meeren haben.“ Auch dienen Korallen als natürlicher Küstenschutz, indem sie die Wellenenergie abfangen und die Wellenhöhe verringern. Zudem bedienen sich Wissenschaftler auf der Suche nach neuen Arzneimitteln gern in der sogenannten „blauen Apotheke“. Immer wieder werden neue Substanzen in Korallenriffen entdeckt, die von medizinischem Nutzen sein könnten. Ihr Exoskelett enthält beispielsweise besonders viel Kalzium und eignet sich deswegen als Knochenersatz in der Zahnheilkunde. Im Schutz von Saum- und Barriereriffen bildeten sich außerdem schöne Sandstrände für Touristen, sagt Leinfelder. Korallen seien also durchaus auch ein Wirtschaftsfaktor. Für ihren Erhalt tut sich – trotz des großen Werts – allerdings nur langsam etwas.

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