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Kohlendioxid-Emissionen : Hiobsbotschaft für den Klimagipfel

Wie geht es weiter mit der Kohle? Darum geht es beim Klimagipfel im polnischen Kattowitz. Bild: dpa

Es sind brandaktuelle Zahlen, und sie bringen die Klimapolitik ins Schleudern. Plötzlich steigen die Kohlendioxid-Emissionen wieder im Rekordtempo - statt zu sinken. Dabei machen einige Staaten durchaus eine gute Figur.

          Allen Bemühungen und Beteuerungen zum Trotz: Die Menschen verbrennen immer mehr Kohle und Öl und reichern damit die Luft immer stärker mit klimaschädlichen Treibhausgasen an. Eine Hiobsbotschaft nicht nur für die zwanzigtausend Teilnehmer auf dem Klimagipfel in Kattowitz. Um nicht weniger 2,7 Prozent wächst 2018 die freigesetzte Kohlendioxidmenge gegenüber dem Vorjahr. Das zeigt der in der Zeitschrift „Nature“ und in zwei weiteren Fachmagazinen veröffentlichte Bericht einer Forschergruppe unter der Leitung der University of East Anglia  in Norwich und des Global Carbon Projects. Noch im vergangenen Jahr, als der Kohlendioxidzuwachs 1,6 Prozent betragen hatte, herrschte Hoffnung. Denn die drei vorangegangenen Jahre seit 2014 registrierte man annähernd eine Stagnation – von der lange ersehnten „Entkoppelung“ von Wirtschaftswachstum und Treibhausgase-Emissionen war die Rede.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Umso schockierender sind die neuen Zahlen. Die angestrebte „Dekarboniserung“ der Gesellschaft, die Loslösung vom kohlenstoffreichen Brennstoff,  wird vom Energiehunger weltweit aufgefressen.  Möglicherweise war die zwischenzeitliche Emissionspause nur den kurzfristigen Schwankungen und natürlichen Puffern zu verdanken, jetzt geht es wieder nahezu ungebremst nach oben. Eine gefährliche Entwicklung, die auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen in Kattowitz für noch mehr Klimaschutzappelle und vielleicht auch schärfere diplomatische Töne sorgen könnte.

          Düstere Prognosen für das Weltklima

          Denn wenn das vor drei Jahren in Paris für den Weltklimavertrag vereinbarte Ziel, die globale Erderwärmung auf zwei Grad und möglichst auf 1,5 Grad einzudämmen erreicht werden soll, müssten die Kohlendioxid-Emissionen aus fossilen Quellen bis in zwölf Jahren halbiert und bis 2050 auf nahezu null heruntergefahren werden. In Kattowitz soll noch bis zum 14. Dezember eine Art Regelbuch vereinbart werden, damit diese Ziele gegen alle gegenwärtigen Trends noch erreicht werden könnten. Tatsächlich ist die Welt, gehen die Emissionen wie zuletzt weiter, auf dem Weg in einer um drei bis vier Grad wärmere Welt – ein gewaltiger Temperatursprung in extrem geologisch kurzer Zeit, der nur mit den Übergängen von zehntausenden Jahren zurückliegenden Eis- und Warmzeiten zu vergleichen ist und für den Planeten weltumspannende ökologische Krisen und meteorologisch höchst instabile Zeiten bedeutete.

          Solarstrom für die Kanzlerin: Doch ihre Regierung müsste mehr tun, damit die weiterhin enormen Kosten der Energiewende dem Standort nicht schaden.

          Sollten die aktuellen Emissionsdaten allerdings beispielhaft sein für die kommenden Jahrzehnte, rechnen Klimaforscher im „word case“-Szenario mit noch höheren Temperaturen von global fünf bis sechs Grad, was nochmal deutlich schlimmere Folgen auch für die Ernährung, Industrie und das Überleben der Menschen haben dürfte.

          Dem neuen Emissionsbericht zufolge werden bis Ende des Jahres aus Kraftwerken und im Verkehr mutmaßlich mehr als 37 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freigesetzt. Dazu kommen Emissionen, die sich aus der Regenwald-Abholzung und anderer Landnutzungsänderungen ergeben, von fünf Milliarden Tonnen. An der Spitze der Verursacher hat sich nichts verändert. Die Rangliste wird angeführt von China, das aufgrund des anhaltenden Wachstums vor allem in der Bauwirtschaft mindestens 27 Prozent der weltweiten Emissionen und einen neuen Allzeithöchstwert zu verantworten hat. Dahinter rangieren die Vereinigten Staaten mit einem Anteil von 15 Prozent an den globalen Emissionen.

          Deutschland hängt seinen Zielen hinterher

          Nach einigen Jahren der Stagnation wächst der amerikanische Kohlendioxidausstoß, nach Recherchen der Forscher vor allem einem „robusten Wachstum der Erdölbranche“ von 1,4 Prozent folgend. Platz drei in der Verursacherliste nimmt noch immer die Europäische Union ein mit einem Anteil von zehn Prozent. Zwar ist die Emissionsmenge immer noch leicht rückläufig, mit minus 0,7 Prozent aber sehr viel weniger noch als in den Jahren davor. Insbesondere Straßen- und Luftverkehr tragen den Wissenschaftlern zufolge zu der Entwicklung bei, deren Emissionen steigt um annähernd vier Prozent.

          Deutschland hat auch nach dieser neuen Rangliste endgültig den Nimbus als Klima-Vorreiternation eingebüßt. Es gehört hinter China, den Vereinigten Staaten, Indien, Russland und Japan zu den Top-6-Emittenten und zählt auch nicht zu den wenigen neunzehn Staaten auf der Welt, die zu den Wachstumsnationen mit sinkenden Kohlendioxidemissionen zählen. In dieser Gruppe sind freilich einige andere EU-Staaten vertreten, so etwa auch die Nachbarländer Dänemark, Frankreich, Schweiz und Niederlande.

          Zuwachs bei den Regenerativen

          Der globale Emissionszuwachs in diesem Jahr ist auch nicht durch den enormen Ausbau der erneuerbaren Energiequellen aufzuhalten. „Die regenerativen Energien, vor allem zur Stromgewinnung, steigen exponentiell“, heißt es in dem Bericht. Die Entwicklung sei ausgesprochen positiv. Um 15 Prozent werden die regenerativ aus Sonne, Wind, Wasser und Geowärme erzeugten Strommengen dieses Jahr zunehmen. In China sind es sogar 25 Prozent. Doch der Zuwachs bilde sich auf einem immer noch viel zu niedrigen Niveau.

          Der explosionsartig wachsende Energiehunger der Welt übersteigt die Nachfrage bei Weitem. „Wir müssen es schaffen, dass die weltweiten Kohlendioxidemissionen von 2020 an beginnen zu sinken, dann können wir die in Paris vereinbarten Klimaziele noch erreichen“, kommentiert die ehemalige Leiterin des UN-Klimasekretariats, Christina Figueres, die Berichte: „Es ist noch im Bereich des Möglichen.“

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