https://www.faz.net/-gwz-8m1bv

Klimagipfel für Afrikas Bauern : „Ob Öko oder Chemie, das ist für mich nicht so entscheidend“

Realität heute: 260 Millionen Afrikaner leiden an Hunger, weiteren 300 Millionen fehlen lebenswichtige Nahrungsbestandteile. Bild: obs

Die nächste grüne Revolution soll den Ärmsten nützen, und die Klimapolitik soll dabei mit Milliarden Dollar und Gentechnik helfen. Was kann das geben - eine neue Industrielandwirtschaft im Zeichen des Klimawandels?

          2 Min.

          Der laufende Klimagipfel in Marokko ist auch ein Gipfel über die Zukunft und den Hunger Afrikas. 27 Regierungen haben sich in der AAA-Initiative („Adaptation of African Agriculture“) verbündet. Ihr Ziel: eine grüne Revolution für Afrika aus den Milliardenhilfen für den Klimaschutz. Wird das den Kleinbauern dabei helfen, den Hunger zu besiegen? Wir haben in Marrakesch den angesehenen Bodenwissenschaftler und Hauptautor für den Weltklimarat IPCC, Rattan Lal, befragt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Herr Lal, nach der Konzentrationswelle in der Agrarbranche fürchten viele, dass die Großtechnik und Intensivierung die Kleinbauern teuer zu stehen kommt. Nirgendwo gibt es mehr Kleinbauern als in Afrika. Gibt es einen Grund, dass man auf dem AAA-Treffen einen so großen Bogen um die Rolle der Großindustrie gemacht hat?

          Weltklimaautor Rattan Lal: Afrika braucht vor allem Nährstoffe.
          Weltklimaautor Rattan Lal: Afrika braucht vor allem Nährstoffe. : Bild: IISD

          Die Zukunft der Landwirtschaft, insbesondere der afrikanischen, ist keine Frage von Industrialisierung. Es gibt 300.000 verschiedene Bodentypen und deshalb auch keine einzelne seligmachende Lösung. Der entscheidende Punkt für bessere Erträge ist, was in den Boden reinkommt und was herausgeholt wird. Es geht um eine positive Balance im Kohlenstoffhaushalt.

          Wie sollen die Kleinbauern das erreichen, wenn es den afrikanischen Böden heute schon massiv an Nährstoffen und an Wasser fehlt? Dünger und Bewässerungstechnik sind teuer.

          Sie brauchen natürlich Hilfe. Gesunde, fruchtbare Böden müssen uns etwas wert sein. Wir können ausrechnen, was die Farmer selbst dazu beitragen, indem sie Erntereste im Boden lassen und natürlichen Dünger nutzen. Aber für den Rest, den es braucht, um mehr Fruchtbarkeit zu erzielen, ist finanzielle Hilfe nötig. Ich habe ausgerechnet, dass dafür etwa 40 Dollar pro Jahr und Hektar ausreichen. Ich plädiere dafür, dass mindestens die Hälfte der 100 Milliarden Dollar aus dem grünen Klimafonds, die im Pariser Klimaabkommen den Entwicklungsländern ab dem Jahr 2020 zugesagt worden sind, in die Landwirtschaft fließt.

          Die Kleinbauern sollen subventioniert werden, und die Konzerne verdienen an der Intensivierung?

          Das sind keine Subventionen, das ist ein Ausgleich für die Ökosystemleistungen der Kleinbauern. Wir erwarten von ihnen, dass sie etwas für die Weltgemeinschaft und gegen den Hunger tun, also haben sie Anspruch auf Unterstützung.

          Sie halten die Konzentration des Agrarmarktes auf vielleicht nur noch drei Weltkonzerne für kein Problem? Sie werden die Preise doch nach oben treiben.

          Die Preise werden steigen, weil der Dünger- und Energieeinsatz mehr kostet. Solange es keine Monopole gibt, halte ich die Konzentration für kein so großes Problem. Es ist eine Win-win-Situation. Die Familien der Kleinbauern bekommen eine höhere Ertragssicherheit.

          Sie haben sich in dem Weißbuch der AAA-Initiative für eine Förderung nachhaltiger Wirtschaftsweisen - für „Agro-Ökologie“ - ausgesprochen, andererseits aber auch für eine Intensivierung.

          Es geht um Ökointensivierung. Wir haben inzwischen die Mittel, um mehr Erträge aus dem vorhandenen Land zu holen. Wir dürfen nicht weitere Natur verbrauchen. Use the best, leave the rest.

          Welche Rolle soll da die grüne Gentechnik spielen? Auch sie blieb auf dem AAA-Treffen weitgehend außen vor.

          Ich halte die Biotechnik generell für eine mögliche Option. Sie hat schon bewiesen, dass gentechnisch veränderte Nutzpflanzen den Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und Düngemitteln reduzieren können. Vor allem, wenn wir die ökologischen Veränderungen betrachten, die der Klimawandel mit sich bringt, muss das unbedingt auf den Tisch. Ich bin enttäuscht, dass die Europäer das nicht ausreichend berücksichtigen.

          Viele Europäer setzen dafür auf umweltschonende ökologische Landwirtschaft.

          Ob Öko oder Chemie, das ist für mich nicht so entscheidend, solange die Nährstoffe dem Boden wieder zugeführt werden, die wir ihm entnehmen. Afrikas Fertilisationslücke ist gewaltig, und afrikanische Bauern nutzen noch immer nur ein Zehntel des weltweiten Durchschnitts an Dünger pro Hektar. Zweifellos ist natürlicher Dünger im Prinzip besser, aber so viel Nährstoffe, wie wir in Afrika brauchen - wie sollen wir den ganzen Bioabfall zum Düngen herantransportieren?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Alexej Nawalnyj am 12. Januar während einer Anhörung vor dem Bezirksgericht Babuskinsky in Moskau

          Alexej Nawalnyj : Doch kein „gewaltloser politischer Gefangener“?

          Amnesty International hat Alexej Nawalnyj den Status des „gewaltlosen politischen Gefangenen“ aberkannt. Anlass sind kontroverse Erklärungen in alten Videos und Social-Media-Posts – die ausgerechnet jetzt wieder aufgetaucht sind.
          Bald beim ZDF: Mai Thi Nguen-Kim.

          F.A.Z. exklusiv : Warum Mai Thi Nguyen-Kim zum ZDF kommt

          Der Programmdirektor Norbert Himmler kündigt im Interview eine kleine Bildungs- und Wissenschaftsoffensive an. Dabei setzt er auf die Expertise einer Wissensvermittlerin, die sich zuerst im Netz einen Namen gemacht hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.