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Permafrost : Bis einem das Pferd im Boden versinkt

Ist das thermische Gleichgewicht des Permafrosts einmal gestört, beschleunigt sich der Wandel weiter. Die obere Schicht der Frostebene taut im Sommer auf und friert im Winter wieder zu. „Dieser sogenannte active layer wird durch Störprozesse wie die Brände immer mächtiger“, sagt Ulrich. „Irgendwann kann es sein, dass er im Winter nicht mehr komplett durchfriert.“ Kriecht die Wärme zu tief in den Untergrund, bleibt zwischen der saisonalen Auftauschicht und den permanent gefrorenen Bodenschichten ein Bereich zurück, der auch während der kälteren Monate des Jahres ungefroren bleibt. „Das nennt man Talik“, erklärt Ulrich. „Wenn dieser Bereich größer wird, treibt das den Tauprozess noch weiter voran.“

Das würde auch den im Permafrost gespeicherten Kohlenstoff aus seinem eisigen Tresor befreien. Die Mikroorganismen im Boden werden munter, bauen den Kohlenstoff um und setzen so Methan und Kohlendioxid frei. Die Gase wiederum erwärmen den Permafrost zusätzlich. Schon jetzt setzen die Böden in der Arktis auch im Winter Kohlendioxid frei, wie ein Team um Susan Natali vom Woods Hole Research Center in Massachusetts vor wenigen Tagen in Nature Climate Change berichtete. Von Oktober bis April verliere der Permafrost durchschnittlich 1,7 Millionen Tonnen Kohlenstoff – und damit rund 0,7 Millionen Tonnen mehr, als Pflanzen und Böden während der Sommermonate durchschnittlich aufnehmen.

An schwindende Böden kann man sich nicht gewöhnen

In diesen Wochen setzt in Sibirien langsam der Winter ein. Damit die Auftauschicht des Permafrosts während der kommenden Monate wieder gut zufrieren kann, dürfen in dieser Zeit nicht zu viele Flocken fallen. Denn auch der Schnee wirkt wie Isolationsschicht: Er schirmt den Boden im Winter vor dem dringend benötigten Frost ab. Je mehr Schnee liegt, umso schlechter kann die Winterkälte in den Boden eindringen, sagt Grosse. „In Gebieten, in denen die Schneemächtigkeit über die Jahre hinweg zugenommen hat, kann man ganz deutlich eine Permafrost-Erwärmung feststellen.“

Taut der Permafrost, wird sich auch die Landschaft in der Arktis verändern. Ohne das stabile Eis im Untergrund sackt der Boden ab, und es entstehen Senkenbereiche. Wo früher Nadelbäume wuchsen, bilden sich dann Tauseen oder Graslandschaften. Diese sogenannten Thermokarststrukturen entstehen auch auf natürliche Weise und haben es wahrscheinlich indigenen Völkern überhaupt ermöglicht, in der Region zu siedeln. „Die Jakuten sind vor achthundert Jahren aus dem Süden in die Region eingewandert“, sagt Ulrich. Bis heute weiden ihre Pferde und Rinder auf den mit Gras bewachsenen Thermokarstsenken. Wer in dieser Region überleben will, passt sich der Arktis an: Rentierzüchter im Norden Sibiriens nutzen den Permafrost wie einen Kühlschrank, berichtet Ulrich. In kühlen Gruben lagern sie Fleisch.

Doch an schwindende Böden kann man sich nicht gewöhnen. Schon gibt es Schäden an der Infrastruktur, ausgelöst durch den aufweichenden Dauerfrost, berichtet der IPCC in seinem Sonderreport. Straßen sacken ab, Hunderte Gebäude sind bereits eingestürzt. Auch die Nomaden haben mit den Folgen zu kämpfen: „Ihre Wanderungen werden gestört, weil der Boden auftaut und sie mit ihren Rentieren bestimmte Flächen nicht mehr betreten können“, sagt Ulrich. Außerdem könnten alte Thermokarstseen versickern. „Diese Seen sind aber häufig der einzige Wasserspeicher der Region.“ Mancher mag behaupten, die wärmeren Temperaturen brächten der lokalen Bevölkerung auch hier und da Vorteile. „Die Sommer werden länger, die Winter nicht mehr ganz so harsch“, sagt Ulrich. So können die Bewohner Jakutsks womöglich bald auf den zusätzlichen Pelzmantel verzichten. Doch ein stabiler Boden unter den Füßen ist noch viel mehr als die vielzitierte Gesundheit, Freiheit oder Sicherheit: Ohne ihn ist wirklich alles nichts.

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