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Knapp 1,2 Grad Erwärmung : Klimawandel schon im roten Bereich fürs Welterbe

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So begann das Jahr: Mit historisch beispiellosen Buschfeuern in Australien. Viele klimabedingte Naturkatastrophen folgten. Bild: AFP

Weltwetterbehörde und die Naturschutzunion ziehen Bilanz: Die ruinöse Aufheizung bricht weitere Höchstwerte und bedroht inzwischen viele der wichtigsten Ökosysteme auf unserem Planeten.

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          Das Jahr 2020 dürfte nach vorläufigen Analysen der Weltwetterorganisation (WMO) eines der drei wärmsten seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts werden – und das zurückliegende Jahrzehnt das wärmste überhaupt. Die sechs wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen liegen allesamt im Zeitraum seit 2015. Für Europa lag die Durchschnittstemperatur in den ersten zehn Monaten sogar höher als je zuvor. Das berichtete die Organisation am Mittwoch in ihrem vorläufigen Report über den Zustand des Klimas 2020. Hauptursache der beschleunigten Erwärmung ist der Anstieg der Treibhausgase. Vor einer Woche meldete die WMO neue historische Höchstwert beim Treibhausgasgehalt der Atmosphäre für die beiden zurückliegenden Jahre.

          Die jetzigen Temperatur-Vorhersagen beziehen sich auf meteorologische Messungen von Januar bis Oktober. In diesen Monaten lag die globale Durchschnittstemperatur um 1,11 bis 1,23 Grad Celsius über dem Durchschnitt der Jahre 1850 bis 1900. Besonders drastisch waren die Messergebnisse nördlich des Polarkreises in Sibirien: Die Temperatur lag dort von Januar bis Oktober mehr als fünf Grad über dem Durchschnitt von 1981 bis 2010. Der globale Temperaturanstieg könnte laut der WMO schon bis 2024 vorübergehend 1,5 Grad überschreiten. Vor fünf Jahren hat sich die Staatengemeinschaft im Pariser Klimaschutzabkommen darauf verpflichtet, die Erderhitzung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. In der kommenden Woche wollen alle das 5. Jubiläum des Klimaschutzabkommens feiern.

          Der Klimawandel ist inzwischen auch zur größten Bedrohung der Weltnaturerbestätten weltweit geworden. Die globale Erwärmung ist bei einem Drittel der Gebiete eine „hohe oder sehr hohe Bedrohung“, wie die Weltnaturschutzunion (IUCN) ebenfalls an diesem Mittwoch berichtete. 2014 war das erst bei einem Viertel der Fall. Auch die Corona-Pandemie mache sich bemerkbar, überwiegend negativ, so die IUCN. Ohne Touristen fehle vielerorts Geld für Ranger in Nationalparks, und illegale Aktivitäten blühten auf.

          Auch der Lebensraum Wattenmeer an der Nordsee gehört zu den betroffenen Weltnaturerbestätten. Die Erwärmung und der steigende Meeresspiegel gefährden ihn als Brutstätte für Zugvögel. Die Chancen auf ein Überleben des Weltnaturerbes seien dennoch gut – wenn die laufenden Erhaltungs- und Schutzmaßnahmen fortgesetzt werden. Alarm schlagen die Wissenschaftler aber beim größten Korallenriff der Welt, dem Great Barrier Reef vor Australien. Die Überlebensaussichten beurteilt die IUCN nun als „kritisch“. Die Erwärmung und Versauerung des Meeres führt dort zum Absterben der Korallen.

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          Klimawandel : Heißzeit Bild: AFP

          Außer in Europa war es nach Angaben der WMO auch im Südwesten der Vereinigten Staaten, im Westen Südamerikas und in Teilen Zentralamerikas sehr warm. Kühlere Temperaturen als im Durchschnitt erlebten dagegen Kanada, Teile Brasiliens, Nordindien und Südostaustralien.

          Der mittlere globale Meeresspiegel steigt seit Beginn der Messungen 1993 um durchschnittlich 3,3 Millimeter im Jahr. Ein leichter Rückgang 2020 sei – wie schon 2011 – wahrscheinlich auf das natürliche Klimaphänomen La Niña zurückzuführen, aber am langfristigen Trend ändere das nichts. Während der La Niña-Monate fällt mehr Regen in tropischen Flussgebieten als über dem Meer, was den mittleren Meeresspiegel global vorübergehend senkt. La Niña dürfte noch bis Frühjahr 2021 zu spüren sein, so die WMO. Am stärksten stieg der Meeresspiegel seit 1993 auf der Südhalbkugel jeweils östlich von Madagaskar, von Neuseeland und von Südamerika.

          Einer der Gründe für den Anstieg des Meeresspiegels ist schmelzendes Eis in der Nähe von Nord- und Südpol. Grönland verlor nach den Angaben von September 2019 bis August 2020 etwa 152 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) Eis. Das war weniger als 2019, als 329 Gigatonnen schmolzen. Die WMO warnt: „Die Arktis erlebt mit dem globalen Temperaturanstieg drastische Veränderungen. Seit Mitte der 80er Jahre steigen die Temperaturen dort mindestens doppelt so schnell wie im globalen Mittel.“

          Auch das Wattenmeer an der Nordseeküste verändert sich rasant unter der Erwärmung.
          Auch das Wattenmeer an der Nordseeküste verändert sich rasant unter der Erwärmung. : Bild: dpa

          In der Arktis war die Ausdehnung des Meereises in den Monaten Juli und Oktober so gering wie nie zuvor seit Beginn der Messungen, so die WMO. Die minimalste Eisausdehnung lag im September bei 3,74 Millionen Quadratmetern und war die zweitkleinste (nach 2012), die je gemessen wurde. Das schwimmende Eis der Arktis trägt beim Schmelzen nicht zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Allerdings erwärmt sich die Erde schneller, wenn statt Eis, das Licht reflektiert, schmilzt und dunkle Wasserflächen frei werden.

          Der Meeresspiegel steige auch, weil die wachsende Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre zu überschüssiger Energie im Erdsystem führe, die zu einem großen Teil von den Ozeanen absorbiert wird. Das Meereswasser wird dadurch wärmer und dehnt sich aus.

          Die Hurrikan-Saison im Nordatlantik verzeichnete in diesem Jahr so viele starke Stürme wie nie zuvor. Sie geht normalerweise am 30. November zu Ende. Teile Afrikas und Asiens erlebten starken Regen und Überschwemmungen, darunter die Sahel-Region, das Horn von Afrika, der Indische Subkontinent sowie China, die koreanische Halbinsel, Japan und Teile Südostasiens. Dagegen erlebten in Südamerika etwa Nordargentinien, Paraguay und Westbrasilien schwere Dürren.

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