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Kipp-Punkte des Klimas : Kurs auf den „Point of no Return“

  • -Aktualisiert am

Geht die ganze Welt unter, wenn das Great Barrier Reef stirbt, ... Bild: dpa

Kippelemente, das klingt irgendwie nach Kinderspiel. Für Klimaforscher sind sie das Thema hitziger Debatten.

          4 Min.

          Die UNO hat  die zu Ende gehende Dekade gerade zum heißesten Jahrzehnt der Geschichte gekührt. In Deutschland nehmen die Extremwetter-Ereignisse deutlich zu, und angesichts von Hitzewellen, Dürreperioden, Waldbränden, Gletscherschmelze und Wirbelstürmen weltweit fragt man sich, was eigentlich noch alles passieren kann. Die Menschheit müsse wählen zwischen dem Weg der Hoffnung und dem der Kapitulation beim Klimaschutz, erklärte UN-Generalsekretär António Guterres vor Vertretern aus fast zweihundert Ländern in Madrid.

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die vergangenen fünf Jahre seien weltweit die heißesten gewesen, die jemals gemessen wurden. In Sichtweite der Punkt, an dem kein Umlenken mehr möglich sei. Unter Kapitän Homo sapiens nimmt die Erde nach wie vor Kurs auf einen „Point of no Return“. Was allerdings gemeint ist, wenn Klimaforscher von „tipping points“ sprechen, ist wiederum eine andere Sache. Pünktlich zur Weltklimakonferenz in Madrid erschien in der Zeitschrift „Nature“ ein Kommentar, der eindringlich warnt, es sei zu riskant, die „climate tipping points“ zu missachten.

          Die üblichen Verdächtigen

          Sieben Forscher, darunter mit Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber zwei bekannte Namen aus Deutschland, werden auf vier Seiten zur einstimmigen Kassandra. Sie widmen sich einer Reihe von Ökosystemen, sogenannten Kippelementen, die aufgrund des Temperaturanstiegs ab einem gewissen Schwellwert, dem Kipp-Punkt, zusammenbrechen. Oder in einen neuen, stabilen Zustand übergehen können. Das Umkippen könnte ihrer Definition nach sogar reversibel sein.

          ... oder Grönlands Gletscher schmelzen?
          ... oder Grönlands Gletscher schmelzen? : Bild: AFP

          Als ein Beispiel nennen die Autoren die Eismassen auf Grönland. Diese würden heute schneller als in der Vergangenheit schmelzen und könnten an einen Punkt gelangen, an dem dort alle Gletscher verschwinden. Unwiederbringlich. Ein positiver Rückkopplungseffekt wirke sich aus und beschleunige den Schwund, wenn die noch mehr als 3000 Meter hohe Eisdecke schmelze, ihre Oberfläche dadurch in tiefere Lagen rutsche und milderen Temperaturen ausgesetzt ist.

          Die Sieben befürchten, dass ein einzelnes Kippelement möglicherweise nicht für sich alleine untergehe, sondern eine ganze Kaskade ähnlicher Vorgänge auslösen könnte, und fordern die Politik zum sofortigen Handeln auf. Bevor all diese Elemente kippen. Welche Zusammenhänge zu berücksichtigen seien, schildern die Kommentatoren in „Nature“ am Beispiel des Golfstroms. Denn das Abschmelzen des Grönlandeises wirke sich auf diese Nordatlantische Umwälzungsbewegung aus. Der Golfstrom transportiert warmes Wasser vom Äquator nach Norden in ein Gebiet nahe Grönland. Dort kühlt sich das Wasser ab, es verdunstet teilweise oder wird zu Eis, woraufhin sich der Salzgehalt erhöht. Die Dichte verändert sich, weshalb die Wassermassen dort nach unten sinken, was immer neue Mengen nachziehen lässt. In zwei bis drei Kilometern Tiefe strömt das Wasser dann wieder zurück nach Süden.

          Lokales und globales Kippen

          Wenn nun das Grönlandeis schmilzt und die Temperaturen steigen, beeinflusse das Salzkonzentration und den Wärmegradienten im Nordatlantik so stark, dass der Golfstrom sich verlangsamen oder gar versiegen, also kippen könnte. Keine dystopische Phantasie, das Risiko könnte bestehen. Es gebe mittlerweile gute Belege, die zeigen, dass sich der Golfstrom während der letzten Eiszeit rapide verändert habe, sagt Martin Claußen, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Das rechtfertige seiner Meinung nach die Klassifizierung als ein mögliches Kippelement. Ungewiss sei allerdings, ob eine solch rasche Änderung in einer deutlich wärmeren Welt passieren könne. Die verschiedenen Modelle kämen zurzeit noch auf sehr unterschiedliche Ergebnisse. Ihm widerspricht Bjorn Stevens, der am selben Institut die Abteilung „Atmosphäre im Erdsystem“ leitet, in gewisser Weise, denn er hält den Begriff Kippelement selbst für irreführend. Vor allem, weil man damit eine abrupte globale Klimaveränderung assoziiere, was aber nicht immer gemeint sei.

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