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Foto: Hashem Shakeri „An Elegy for the Death of Hamun“

Bilder wie nicht von dieser Welt

Von SONJA KASTILAN
Foto: Hashem Shakeri „An Elegy for the Death of Hamun“

28. Juli 2021 · Der Klimawandel macht sich mit Überflutungen und Hitzewellen schon jetzt bemerkbar – und zeigt, dass wir die Veränderungen künftig noch mehr an Leib und Seele spüren werden.

Aus der Ferne betrachtet, üben Schlammlawinen, Waldbrände und Überflutungen eine ungeheure Anziehungskraft aus. Wir können uns kaum losreißen von den aktuellen Bildern, ob sie nun aus British Columbia, Rheinland-Pfalz, Sibirien oder Zentralchina zu uns dringen, und sind erschüttert vom Ausmaß der Zerstörung. Wir fühlen mit den Betroffenen, helfen womöglich tatkräftig in Gummistiefeln oder zumindest durch Spenden und beschäftigen uns hoffentlich mit den Fragen, was uns der beschleunigte Klimawandel in Zukunft beschert – und wie wir am besten damit umgehen können. Uns bleibt nichts anderes übrig.

Extreme Wetterereignisse häufen sich, daran lassen die Daten keine Zweifel, und die fünf wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen sind seit 2015 geballt aufgetreten. Im globalen Durchschnitt liegt die Temperatur 1,2 Grad Celsius höher; mit bald 1,5 oder gar 2 Grad mehr geraten die Industrienationen noch mehr unter Hitzestress und stehen vor ihrer vermutlich größten Herausforderung, sich an die globalen Veränderungen anzupassen. Mit kurz-, mittel- und langfristigen Konzepten, will man den Ärger nicht den kommenden Generationen hinterlassen. Was in diesem Jahr an einem Ort die Flut, ist woanders, oder vielleicht ein Jahr später, an gleicher Stelle, die nächste Hitzewelle: eine Bedrohung für Leib und Leben. 

Da Hitze, Starkregen, Dürre, Flut und Wetterunregelmäßigkeiten die gesamte Menschheit herausfordern, stellen sich der Weltgemeinschaft elementare Fragen: Wie steht es um Hunger, Mangelernährung, Dehydrierung, Infektionen, Atemwegskrankheiten oder auch die Arbeitsleistung, wenn sich die Erde erwärmt, Ernten ausfallen und sauberes Trinkwasser fehlt? Was bedeutet es für die Menschen, ihr Zuhause auf einen Schlag zu verlieren oder aufgeben zu müssen, damit Heimat, Traditionen, Lebensgrundlage? 

Mit diesen Fragen wird jeder still und leise konfrontiert, der einen Blick auf die Shortlist für den Wellcome Photography Prize 2021 wirft, und zwar in der Kategorie „Health in a Heating World“.

In den fünf nominierten Serien und fünf Einzelbildern lassen uns Fotografinnen und Fotografen auf ihre Weise nachempfinden, wie unterschiedlich sich unsere Zukunft gestalten kann.  

Sie öffnen uns die Augen, ob da nun Permafrost unter den Füßen taut oder eine Insel im Meer versinkt. Laut Schätzungen werden zwischen 145 und 565 Millionen Menschen durch Überschwemmungen unter dem Anstieg des Meeresspiegels zu leiden haben, und niemand weiß, welche Erreger im derzeit noch gefrorenen Boden auf uns warten. Nur eines ist sicher: Überall ist die Welt im Wandel, und die Gesundheit aller steht auf dem Spiel, insbesondere aber die von Kindern, Senioren und Geschwächten.


Hashem Shakeri – „An Elegy for the Death of Hamun“ 

  • Dieses Foto zeigt die 17-jährige Yasmin Raeesi, ihr dient ein abgestorbener Baum als Wäscheständer. Wo sie mit ihrer Familie lebt, mangelt es an Trinkwasser, die Menschen leiden unter Dehydrierung und Krankheiten.
  • Der Fotograf Hashem Shakeri kam 1988 in Teheran zur Welt. In seiner Serie „An Elegy for the Death of Hamun“ hält er den Niedergang der einst fruchtbaren Regionen Sistan und Belutschistan in Iran fest. Seit Jahrhunderten bestehende Wälder und Äcker verwandeln sich hier in trockene Wüsten, die Dürre bringt Hunger und Arbeitslosigkeit mit sich.
  • Die einstige Seenlandschaft Hamun ist eigentlich ausgetrocknet. Nach Regenfällen konnte Moslem tatsächlich ein paar Fische fangen, doch das Wasser wirde bald wieder verschwinden.
  • Wie alt Balek Roza genau ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Eine Geburtsurkunde hat sie nicht, doch viele munkeln, sie wäre schon 110 Jahre alt. In ihrem Dorf gibt es kein sauberes Trinkwasser.
  • Dieses Foto zeigt die 17-jährige Yasmin Raeesi, ihr dient ein abgestorbener Baum als Wäscheständer. Wo sie mit ihrer Familie lebt, mangelt es an Trinkwasser, die Menschen leiden unter Dehydrierung und Krankheiten. Foto: Hashem Shakeri/Wellcome Photography Prize
  • Der Fotograf Hashem Shakeri kam 1988 in Teheran zur Welt. In seiner Serie „An Elegy for the Death of Hamun“ hält er den Niedergang der einst fruchtbaren Regionen Sistan und Belutschistan in Iran fest. Seit Jahrhunderten bestehende Wälder und Äcker verwandeln sich hier in trockene Wüsten, die Dürre bringt Hunger und Arbeitslosigkeit mit sich. Foto: Hashem Shakeri/Wellcome Photography Prize
  • Die einstige Seenlandschaft Hamun ist eigentlich ausgetrocknet. Nach Regenfällen konnte Moslem tatsächlich ein paar Fische fangen, doch das Wasser wirde bald wieder verschwinden. Foto: Hashem Shakeri/Wellcome Photography Prize
  • Wie alt Balek Roza genau ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Eine Geburtsurkunde hat sie nicht, doch viele munkeln, sie wäre schon 110 Jahre alt. In ihrem Dorf gibt es kein sauberes Trinkwasser. Foto: Hashem Shakeri/Wellcome Photography Prize

 Ayomitunde Adeleke – „Sun, Not Salt“ 

  • Ayomitunde Adeleke ist Botaniker und studierte Fotojournalismus in Lagos. Seine Serie „Sun, Not Salt“ ist dem Zusammenhang von UV-Strahlung und Hautkrebs gewidmet – für Menschen mit Pigmentstörungen eine besondere Gefahr. In Nigeria glaubt man oft, zu viel Salz würde die Symptome verursachen.
  • Victorias Bruder und Schwester sind an Hautkrebs gestorben. Sie mussten im Freien arbeiten und waren der Sonne ausgesetzt. Als sie ins Krankenhaus kamen, war es schon zu spät.
  • Ayomitunde Adeleke ist Botaniker und studierte Fotojournalismus in Lagos. Seine Serie „Sun, Not Salt“ ist dem Zusammenhang von UV-Strahlung und Hautkrebs gewidmet – für Menschen mit Pigmentstörungen eine besondere Gefahr. In Nigeria glaubt man oft, zu viel Salz würde die Symptome verursachen. Foto: Ayomitunde Adeleke/Wellcome Photography Prize
  • Victorias Bruder und Schwester sind an Hautkrebs gestorben. Sie mussten im Freien arbeiten und waren der Sonne ausgesetzt. Als sie ins Krankenhaus kamen, war es schon zu spät. Foto: Ayomitunde Adeleke/Wellcome Photography Prize


Das Foto zeigt Coco, sie modelt und schreibt einen Lifestyle-Blog, in dem sie gegen Vorurteile aufbegehrt, denen Albinos wie sie gerade in Afrika noch immer begegnen.
Das Foto zeigt Coco, sie modelt und schreibt einen Lifestyle-Blog, in dem sie gegen Vorurteile aufbegehrt, denen Albinos wie sie gerade in Afrika noch immer begegnen. Foto: Ayomitunde Adeleke/Wellcome Photography Prize

Edoardo Delille und Giulia Pierm – „Diving Maldives”

  • Die italienischen Fotokünstler Edoardo Delille und Giulia Piermartiri erzeugen mit Hilfe von Projektionen eine ebenso schöne wie unheimliche Zukunftsvision: Ihre Serie „Diving Maldives“ bebildert in leuchtenden Farben, was den Malediven in den kommenden Jahren droht, wenn der Meeresspiegel steigt.
  • Die dortige Regierung überlegt, zum Beispiel mit Barrieren das Inselparadies zu retten, und legt nun Wert auf Nachhaltigkeit; auf manchen Inseln sind als Transportmittel nur noch E-Roller und Fahrräder erlaubt.
  • Die Haie hier wurden bei einem Tauchausflug von Touristen aufgenommen, jetzt tanzen sie auf einer Hauswand auf der Insel Maafushi, die 2004 schwer von einem Tsunami getroffen wurde.
  • Die italienischen Fotokünstler Edoardo Delille und Giulia Piermartiri erzeugen mit Hilfe von Projektionen eine ebenso schöne wie unheimliche Zukunftsvision: Ihre Serie „Diving Maldives“ bebildert in leuchtenden Farben, was den Malediven in den kommenden Jahren droht, wenn der Meeresspiegel steigt. Foto: Edoardo Delille und Giulia Piermartiri/Wellcome Photography Prize
  • Die dortige Regierung überlegt, zum Beispiel mit Barrieren das Inselparadies zu retten, und legt nun Wert auf Nachhaltigkeit; auf manchen Inseln sind als Transportmittel nur noch E-Roller und Fahrräder erlaubt. Foto: Edoardo Delille und Giulia Piermartiri/Wellcome Photography Prize
  • Die Haie hier wurden bei einem Tauchausflug von Touristen aufgenommen, jetzt tanzen sie auf einer Hauswand auf der Insel Maafushi, die 2004 schwer von einem Tsunami getroffen wurde. Foto: Edoardo Delille und Giulia Piermartiri/Wellcome Photography Prize

 Lys Arango – „Until the Corn Grows Back”   

Der zehnjährigen Petrona knurrte der Magen, als sie auf der Bank saß; sie unterstützt ihre Familie und arbeitet auf einer Kaffeeplantage – seit sie fünf ist.
Der zehnjährigen Petrona knurrte der Magen, als sie auf der Bank saß; sie unterstützt ihre Familie und arbeitet auf einer Kaffeeplantage – seit sie fünf ist. Foto: Lys Arango/Wellcome Photography Prize
  • Die Spanierin Lys Arango spürt in ihrer Fotoserie „Until the corn grows back“ den dramatischen Folgen des Klimawandels in Guatemala nach. Weil die Ernte immer öfter ausfällt, treiben Armut und Hunger Tausende zur Flucht.
  • Die Familie dieses Kindes hat eigentlich Bohnen und Mais angebaut, doch die Ernte wurde zerstört. Jetzt arbeiten sie auf einer Kaffeeplantage, das Baby ist unterernährt.
  • María Estefanía ist erst 17 Jahre alt und wiegt nur 40 Kilogramm. Ihr Körper kann nicht genügend Milch produzieren, um ihren kleinen Sohn zu ernähren. Er ist elf Monate alt und bringt nur sechs Kilogramm auf die Waage.
  • Diese Familie lässt ihr Leben in San Miguel Acatán, Guatemala, zurück um Arbeit zu finden und ihre Kinder zu ernähren. Aufgrund von chaotischen Wetterlagen und Dürren kann man bei ihnen daheim nicht mehr von der Ernte leben.
  • Die Spanierin Lys Arango spürt in ihrer Fotoserie „Until the corn grows back“ den dramatischen Folgen des Klimawandels in Guatemala nach. Weil die Ernte immer öfter ausfällt, treiben Armut und Hunger Tausende zur Flucht. Foto: Lys Arango/Wellcome Photography Prize
  • Die Familie dieses Kindes hat eigentlich Bohnen und Mais angebaut, doch die Ernte wurde zerstört. Jetzt arbeiten sie auf einer Kaffeeplantage, das Baby ist unterernährt. Foto: Lys Arango/Wellcome Photography Prize
  • María Estefanía ist erst 17 Jahre alt und wiegt nur 40 Kilogramm. Ihr Körper kann nicht genügend Milch produzieren, um ihren kleinen Sohn zu ernähren. Er ist elf Monate alt und bringt nur sechs Kilogramm auf die Waage. Foto: Lys Arango/Wellcome Photography Prize
  • Diese Familie lässt ihr Leben in San Miguel Acatán, Guatemala, zurück um Arbeit zu finden und ihre Kinder zu ernähren. Aufgrund von chaotischen Wetterlagen und Dürren kann man bei ihnen daheim nicht mehr von der Ernte leben. Foto: Lys Arango/Wellcome Photography Prize

Gideon Mendel und Jonathan Pierredon – „Burnt Memory: Archaeology from a Climate Emergency”

Der aus Südafrika stammende Fotograf Gideon Mendel schuf mit Jonathan Pierredon die Serie „Burnt Memory: Archaeology from a Climate Emergency“, um auf die zunehmende Gefahr durch Wildfeuer aufmerksam zu machen. 2018 wütete in Kalifornien einer der schlimmsten Wildfeuer aller Zeiten.
Der aus Südafrika stammende Fotograf Gideon Mendel schuf mit Jonathan Pierredon die Serie „Burnt Memory: Archaeology from a Climate Emergency“, um auf die zunehmende Gefahr durch Wildfeuer aufmerksam zu machen. 2018 wütete in Kalifornien einer der schlimmsten Wildfeuer aller Zeiten. Foto: Gideon Mendel und Jonathan Pierr/Wellcome Photography Prize
  • Mittels der Ferrotypie würdigen sie Objekte, die man nach dem „Carr Fire“ 2018 in Kalifornien aus den Ruinen barg.
  • Dieses Fernglas stammt auch aus dem verbrannten Haus einer Familie. Insgesamt mussten 36.000 Menschen vor den Flammen fliehen und ihr Heim zurücklassen.
  • Mittels der Ferrotypie würdigen sie Objekte, die man nach dem „Carr Fire“ 2018 in Kalifornien aus den Ruinen barg. Foto: Gideon Mendel and Jonathan Pierredon/Wellcome Photography Prize
  • Dieses Fernglas stammt auch aus dem verbrannten Haus einer Familie. Insgesamt mussten 36.000 Menschen vor den Flammen fliehen und ihr Heim zurücklassen. Foto: Gideon Mendel and Jonathan Pierredon/Wellcome Photography Prize

Wenn unterernährte Frauen ihren Babys kaum genug Milch geben können und die Mütter wie Kinder anfällig für Krankheiten sind, sind die Folgen des Klimawandels am Beispiel von Missernten unschwer nachzuvollziehen. Manch ein Szenario geht etwa für Weizen davon aus, dass Ende des 21. Jahrhunderts praktisch alle Länder erhebliche Produktionseinbußen hinnehmen müssen, nur nicht Norwegen, Schweden und die Mongolei. Auch vergrößern sich die Malaria-Zonen, weil Moskitos sich ausbreiten, und vermutlich treten noch andere Parasiten, Viren und Bakterien als Krankheitserreger in Erscheinung, zum Beispiel Vibrionen, die sich in der Ostsee zunehmend wohler fühlen und sich bei Wassertemperaturen über 20 Grad stark vermehren. Dass versalzenes Grundwasser auf einem von Wirbelstürmen umtosten Eiland nicht nur Bäume absterben lässt, sondern für die Bewohner selbst zum Problem wird, ist klar. Aber dass Dehydrierung und daraufhin Nierenschäden auch im europäischen Sommer drohen können? Diese Gefahr steigender Temperaturen wird unterschätzt wie auch zahlreiche indirekte Folgen. 

Wenn jetzt etwa darüber nachgedacht wird, wie man den Menschen in der Eifel helfen kann, die traumatischen Erlebnisse leichter hinter sich zu lassen, zeigt sich ein wichtiger Aspekt überdeutlich: Es genügt keinesfalls, auf die Zahl von Todesopfern oder Verletzten nach solchen Wetterkatastrophen zu achten, um die Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen abschätzen zu können. Und gerade für die psychische Gesundheit gelingt Forschern bisher nur eine grobe Einschätzung, weil es ihnen an Daten fehlt und man sich in Studien oft auf den Einfluss von Hitze auf Gewaltausbrüche oder Stimmungstiefs konzentriert, aufgrund von Schlafstörungen etwa, aber auch andere Wetterextreme können der Psyche schaden. Nimmt man sich dazu den neuesten Report des „Lancet Countdown on health and climate change“ vor, der Anfang Januar 2021 im Fachjournal The Lancet veröffentlicht wurde, ist zu lesen, dass solche Zusammenhänge zum Bedauern der Autoren noch selten erfasst werden. Aber Wissenschaftler von 35 akademischen Institutionen und UN-Organisationen geben darin auf 42 Seiten einen knappen Überblick: Die Lektüre eröffnet einem sachlich und trocken, was der Klimawandel so alles mit sich bringt.

Allein die Schätzung, dass im Zeitraum von 2000 bis 2018 die durch Hitze bedingte Mortalität in der Altersgruppe der über 65-Jährigen um 53,7 Prozent gestiegen ist, rüttelt wach. Die Zahl der Hitzetoten weltweit wird für das Jahr 2018 mit 296 000 beziffert; und die 302 Milliarden Arbeitsstunden, die 2019 verloren gingen – 103 Millionen mehr als 2000 –, ergänzen das Bild um eine weitere, unterschätzte Dimension. „Die Hitze ist das Thema, das uns jetzt schon weltweit beschäftigt. Auch wenn die Menschen in Deutschland jetzt vielleicht von den Überflutungen abgelenkt sind, die Sommer in den Jahren 2003, 2018 und 2019 sind ihnen sicher in Erinnerung geblieben“, sagt Andreas Matzarakis vom Deutschen Wetterdienst.

Von Freiburg aus untersucht Matzarakis am Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung das deutsche Nord-Süd-Gefälle, betrachtet dabei immer auch die europäischen und globalen Verhältnisse, denn Klima sei nun einmal eine globale Angelegenheit, in der man lokal handeln müsse. Und für akute Situationen entwickeln er und seine Kollegen geeignete Warnsysteme. Für eine Hitzewelle gebe es keine allgemeingültige Definition, aber „wir warnen, weil wir die Menschen schützen wollen“. Das passiert, von Mai bis September, wenn die gefühlte Temperatur an zwei Folgetagen 32 Grad überschreitet und die Abkühlung nachts nicht ausreicht, oder wenn mit über 38 Grad eine extreme Belastung zu befürchten ist. Dass für eine Warnung nicht allein die Lufttemperatur entscheidend ist, erklärt Matzarakis damit, dass für den Effekt mehrere Faktoren eine Rolle spielen, darunter Umwelteinflüsse wie Sonneneinstrahlung, Wind sowie Luftfeuchtigkeit. Natürlich der aktuelle Gesundheitszustand, Krankheiten, Stress, hormonelle Schwankungen und die Ernährung ebenfalls; Luftschadstoffe oder Pollen steigern die Beschwerden oft noch. 

Allerdings dürfe man nicht nur auf die Gefährdeten achten, sondern müsse ähnlich wie bei Corona die Betreuung, also das Gesundheitspersonal, berücksichtigen, sagt Matzarakis. Die Maßnahmen seien zwar andere als in der Pandemie, aber diese Komponente sei wichtig zur Vorbereitung: „Es wird wärmer. Daran müssen wir uns anpassen und dafür nicht nur technische Möglichkeiten nutzen, sondern auch das soziale Netz und Gesundheitssystem einbeziehen.“ Das heißt, Behörden müssen Hitzeaktionspläne für den Gesundheitsschutz etablieren – und wir unser Verhalten ändern. Wenn Temperaturrekorde von 42 Grad und mehr gebrochen werden und Matzarakis irgendetwas dazu sagen soll, stellt der Medizin-Meteorologe gerne die Gegenfrage: „Wie verhalten Sie sich bei Hitze?“ Jeder könne etwas tun, deshalb rät er: „Trinken Sie sehr viel, meiden Sie die Sonne, reduzieren Sie die Sonneneinstrahlung, halten Sie die Innenräume kühl – und achten Sie auf Ihre Mitmenschen.“

Jetzt eine Klimaanlage zu installieren, die womöglich den ganzen Tag über läuft, hält Matzarakis für ein No-Go: „Das Gerät kühlt die Innenräume, die Abwärme wird jedoch an die Umgebung abgegeben und vergrößert dort das Problem, gerade in den Städten.“ Dort sei es sowieso schon wärmer als auf dem Land. Auch neige man dazu, den Tages- und Nachtrhythmus der eigenen Körpertemperatur zu ignorieren, werde die Luft stetig auf circa 21 Grad gekühlt. Weltweit sind rund 1,9 Milliarden Klimaanlagen im Einsatz, um die Hitze aus den Gebäuden zu vertreiben; bereits jeder dritte Haushalt schaltet ein: 2018 waren diese Geräte für 8,5 Prozent des Stromverbrauchs verantwortlich, sie sorgen also für Treibhausgase und Feinstaub. An heißen Tagen kann mehr als die Hälfte des Strombedarfs eines Orts auf ihr Konto gehen, und selbst in deutschen Städten sieht man die weißen Kästen immer häufiger an den Häusern. Hier spüren die Menschen den Klimawandel bereits deutlicher als auf dem Land. „Drei Viertel der deutschen Bevölkerung leben allerdings in dicht bis mittelstark besiedelten Gebieten, und deshalb müssen Städte langfristig denken und planen“, sagt Matzarakis. Zum Beispiel große Wasserflächen schaffen und mehr Begrünung, der Schatten eines Baumes sei in vielerlei Hinsicht nützlich. 

Auch im Lancet Countdown findet der „urban green space“ neuerdings als Indikator Beachtung, doch nur 42 von 468 untersuchten Millionenstädten konnten überzeugen. Als vorbildhaft grün gelten unter anderem die fünf Hauptstädte Colombo, Washington, D.C., Dhaka, San Salvador und Havanna, während 21 andere zu jenen zehn Prozent der Stadtgebiete zählen, die bei ihrer Bepflanzung stark zu wünschen übrig lassen, was dort rund 156 Millionen Menschen zu spüren bekommen. 

Dass in diesem jährlich aktualisierten Report zudem der Nutzen eines meteorologischen Services als Anpassungsmaßnahme für das Gesundheitswesen empfohlen wird, verwundert kaum. Matzarakis drängt auch seine Kollegen, mehr zu informieren: „Wir brauchen jetzt vor allem Kommunikation. Sachlich und nüchtern, wir müssen die Leute mit klaren Botschaften sensibilisieren, ohne Angst zu schüren.“


Krisztián Bócsi – „Eliminating Fossil Fuels in Germany“

Der Ungar Krisztián Bócsi setzt in diesem Foto das Kraftwerk Jänschwalde in Peitz, Brandenburg, symbolisch in Szene: Man verfeuert Abfall und Braunkohle, 2018 setzte es 22,8 Millionen Tonnen CO2 frei. Weil Emissionen aus fossilen Brennstoffen den Klimawandel antreiben, beschloss die deutsche Regierung den Kohleausstieg bis spätestens 2038.
Der Ungar Krisztián Bócsi setzt in diesem Foto das Kraftwerk Jänschwalde in Peitz, Brandenburg, symbolisch in Szene: Man verfeuert Abfall und Braunkohle, 2018 setzte es 22,8 Millionen Tonnen CO2 frei. Weil Emissionen aus fossilen Brennstoffen den Klimawandel antreiben, beschloss die deutsche Regierung den Kohleausstieg bis spätestens 2038. Foto: Krisztián Bócsi/Wellcome Photography Prize

Sharwar Apo – „Tears of Drought“

Sharwar Apo ist Textilingenieur – mit einer Leidenschaft für die Fotografie. In „Tears of Drought“ begleitet er Eltern, die ein Kind ins Krankenhaus nach Rajshahi, Bangladesch, bringen. Kilometerweit führt ihr Weg durch eine ausgetrocknete, tote Landschaft, dabei hält die Mutter den Tropf mit einer Salzlösung, denn ihr Kind hat Diarrhöe und ist dehydriert. Vier Monate im Jahr ist das Gebiet geflutet, aber es mangelt stets an sauberem Trinkwasser und der Ackerbau misslingt.
Sharwar Apo ist Textilingenieur – mit einer Leidenschaft für die Fotografie. In „Tears of Drought“ begleitet er Eltern, die ein Kind ins Krankenhaus nach Rajshahi, Bangladesch, bringen. Kilometerweit führt ihr Weg durch eine ausgetrocknete, tote Landschaft, dabei hält die Mutter den Tropf mit einer Salzlösung, denn ihr Kind hat Diarrhöe und ist dehydriert. Vier Monate im Jahr ist das Gebiet geflutet, aber es mangelt stets an sauberem Trinkwasser und der Ackerbau misslingt. Foto: Sharwar Apo/Wellcome Photography Prize

Michael Snyder – „The Family at the End of the World“

Der Fotograf Michael Snyder wuchs in den Appalachen auf und lebt jetzt nach abenteuerlichen Wanderjahren mit seiner Familie in Virginia. In Norwegen hat er das Bild „The Family at the End of the World“ aufgenommen, es zeigt die kleine Saga auf ihrem Spielplatz im äußersten Norden von Norwegen, wo die Schneeschmelze immer früher einsetzt und Permafrostböden tauen.
Der Fotograf Michael Snyder wuchs in den Appalachen auf und lebt jetzt nach abenteuerlichen Wanderjahren mit seiner Familie in Virginia. In Norwegen hat er das Bild „The Family at the End of the World“ aufgenommen, es zeigt die kleine Saga auf ihrem Spielplatz im äußersten Norden von Norwegen, wo die Schneeschmelze immer früher einsetzt und Permafrostböden tauen. Foto: Michael Snyder/Wellcome Photography Prize

 Zakir Hossain Chowdhury – „Climate Cost“ 

Zakir Hossain Chowdhury lebt selbst in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. In seinem Bild „Climate Cost“ hält der Fotojournalist fest, wie Habibur Rahman Sarder in der Ruine seines früheren Zuhauses nach allem sucht, was noch zu gebrauchen ist. Drei Monate zuvor, im Mai 2020, hatte der Wirbelsturm „Amphan“ dort in Bangladesch und in Indien mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 185 Stundenkilometern gewütet, achtzig Menschen starben.
Zakir Hossain Chowdhury lebt selbst in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. In seinem Bild „Climate Cost“ hält der Fotojournalist fest, wie Habibur Rahman Sarder in der Ruine seines früheren Zuhauses nach allem sucht, was noch zu gebrauchen ist. Drei Monate zuvor, im Mai 2020, hatte der Wirbelsturm „Amphan“ dort in Bangladesch und in Indien mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 185 Stundenkilometern gewütet, achtzig Menschen starben. Foto: Zakir Hossain Chowdhury/Wellcome Photography Prize

 Sujan Sarkar – „Water Scarcity“ 

Sujan Sarkar ist Lehrer in Westbengalen und fotografierte für „Water Scarcity“, wie die neun Jahre alte Rupali auf der Insel Mousuni Salzwasser nach Hause trägt, das ihre Familie im Haushalt nutzen wird. Nachdem der Wirbelsturm Aila im Jahr 2009 diese Insel traf, die südlich von Kalkutta vor der indischen Küste liegt, ist das Leben dort schwierig geworden; von den zuvor etwa 30 000 Bewohnern zogen viele weg. Das Grundwasser ist nun salzhaltig, Bäume starben ab oder produzieren keine Früchte mehr. Und Trinkwasser ist extrem rar.
Sujan Sarkar ist Lehrer in Westbengalen und fotografierte für „Water Scarcity“, wie die neun Jahre alte Rupali auf der Insel Mousuni Salzwasser nach Hause trägt, das ihre Familie im Haushalt nutzen wird. Nachdem der Wirbelsturm Aila im Jahr 2009 diese Insel traf, die südlich von Kalkutta vor der indischen Küste liegt, ist das Leben dort schwierig geworden; von den zuvor etwa 30 000 Bewohnern zogen viele weg. Das Grundwasser ist nun salzhaltig, Bäume starben ab oder produzieren keine Früchte mehr. Und Trinkwasser ist extrem rar. Foto: Sujan Sarkar/Wellcome Photography Prize

Weitere Informationen

Welche der insgesamt 31 Nominierten in drei Kategorien den „Wellcome Trust“-Foto-Wettbewerb gewinnen, das wird am 28. Juli online verkündet.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 28.07.2021 20:06 Uhr