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Klimawandel : Tauwetter im tiefen Süden

  • -Aktualisiert am

In der Antarktis bildet Krill die Lebensgrundlage, auch für die Kaiserpinguine. Bild: Ulf von Rauchhaupt

Das Eis der Antarktis schmilzt noch dramatischer als bisher angenommen. Was bedeutet das für die Tiere dort?

          Es taut im Verborgenen. Hunderte Meter unter der Oberfläche des antarktischen Eises, dort, wo das Inlandeis hinaus aufs Meer drängt, nagt warmes Tiefenwasser an den Gletschern. Dem Eisverlust an der Küste stehen zwar riesige Schneemengen gegenüber, die auf die Inlandgletscher fallen und sich zu neuem Eis verdichten. Doch die Bilanz ist schon lange nicht mehr ausgeglichen. Die Verlustrate des antarktischen Eises hat sich in den letzten vier Jahrzehnten dramatisch beschleunigt, während der Schneenachschub mehr oder weniger gleich blieb.

          Zu diesem Ergebnis kommen Forscher um Eric Rignot an der Universität von Kalifornien in Irvine aktuell in einer Studie in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Dazu nutzen sie Satellitendaten für eine Abschätzung der Fließgeschwindigkeiten der Gletscher, die bis zu mehreren Kilometern pro Jahr betragen. Weil Rignot und seine Kollegen sich die Mühe machten, von Hand alte Fotos früher Landsat-Satellitenmissionen auszuwerten, beginnen ihre Zeitreihen bereits 1979 und damit rund eine Dekade früher als ähnliche Erhebungen. Ihre Studie deckt mit 176 Gletscherbecken fast den gesamten antarktischen Kontinent ab. Die Befunde sind deutlich.

          In den 1980er und 90er Jahren gingen dem antarktischen Eis pro Jahr rund 40 beziehungsweise 50 Milliarden Tonnen verloren. In der ersten Dekade des neuen Jahrtausends waren es dann bereits 166 Gigatonnen und in den Jahren von 2009 bis 2017 sogar 252 Gigatonnen pro Jahr: Das kommt einer Versechsfachung des Eisverlustes binnen vier Dekaden gleich, was für einen Anstieg des Meeresspiegels um 14 Millimeter innerhalb dieses Zeitraums sorgte. Dabei ist schmelzendes Schelfeis nicht direkt dafür verantwortlich, dass die Pegel steigen. Da es im Meer schwimmt, verdrängt es bereits jene Menge Wasser, die durch sein Tauen frei wird. Solange es aber intakt ist, bremst Schelfeis den Fluss dahinterliegender Gletscher, die ihre Eislast nun umso schneller ins Meer schieben.

          Die Ostantarktis galt bislang als stabil. Das ändert sich jetzt

          Diese Zusammenhänge sind seit längerem bekannt. Neu an Rignots Ergebnissen ist der unerwartet hohe Eisverlust in der Ostantarktis, der für rund ein Drittel der Gesamtmenge verantwortlich ist. Bisher hatten Glaziologen sich vor allem die Westantarktis angesehen. Die Eismassen dort gelten als instabil, was viel damit zu tun hat, dass hier die Gletscher größtenteils auf Grund ruhen, der unter dem Meeresspiegel liegt und zum Landesinneren hin weiter abfällt. Schwappt das warme Tiefenwasser erst einmal über den Rand der trogartigen Gletscherbecken, kann es unter dem Eis weit vordringen.

          Im Gegensatz dazu galt die Ostantarktis bislang als leidlich stabil. Das Gebiet ist nicht nur deutlich größer, sondern auch topographisch anders geformt, und es herrschen tiefere Temperaturen. Dennoch schmilzt auch hier das Eis.

          Mit der globalen Erderwärmung hat dies nur indirekt zu tun. Warmes, zirkumpolares Tiefenwasser gäbe es auch ohne Treibhausgase, und es dürfte schon immer ein Faktor in der Massenbilanz des seit dem Ende der letzten Eiszeit vor gut 10.000 Jahren schrumpfenden antarktischen Eisschildes gewesen sein. Doch wie viel von diesem Warmwasser an das Eis schwappt, hängt entscheidend von den vorherrschenden Westwinden rund um die Antarktis ab. Die sind durch die globale Erwärmung stärker geworden und wehen nun weiter polwärts. „Und das drückt vermehrt warme Pulse von Tiefenwasser auf den Schelf“, erklärt Veit Helm vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Der Glaziologe hält einige methodische Ansätze in Rignots Studie zwar für diskussionswürdig: Andere Modellen zur Berechnung der Massenbilanz des Eises hätten seiner Meinung nach nicht ganz so dramatische Zahlen ausgespuckt. „Doch der Trend einer Beschleunigung des Eisverlustes stimmt.“

          Eine Chance für die Bewohner des Meeresbodens

          Rund um den Globus macht sich das große Tauen in der Antarktis vor allem als Beitrag zum Anstieg des Meeresspiegels bemerkbar, der zurzeit rund drei Millimeter pro Jahr beträgt. Doch wie wirkt es sich auf das Ökosystem aus, wenn das Eisschild verschwindet? Der antarktische Kontinent selbst dürfte das lebensfeindlichste Landgebiet der Erde sein. Nur Kaiserpinguine halten es länger darauf aus, und das auch nur zur Aufzucht ihrer Jungen. Ihr Futter finden sie dort, wo sich das wahre Leben abspielt: unter der Oberfläche des Südpolarmeeres.

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