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Klimavision „Net-Zero“ : Hier blüht der Optimismus

Strandurlaub auf Spitzbergen: Wie Klimaaktivisten vor dem Kollaps des Klimasystems warnen. Bild: Reuters

Vor Klima-Katastrophen wird oft genug gewarnt. Fünf Jahre Pariser Abkommen sind für Forscher Grund genug, auch mal offen positiv zu denken: Ist das Zwei-Grad-Ziel etwa schon in Reichweite – und vielleicht mehr?

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          Vor fünf Jahren war Klima-Optimismus über Nacht en vogue, in Paris wurden die klimapolitischen Weichen weltweit neu gestellt. Heute allerdings wirkt er wie aus einer anderen Zeit: „Unter zwei Grad zu bleiben erscheint heute sehr viel plausibler als vor ein paar Jahren.“ Zeke Hausfather, Klimamodellierer am renommierten Breakthrough Institute an der amerikanischen Westküste, hat diese Zeilen vor ein paar Tagen auf Twitter gepostet, und er hat nicht viel Widerspruch erhalten. Auch nicht von „Fridays for Future“, wiewohl die Klimarealität längst auf der Seite der Aktivisten ist. In der überhitzten Atmosphäre, die mittlerweile global gesehen im Schnitt bald 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegt, bleibt kein Winkel der Erde mehr ungeschoren vom Klimawandel.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das wärmste je gemessene Jahrzehnt, der wärmste November der Geschichte, die höchsten Mitteltemperaturen in den Ozeanen – überall ist zu spüren, dass sich die Aufheizung weiter beschleunigt. Wie von der Klimaforschung längst prognostiziert und gewarnt, ist hier hinzuzufügen. Auch Hausfather gehört zu den Warnern. Und doch hat der kalifornische Forscher nun mit einem geradezu irritierenden Grundton der Erleichterung den jüngsten Bericht des „Climate Action Tracker“ publik gemacht.

          „Vorsichtiger Optimismus“ sei durchaus angebracht. Er liegt ihm, vielleicht auch, weil er in seinem Institut nach energetischen Auswegen aus der Klimakrise sucht und weil viele politisch aktiven Klimaforscher wie er schon lange nach einer Vision – sie nennen es „positives Narrativ“ – suchen. Vor einigen Monaten hatte Hausfather mit neuen Modellierungen die Klimasensitivität neu berechnet. Damit ist eine physikalische Eigenschaft der Atmosphäre gemeint: Wie viel Grad Erwärmung bewirkt eine Verdoppelung des Kohlendioxidgehaltes? Sie ist ein ganz entscheidender Wert in einer Welt, die seit mehr als einem Jahrhundert fast jedes Jahr neue Rekordmengen am Treibhausgas Kohlendioxid registriert.

          Natürlich ist der Wert seit jeher mit Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten behaftet, im jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarates wurde er mit plus 1,5 bis 4,5 Grad ausgewiesen. Hausfather hat einige Unsicherheiten aufgrund neuer empirischer Befunde beseitigt und in „Science“ eine neue Spanne veröffentlicht: 2,6 bis 4,1 Grad. Der obere Wert ist hier entscheidend. Scheinbar reagiert das Klima zwar heftig auf die Kohlendioxidanreicherung der Luft, aber vielleicht auf lange Sicht auch doch nicht so radikal wie lange gedacht. Das war Hausfathers Interpretation. Für andere Klimaforscher war es allerdings keineswegs eine Entwarnung, klimahistorisch ist der Treibhausgasanstieg jedenfalls in der Geschichte des modernen Menschen ohne Beispiel.

          Der „Climate Action Tracker“ scheint nun die Linie Hausfathers aufzunehmen. Seit 2009 bieten Klimaforscher unabhängig vom Weltklimarat jeweils aktualisierte Analysen an, die sowohl die naturwissenschaftlichen Befunde als auch die klimapolitischen Entwicklungen berücksichtigen. Neben dem Institut „Climate Analytics“, das seinen Hauptsitz in Berlin hat, gehört das „New Climate Institute“ zu dem Konsortium. Bekannt geworden ist es mit seinen Temperaturprognosen, die nach den auf Klimagipfeln abgegebenen nationalen Verpflichtungen jeweils neu berechnet werden. In der neuen, auf Modellierergebnisse basierenden Analyse zum Jahrestag des Pariser Klimaabkommens heißt es: „Die globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 könnte auf 2,1 Grad begrenzt werden.“ Damit wäre man dem ursprünglichen Zwei-Grad-Ziel der Klimaverhandlungen schon sehr nahe, wenn auch nicht den inzwischen international favorisierten maximal 1,5 Grad Erwärmung (gemessen am vorindustriellen Jahresmittelwert).

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