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Klimawandel in der Ostsee : Heißzeit für Miesmuscheln und Seesterne

  • -Aktualisiert am

Miesmuscheln zählen zum Speiseplan der Seesterne. Bild: dpa

Unter der Erwärmung der Ostsee im Zuge des Klimawandels leiden besonders Miesmuscheln und deren Räuber, die Seesterne. Letztere treffen bei höheren Wassertemperaturen immer häufiger auf magere Beute.

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          Wenn sich die Ozeane aufgrund des Klimawandels aufheizen, leiden nicht nur tropische Korallenriffe. Auch die Meeresfauna an den Küsten der gemäßigten Breiten bekommt die globale Erwärmung zu spüren. Wie sich dort wärmere Winter auf einzelne Spezies auswirken, haben Wissenschaftler vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel erkundet. Die Forscher um Frank Melzner fanden heraus, dass den auch als Delikatesse geschätzten Miesmuscheln wärmere Winter schlecht bekommen.

          Um bei ihren Experimenten die Wassertemperatur stets unter Kontrolle zu halten, hatten die Forscher jeweils 500 Muscheln von November bis April in zehn aufwendig konstruierten Becken an der Kieler Förde einquartiert. Pumpen sorgten für einen ständigen Zufluss von frischem, bei Bedarf aber vorgewärmtem Ostseewasser.

          Dieses ungefilterte Wasser lieferte den Miesmuscheln auch Mikroplankton als Nahrung. Durch Beheizen oder Kühlen wurden die Wassertemperaturen jeweils so reguliert, dass sie um einen bestimmten Betrag über oder unter der im Fjord gemessenen Temperatur lagen. Mit durchschnittlich 4,8 Grad im kältesten Becken und 8,2 Grad im wärmsten Becken war die Wassertemperatur meist etwas höher als die durchschnittlichen Wintertemperaturen während der vergangenen zwanzig Jahre (in der Kieler Förde zwischen 2,5 und 6,8 Grad).

          Magere Miesmuscheln

          Miesmuscheln können küstennahe Riffe bilden: Da sie sich mit elastischen Haftfäden auch an ihresgleichen festhalten, entsteht aus den Muschelschalen mit der Zeit ein komplexes dreidimensionales Gebilde, das ein reiches Sortiment anderer Meerestiere beherbergt. Wie rasch solche Riffe wachsen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie viele Muscheln dem Seestern Asterias rubens zum Opfer fallen. Auch in den Meerwassertanks an der Kieler Förde mussten die Miesmuscheln ihren Lebensraum mit fünf Exemplaren dieses fünfarmigen Räubers teilen.

          Wie die Forscher um Melzer in den „Proceedings of the Royal Society B“ berichten, überlebten zwar fast alle Seesterne den Winter. Doch nur bei niedrigen Wassertemperaturen konnten sie an Körpermasse zulegen. In wärmerem Wasser nahmen die Seesterne stattdessen ab. Denn zwischen den Schalen der wenigen Muscheln, die sie pro Woche öffneten, fand sich zu wenig Nahrhaftes. Ihren Beutetieren gingen hohe Wintertemperaturen nämlich an die Substanz. Je wärmer das Wasser war, desto magerer wurden die Miesmuscheln.

          Anscheinend reichte das winterlich karge Planktonangebot nicht aus, um ihren größeren Energiebedarf bei relativ hohen Temperaturen zu decken. Erst im Frühjahr sorgen längere Tage und intensivere Sonneneinstrahlung dafür, dass sich einzellige Algen rapide vermehren und die Muscheln wieder viel aus dem Wasser herausfiltern können.

          Seepocken wachsen schneller

          Aber nicht alle Meeresbewohner, die sich von solchem Plankton ernähren, leiden unter einem milden Winter. Das zeigten die sesshaften Krebstiere, die mit dem Ostseewasser als winzige Larven in die Becken geraten waren: An den Wänden der Wasserbecken wuchsen Seepocken der Spezies Amphibalanus improvisus umso schneller, je wärmer es dort war.

          Dass sie wider Erwarten von steigenden Temperaturen profitierten, hängt mutmaßlich damit zusammen, dass sich Seepocken einen verhältnismäßig dicken Panzer aus Kalkplatten zulegen. Bei niedrigen Temperaturen, wenn sich nur wenig Kalk im Wasser löst, dürfte es deshalb viel Energie kosten, ausreichend Baumaterial zu gewinnen. War das Wasser im Winter ungewöhnlich warm, wurde das spärliche Nahrungsangebot für die Seepocken wahrscheinlich durch geringere Baukosten mehr als kompensiert.

          Wenn die kalte Jahreszeit in der westlichen Ostsee auf lange Sicht immer weniger kühl daherkommt, führt das womöglich zu tiefgreifenden Veränderungen am küstennahen Meeresgrund: In der Konkurrenz um einen passenden Sitzplatz haben dort derzeit die Miesmuscheln die Oberhand. Doch falls die Seepocken im Winter besser gedeihen, könnten sie bis zum Sommer so zahlreich und groß werden, dass junge Miesmuscheln nicht mehr so leicht Fuß fassen. Zum Schaden für die Miesmuschelriffe samt ihren Bewohnern.

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