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Klima und Kino : Die inszenierte Eiszeit

Heißer Juli 2003: bis zu 45 Grad in Europa Bild: Nasa

Ein politisch korrektes Wissenschaftsdrama: Wie Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem Film „The Day after Tomorrow“ die Theorie einer neuen Eiszeit inszeniert.

          5 Min.

          Das Sacre Coeur vom Sturm zerstört. Einschlag von Fünf-Pfund-Hagelkörnern in Tokio. Nachmittagssiesta im Schneegestöber von Madrid. Tödliche Tornados in Illinois, Iowa, Kansas und Michigan. Abertausende Hitzeopfer in Europa. Zehntausende in Bangladesch von einer Riesenflut mitgerissen. Wirklichkeit oder Illusion? Wer wollte bei solchen Meldungen noch sicher unterscheiden, wo die Grenze von der traurigen Realität zur schlimmen Phantasie überschritten wird? Tatsächlich handelt es sich bei den ersten drei Meldungen um fiktive "globale Wetterwarnungen", die der deutsche Illusionsfabrikant und Hollywoodregisseur Roland Emmerich effektvoll über die Website seines neuen Streifens "The Day after Tomorrow" laufen läßt. Für Emmerich ist der Klimaschocker ein Menetekel, in seinem Kern eine politische Botschaft: Schützt endlich das Weltklima. Verpackt ist das filmische Manifest allerdings in ein wissenschaftliches Kostüm, das Millionen von Zuschauern vermutlich erschaudern lassen mag. Sieht so tatsächlich der lange angekündigte Klimakollaps aus?

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Unbestreitbar trägt das Drehbuch die Handschrift der Wissenschaft. Wie sehr, das ist in den vergangenen Wochen deutlich geworden, nachdem die Werbemaschinerie des 125-Millionen-Dollar-Projektes angelaufen war. Die wissenschaftliche Zunft geriet in Aufruhr. Einer der ersten ernst zu nehmenden Kommentatoren und offenbar unfreiwilligen Co-Autoren Emmerichs, der öffentlich reagierte, war Wallace S. Broecker vom Lamont-Doherty Earth Observatory an der Columbia-Universität in Palisades. Er war es, der Mitte der neunziger Jahre das dem Film zugrunde liegende Szenario entwickelte. In einem Übersichtsartikel für die Zeitschrift "Science" (Bd. 278, S. 1582) erklärte er, wie es mit der zunehmenden, durch Treibhausgas-Emissionen forcierten Erwärmung der Erdatmosphäre zu einem abrupten Klimaumschwung speziell auf der Nordhalbkugel kommen könnte. Der Einbruch einer neuen Eiszeit schien plötzlich wieder möglich. Die Analyse paläoklimatologischer Daten hatte Broecker zu der Überzeugung gebracht, daß sich die sogenannte thermohaline Zirkulation in den Weltmeeren als "Achillesferse des Klimasystems" erweisen könnte.

          Eiszeitszenario nur eine von mehreren Thesen

          Die These des versiegenden warmen Golfstroms, die zu einer mehr oder weniger schnellen Abkühlung im Einflußbereich des Nordatlantiks führen könnte, hatte Broecker seinerzeit zu einem beinahe alarmistischen Tonfall veranlaßt. Heute warnt er vor Übertreibungen. "Überzogene Szenarien dienen nur der weiteren Polarisierung in der Klimadebatte", schrieb er vor kurzem in einem Leserbrief an die Zeitschrift "Science". Gerichtet war die Attacke an die beiden Autoren einer düsteren Klimastudie, Peter Schwartz und Doug Randall, die im Auftrag des Pentagons in Washington eine Studie über "Abrupte Klimaänderungen" ausarbeiteten. Die Studie liefert gewissermaßen die Blaupause für Emmerichs Katastrophenfilm.

          Was der Hollywoodproduzent allerdings ebenso wie die beiden Autoren der Pentagon-Studie übersehen hat, bleibt auch von Broecker aus naheliegenden Gründen unerwähnt: Das neue Eiszeitszenario ist nur eine von mindestens zwei möglichen Thesen, die zudem noch immer nicht genügend untermauert sind. Wenn also Emmerich nun wie unlängst davon spricht, daß der Film "auf wissenschaftlichen Fakten", nämlich "auf einer ganzen Reihe von anerkannten Theorien", beruht, dann nutzt er das Privileg des Künstlers, Theorie und Faktum großzügig miteinander zu vermischen.

          Schnelle Umschwung eher unwahrscheinlich

          Seriöse Wissenschaft hingegen trennt beides und argumentiert vorsichtig. So vorsichtig etwa wie vor knapp zwei Jahren eine international zusammengesetzte Gruppe von Klimaforschern, die im Auftrag der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften einen umfangreichen Report schrieb, der frappierende Ähnlichkeiten mit dem sensationsheischenden Pentagon-Bericht trägt: "Abrupt Climate Changes: Inevitable Surprises". In diesem Dokument wird wie in dem knapp ein Jahr zuvor veröffentlichten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change - einer Art klimawissenschaftliches Schiedsgericht und politischer Ratgeber - der Kollaps des Golfstroms zwar für grundsätzlich denkbar gehalten. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, daß dies auch nur näherungsweise in den kommenden hundert Jahren geschieht, wird nach dem Stand der Dinge praktisch ausgeschlossen. Jedenfalls hat die andere Hypothese, daß die Meeresströme sich zwar möglicherweise leicht abschwächen, aber die weitere globale Erwärmung dennoch nicht unterbrechen, ein deutliches Übergewicht. Nicht einmal die in dieser Hinsicht sensibelsten Klimamodelle prophezeien einen schnellen Umschwung - geschweige denn einen so apokalyptischen Einbruch, wie ihn Emmerichs Film jetzt nahelegt.

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