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IPCC-Klimabericht : Staaten unternehmen viel zu wenig bei Klimaanpassung

Blick auf die Naturgewalten: Waldbrände in der Region Chefchaouen im Norden Marokkos im vergangenen August Bild: AFP

Der Weltklimarat IPCC warnt in seinem neuen Sachstandsbericht vor „gefährlichen und weitreichenden Zerstörungen von Natur“. Europa wird überdurchschnittlich hart von den Folgen des Klimawandels getroffen.

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          Immer wieder ist bei der Vorstellung des  Weltklimaberichts von einem kurzen Zeitfenster die Rede, das sich schnell schließe.  Nur wenn man jetzt rasch handele, sei es noch möglich, eine „lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle zu sichern“. Der zweite  Teilbericht des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC, der am Montag vorgestellt wurde, zeigt die Folgen des Klimawandels auf. Danach leben  3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen weltweit in hochgradig betroffenen Regionen. Ein weiteres Viertel der Menschheit müsse mindestens zeitweise mit drastischen Veränderungen aufgrund der Erderwärmung rechnen. „Gefährliche und weitreichende Zerstörungen von Natur und den Lebenswelten von Milliarden Menschen“ seien bereits heute vom menschengemachten Klimawandel verursacht, so der IPCC.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
          Timo Steppat
          Redakteur in der Politik.

          Ein Überschreiten der im Pariser Klimaabkommen angepeilten Maximal­erwär­mung von 1,5 Grad seit Beginn der Industrialisierung würde die Schäden weltweit in den Städten, der Landwirtschaft und der Natur vervielfachen. Derzeit sind wir bei einem globalen Temperaturanstieg von knapp 1,2 Grad angekommen. Mit dem Bericht der IPCC-Arbeitsgruppe zwei wird damit schon wie im ersten Teilbericht vor einem halben Jahr die 1,5-Grad-Grenze als entscheidende Schwelle zu einem vielerorts kaum noch zu kontrollierenden Klimawandel markiert. Der Bericht zeigt auf, dass die Staaten in Sachen Klimaanpassung noch immer viel zu wenig unternehmen. Es gebe eine erhebliche Lücke zwischen dem, was schon heute nötig sei, und dem, was man auf den Weg bringe.

          Mehr Hitzewellen und Trockenheit in Europa

          Von mehr als zweihundert Wissenschaftlern weltweit sind in den vergangenen drei Jahren sämtliche Daten zu den Folgen, zur Verwundbarkeit und den Anpassungsmaßnahmen zusammengetragen und in einem mehr als tausendseitigen Bericht ausgewertet worden. In der nun präsentierten fünfunddreißigseitigen „Zusammenfassung für die politischen Entscheider“ wird festgestellt, dass  bereits in den nächsten beiden Jahrzehnten zunehmende Klimagefahren drohen oder spürbar werden, wenn der Klimawandel nicht schnell begrenzt wird.

          Die Folgen sind massiv und in ihrer Gänze kaum abzusehen. In Asien etwa beschleunige der Klimawandel die Ausbreitung von Krankheiten wie Denguefieber und Malaria, heißt es. Auch Europa –  hier vor allem der Süden –  müsse vermehrt mit Hitzewellen und Trockenheit rechnen. Aufgrund steigender Temperaturen könnten in Zukunft mehr Europäer, die anfällig für Hitzestress sind, sterben. Die Fänge der Fischer in Afrika könnten deutlich sinken, weshalb Teilen der Bevölkerung eine entscheidende Proteinquelle fehle und mit einem deutlichen Anstieg der Unterernährung zu rechnen sei.

          Auch wenn der weltweite Temperaturanstieg nur zeitweise 1,5 Grad überschreiten sollte und dann wieder gesenkt würde, hätte dies schwerwiegende und teilweise unwiderrufliche Schäden für Ökosysteme und Gesellschaften zur Folge. In dem Bericht werden kurzfristige Klimawandelfolgen bis 2040 von mittel- und langfristigen Folgen abgegrenzt. Vor allem diese kurzfristigen Folgen bei der derzeit stark beschleunigten Erwärmung mit sehr viel drastischeren Auswirkungen als lange gedacht sind bislang unterschätzt worden, wie der IPCC-Bericht deutlich macht. Beispiel Landwirtschaft: „Jedes Zehntel Grad Erwärmung jenseits der 1,5 Grad wird zu eskalierenden wirtschaftlichen Schäden und häufigeren regionalen Ernteausfällen führen“, sagt Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

          Die Schlüsselrisiken für Europa

          „Die Risikoschwellen“, so resümiert einer der beiden Hauptautoren des neuen IPCC-Berichts, Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, „werden schon bei deutlich niedrigeren Temperaturwerten erreicht“. Pörtner beklagt vor allem die nach wie vor große Lücke zwischen den Erkenntnissen zu den Klimawandelrisiken, die sich auch in den vergangenen acht Jahren weiter beschleunigt haben, und der Umsetzung in klimapolitisches und vorsorgliches Handeln. Besonders betont wird die enge Verknüpfung von Klimawandel und den Risiken für die Ökosysteme, von denen ein Großteil der Erdbevölkerung abhängig ist.

          Möglichst schnell müsse sichergestellt werden, dass zwischen 30 und 50 Prozent der Erdoberfläche vor  weiterer Ausbeutung geschützt  werden. Die Direktorin  des UN-Umweltprogramms UNEP Inger Andersen sagte: „Die Natur kann unsere Rettung sein, aber nur wenn wir sie retten.“ Denn Naturräume könnten dazu beitragen, die Folgen des Klimawandels abzumildern, und dienten dem Klimaschutz.

          Gefahr der Verzehnfachung von Küstenschäden

          Die Paläobiologin Daniela Schmidt von der University of Bristol, ebenfalls Mit­autorin des Berichts wie mehrere andere deutsche Wissenschaftler, betont, dass nach den IPCC-Analysen „Europa überdurchschnittlich stark vom Klimawandel betroffen“ sei, würde nicht schnell und konsequent der Temperaturanstieg gebremst.

          Vier „Schlüsselrisiken“ wurden für Europa identifiziert: Hitzewellen, die das Risiko schwerer Gesundheitsschäden und Toten bei einer Erderwärmung von drei Grad – etwa dem gegenwärtigen Trend – verdoppeln bis verdreifachen würden. Zudem der Hitzestress für die Nahrungsmittelpflanzen sowie Wasserknappheit und Überflutungsrisiken, die bis zum Jahr 2100 bei einem weiteren Fortschreiten der gegenwärtigen Erwärmung allein zu einer Verzehnfachung der Küstenschäden führen würden. Eines der durchgespielten Szenarien im Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass bis 2050 bis zu 183 Millionen Menschen zusätzlich an Unterernährung leiden könnten.

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