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Klimavision „Net-Zero“ : Hier blüht der Optimismus

Land unter? Noch gibt es Hoffnung, das Schlimmste zu verhindern.
Land unter? Noch gibt es Hoffnung, das Schlimmste zu verhindern. : Bild: Reuters

Wie aber ist diese überraschende Entlastung zu erklären? Vor fünf Jahren errechnet der Carbon Action Tracker noch plus 3,6 Grad. Nicht erklärbar ist es jedenfalls mit der von Hausfather ermittelten geringeren Klimasensitivität, sondern mit einem klimapolitischen Schlagwort, das sich inzwischen wie ein Lauffeuer unter den Pariser Vertragsstaaten ausgebreitet hat: „Net-Zero“ – Netto-Null. Die Staaten verpflichten sich, klimaneutral zu wirtschaften, sprich: nicht mehr Treibhausgase freizusetzen, als sie an anderer Stelle einsparen und abspeichern – etwa in Wäldern.

Die drei größten Verursacher von Emissionen, die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und China, haben sich inzwischen zu Net-Zero bis etwa zur Jahrhundertmitte bekannt. Auch Südafrika, Japan, Korea und Kanada. Allein die Zusage Chinas, netto bis 2060 kein Kohlendioxid mehr freizusetzen, dürfte dem Modell zufolge die Erwärmung in diesem Jahrhundert um bis zu 0,3 Grad senken. 127 Staaten, die 63 Prozent der Emissionen repräsentieren, haben Net-Zero-Ziele angekündigt. Darauf gründet der neue Optimismus also hauptsächlich: auf Ankündigungen.

Die Prognose ist zudem mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. In Zahlen ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Staatengemeinschaft beim optimistischsten Szenario das 2,1-Grad-Ziel erreicht, liegt bei 50 Prozent. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 84 Prozent wird es in der skizzierten Net-Zero-Welt bis zum Jahrhundertende 2,7 Grad wärmer sein. Auf der anderen Seite liegt die Chance, unter 1,7 Grad zu kommen, bei gerade mal 16 Prozent. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, dass mit diesen beispiellosen Ambitionen die 1,5 Grad erreicht werden, sind äußerst gering.

„Alle mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatiblen Szenarien enthalten die eine oder andere Form von Maßnahmen, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen“, heißt es in dem Bericht. Maßnahmen und Techniken also, die bisher nicht wirtschaftlich und umweltfreundlich realisierbar sind oder es technologisch noch gar nicht gibt. In der Zeitschrift „Climate Policy“ hat Kevin Anderson vom Tyndall Centre mit schwedischen Kollegen aus Uppsala jüngst vorgerechnet, dass ohne solche „negativen Emissionen“ die Industriestaaten schon von 2020 an zweistellige Emissionsminderungen erzielen müssten, um das Pariser Klimaziel von 1,5 Grad zu erreichen. Tatsächlich aber steigen die Emissionen in Rekordgeschwindigkeit weiter.

Ist der neu inszenierte Optimismus demnach auf Sand gebaut? Nicht nur. Seit dem Abschluss des Pariser Vertrages vor fünf Jahren hat sich technologisch schon einiges bewegt, Stichwort: globale Energiewende. Die Realwelt-Prognosen fallen deshalb gegenüber den damaligen Vorhersagen um durchschnittlich 0,7 Grad günstiger aus, genauer: plus 2,7 bis 3,1 Grad bis 2100. Der Grund für die optimistischeren Werte: mehr und effizientere erneuerbare Energien, weniger Kohleverbrennung und geringere Wachstumsperspektiven („vor und nach der Pandemie“). Der Fortschritt hin zu klimaneutralen Techniken ist also eingepreist – soweit dieser heute überhaupt realistisch abzuschätzen ist.

Vor wenigen Tagen hat die britische Regierung, die mit den Skandinaviern die klimaneutralen Ziele im Energiebereich anführt, eine 68-prozentige Verringerung der Emissionen schon bis zum Jahr 2030 beschlossen. Genau da hakt es mit dem plakativen Optimismus im Climate Action Tracker. Bis jetzt gebe es weltweit kaum Bewegung bei den Regierungen, um Net-Zero wirklich zu erreichen: „Es müssen jetzt rasch stärkere kurzfristige Ziele für 2030 auf den Tisch.“ Damit ist man wieder ganz nah bei den radikalen Forderungen der Fridays-for-Future-Aktivisten.

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