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Permafrost : Bis einem das Pferd im Boden versinkt

  • -Aktualisiert am

Das sieht kalt aus. Doch zu viel Schnee hält eingedrungene Wärme im Boden zurück. In Zukunft müssten jakutische Reiter dann ihre Routen ändern, um nicht zu versinken. Bild: Alexander/Arcticphoto/laif

Die Erde unter Sibirien war immer gefroren. Nun setzt ihr nicht nur der Klimawandel zu. Auch gigantische Waldbrände nagen am Permafrost – mit auf lange Sicht fatalen Folgen.

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          Dichte Rauchschwaden verdunkelten die Stadt Jakutsk in diesem Sommer, wochenlang umgab sie ein Feuer von der Größe Nordrhein-Westfalens. In Sibirien und Alaska standen weite Teile der Taiga-Wälder in Flammen, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet auf der Erde. Seit ein paar Wochen sind die Feuer erloschen, doch dieser Sommer könnte noch verheerende Folgen für die arktischen Landschaften und ihre Bewohner haben. Die Hauptstadt der sibirischen Provinz Jakutien gilt eigentlich als kälteste Metropole der Welt. So manche ihrer 250.000 Einwohner tragen im Winter Pelzmäntel über ihren Daunenjacken, denn das Thermometer sinkt auch in einem milden Dezember auf 30 Grad unter den Gefrierpunkt. Und dennoch droht nun der Boden unter ihren Füßen zu schmelzen.

          Rund ein Viertel der Landflächen in der nördlichen Hemisphäre sind von Permafrost bedeckt. Diese dauerhaft gefrorenen Böden reichen in Sibirien rund 1,5 Kilometer tief in die Erde, in Skandinavien dagegen sind es teilweise nur wenige Meter. Die Dauerfrostböden sind ein entscheidender Faktor im Klimasystem, denn sie verbergen gigantische Mengen Kohlenstoff: Nach aktuellen Schätzungen speichern sie weltweit rund 1600 Gigatonnen und somit fast doppelt so viel wie die Atmosphäre. Steigende Temperaturen bringen den Permafrost aus dem Gleichgewicht. „Die Erwärmung ist dramatisch, gerade in der Antarktis“, sagt Guido Grosse. Er leitet die Forschungsarbeiten über Permafrost am Alfred-Wegener-Institut in Potsdam. „Global sprechen wir von einem Grad Erwärmung seit der Industrialisierung. In der Arktis sind wir bei drei bis vier Grad.“

          Neue Höchsttemperaturen im Untergrund

          Es ist ein Teufelskreis: Waldbrände wie diesen Sommer sind einerseits Folge der steigenden Temperaturen, andererseits heizen sie der Region weiter ein. Grundsätzlich sind die Feuer im hohen Norden nicht ungewöhnlich. „In der Arktis brennt es immer wieder, das ist normal“, sagt Mathias Ulrich, ein Geograph an der Universität Leipzig. „Doch über die Ausmaße in diesem Jahr muss man sich sicherlich Gedanken machen.“ In der Regel brechen die Feuer im Juli oder August aus – durch Blitzschlag oder weggeworfene Zigaretten, an denen sich die ausgedörrte Taiga-Vegetation entzündet. In diesem Jahr brannten die Wälder aufgrund des heißen Sommers jedoch schon im Juni. Und vermutlich standen nicht nur Sträucher und Bäume in Flammen: „Aufgrund der Größe und Dauer der Feuer kann man durchaus davon ausgehen, dass auch die Torfschicht mitgebrannt hat“, sagt Grosse. Vegetation, Humus und Torf aber schirmen den Dauerfrostboden unter ihnen vor der Sommerhitze ab. Geht dieser Schutz verloren, wird der Permafrost von der Sonnenwärme angegriffen, sagt Guido Grosse. In kälteren Regionen im Norden sei der Frostboden noch stabil „Aber weiter südlich, gerade in Zentraljakutien oder in Zentralalaska, hat das einen sehr großen Einfluss.“

          An vielen Langzeitmessstellen in der arktischen Polarregion haben Sonden in zehn bis zwanzig Meter Tiefe neue Höchsttemperaturen gemessen, berichtet der Weltklimarat IPCC in seinem jüngsten Sonderreport zu Veränderungen der Ozeane und der mit Eis bedeckten Erdteile. An einigen Stellen liegen die Temperaturen im Untergrund heute bis zu drei Grad höher als vor 30 Jahren.

          Kohlenstoff aus dem eisigen Tresor

          Die gesamten Auswirkungen der sommerlichen Brände könnten sich dann auch erst in ein paar Jahren zeigen. Grosse hat das bei Waldbränden in der Vergangenheit beobachtet: „Bei einem großen Tundra-Feuer in Nordalaska im Jahr 2009 wurde an der Oberfläche erst zwei, drei Jahre später sichtbar, dass die Brände einen deutlichen Einfluss hatten und der Permafrost zu tauen begann.“ Nicht alle Waldbrände fügen dem Frostboden dauerhaften Schaden zu. Allerdings spielten im Moment viele Faktoren zusammen: „Höhere Durchschnittstemperaturen, größere Brände, menschlicher Einfluss – das alles im Zusammenspiel sorgt dafür, dass größere Flächen tauen“, sagt Ulrich.

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