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Kontinentverschiebung : Wenn die Platte springt

Bild: F.A.Z.

Die Tragödie in Japan zeigt, dass wir selbst bekannten Naturprozessen oft hilflos ausgeliefert sind. Denn seismologisch gesehen begann das Beben am Mittwoch - doch das weiß man erst jetzt.

          5 Min.

          Man hatte gerade einem Fachvortrag gelauscht. Das Seminar zur Geowissenschaft des Ozeanbodens findet am Atmosphere and Ocean Research Institute der Universität Tokio freitags statt, im ersten Stock eines erst vor kurzem fertiggestellten Gebäudes. Diese Woche ging es um den Meeresboden vor Sumatra und das Erdbeben der Magnitude 9,1 vom Dezember 2004. Gegen Viertel vor drei Ortszeit waren die Forscher noch in die Diskussion vertieft, da wurde ihr Gegenstand auf einmal unheimlich real.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir spürten zunächst eine starke Auf- und Abwärtsbewegung“, berichtet der Seismologe Frederik Tilmann vom Geoforschungszentrum in Potsdam in einer E-Mail aus Tokio. „Nach etwa zehn bis fünfzehn Sekunden war klar, dass es sich um ein größeres Beben handeln würde, und wir sind schnell aus dem Gebäude gerannt. Während der Evakuierung kamen dann die Horizontalbewegungen hinzu, die sehr viel heftiger waren, aber auch eine recht geringe Frequenz hatten. Bewegungen der Strukturen im Gebäude verursachten ein metallisches Rasseln. Als wir draußen versammelt waren, bewegte sich der Boden in einer rollenden Bewegung. Dies fühlte sich so ähnlich an wie auf einem Boot, dass in sanften Wellen rollt. In dieses Rollen kamen dann die auch noch recht starken Erschütterungen von Nachbeben, die anfangs fast im Minutentakt zu spüren waren.“

          Wie gingen die Forscher mit der Situation um? „Es war kein Anzeichen von Panik zu bemerken“, erinnert sich Tilmann. „Nachdem klar war, dass keine persönliche Gefahr mehr bestand, überwog zunächst die wissenschaftliche Neugierde. Recht schnell konnten wir dann aber auf den Mobiltelefonen unserer japanischen Kollegen die Tsunami-Warnung und dann auch die schrecklichen Bilder vom Tsunami sehen, und da waren wir natürlich sehr bestürzt über die vielen Opfer, die sich da schon absehen ließen.“

          Nach allem, was sich bislang sagen lässt, war das Desaster vom Freitag in seinem Ausmaß eine Besonderheit, nicht aber in seiner Ursache. Vor der Ostküste Japans schiebt sich die Pazifische Platte mit einer Geschwindigkeit von 85 Millimetern im Jahr unter Eurasien. Die Pazifikplatte ist aus vergleichsweise altem, dichtem und kühlem Gestein, knickt vor der leichten und daher obenauf schwimmenden kontinentalen Krustenplatte Eurasiens in den Erdmantel ab und wird dann von seinem eigenen Gewicht in die Tiefe gezogen. Die Linie dieses Knicks, markiert durch eine Tiefseerinne, den sogenannten Japangraben, verschiebt sich daher langsam immer weiter nach Osten. Das übt einen ebenfalls nach Osten gerichteten Zug auf den Rand Eurasiens aus und hat dadurch im Laufe von Jahrmillionen den Inselbogen vom eurasischen Festland getrennt. Japan als Insel gibt es eigentlich nur wegen dieses sogenannten Subduktionsprozesses.

          „Das ist ein ganz erhebliches Stück Kruste“

          Subduktionszonen aber sind Erdbebengebiete. 95 Prozent aller Beben finden entlang solcher aktiven Plattengrenzen statt, die sich weltweit über mehr als 40.000 Kilometer erstrecken. Dort reiben sich die übereinandergleitenden Platten und verhaken sich, bis der horizontale Druck zu groß wird und die Kontaktstelle über eine gewisse Strecke bricht. Am Freitag brach sie vor der Küste der japanischen Hauptinsel Honshu auf einer Länge von etwa 390 Kilometern. „Das ist ein ganz erhebliches Stück Kruste“, zitiert die New York Times den Erdbebenexperten Dave Applegate vom US Geological Survey, der amerikanischen Geologiebehörde. Mit einem Ruck habe sich die Platte dabei um etwa 15 Meter bewegt. Das dabei ausgelöste Beben hatte nach vorläufigen Schätzungen eine Stärke - oder Magnitude - von 8,9.

          Laut Applegate kündigte es sich in diesem Fall durch Vorbeben an, darunter eines mit Magnitude 7,2, das am Mittwoch nur 40 Kilometer südlich des späteren Epizentrums auftrat. Im Grunde, sagt Applegate, war das Freitagsbeben ein Nachbeben dieses Ereignisses. Weitere Nachbeben, darunter eines der Stärke 7,1, folgten im Laufe des Freitags, und solche mit 5 und 6 wurden noch am Samstag registriert. Doch da Magnitude ein sogenanntes logarithmisches Maß ist - eine um eins höhere Magnitude bedeutet das 30-Fache der freigesetzten Energie -, waren sie vergleichsweise unbedeutend.

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