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Klima : Die gefrorene Sintflut

Bild: F.A.Z.

Der globale Anstieg der Temperaturen könnte die Antarktis antauen. Doch an vielen Stellen läßt er ihr Eisschild sogar wachsen.

          Am Pfingstmontag funkte Envisat, ein Erdbeobachtungssatellit der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA, wieder ein beunruhigendes Bild zur Erde: Es zeigt einen 115 Kilometer langen Eisberg namens B-15A, der die Gestade des antarktischen Victoria-Landes entlangschrammt. B-15A ist Bruchstück einer noch größeren Eisscholle, die im März 2000 vom Ross-Schelfeis abbrach und seither eine der großen Ängste unserer Zeit abbildet: die Angst vor der großen Sintflut durch das Abschmelzen polaren Eises als Folge der gegenwärtigen, zum Teil vermutlich vom Menschen verursachten globalen Erwärmung.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun hat ein Forscherteam um Curt Davis von der University of Missouri in Columbia zum erstenmal eine direkte Folge der globalen Erwärmung am Südpol festgestellt. Allerdings geht sie genau in die entgegengesetzte Richtung dessen, was man naiverweise erwarten würde. Am Donnerstag veröffentlichten die Wissenschaftler in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Science Ergebnisse von Messungen mit Instrumenten an Bord der ESA-Satelliten ERS-1 und ERS-2, die Höhenänderungen der Eisdecke über weiten Teilen des siebten Kontinentes zwischen den Jahren 1992 und 2003 verfolgten (siehe Karte rechts). Ihr Fazit: Vor allem über der Ostantarktis wird das Südpoleis nicht dünner, sondern dicker. „Da waren wir schon etwas überrascht", gesteht Davis, "allerdings haben die Klimamodelle dieses Ergebnis schon vor 20 Jahren vorausgesagt.“

          Mehr Feuchtigkeit, mehr Schnee

          Der Grund ist meteorologisch gesehen einfach: Wärmere Luft transportiert mehr Feuchtigkeit zu den äußerst niederschlagsarmen Eiswüsten Ostantarktikas und läßt es dort öfter schneien. Daher wird das Eis mächtiger - und zwar, wie die Forscher aus ihren Beobachtungen folgern, jedes Jahr um gut 40 bis 50 Milliarden Tonnen. Vermutlich ist es noch mehr, denn Regionen jenseits 81,6o südlicher Breite konnten ERS-1 und ERS-2 nicht überfliegen. Bezieht man den dort mutmaßlich gefallenen zusätzlichen Neuschnee ein, so dürfte der Südpol im Beobachtungszeitraum genug Wasser gebunden haben, um den Meeresspiegel um 0,18 Millimeter pro Jahr abzusenken.

          Kollision am Südpol: Eisberg B-15A rammt eine Gletscherzunge

          Tatsächlich aber steigt der Meeresspiegel, und zwar um etwa 1,8 Millimeter pro Jahr. Etwa die Hälfte dieses Anstiegs interpretiert man als Folge des rund um die Erde zu beobachtenden Gletscherschwundes. Dieser nimmt etwa in den Alpen mittlerweile drastische Ausmaße an. So entschloß sich kürzlich die Schweizer Gemeinde Andermatt, den Gurschengletscher nach Christo-Manier in Folien zu verpacken, um das beliebte Skiparadies vor der Sommersonne zu schützen.

          Global gesehen weitaus kritischer sind allerdings der Schwund der Gletscher Alaskas und Patagoniens und vor allem des grönländischen Eisschildes, der, wenn er völlig zusammenschmölze, die Meeresspiegel ganz alleine um sechs bis sieben Meter ansteigen ließe. Hinzu kommt, daß die Ozeane im Zuge weltweit steigender Temperaturen allein aufgrund ihrer thermischen Ausdehnung anschwellen.

          Effekt nur vorübergehend

          Fest steht, daß die nun gemessene Zunahme des ostantarktischen Schildes die Folgen des allgemeinen Tauwetters für die Küsten keinesfalls abmildern würde. "Dieser Effekt ist sowieso nur vorübergehend wirksam", sagt der Polareis-Fachmann Wolfgang Rack vom Alfred-Wegener-Institut für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven. "Nach einigen hundert Jahren wird sich der Eisschild auf die neue Situation eingestellt haben und wieder Masse abbauen."

          Schon heute nimmt das Südpoleis nicht nur Wasser auf, sondern gibt auch welches ab - leider weiß man nicht genau, wieviel. "Die absolute Massenbilanz der Antarktis ist ungewiß, und das ist unser großes Problem", gesteht Rack. "Wir wissen nicht genau, wieviel Wasser reingeht, denn es gibt dort keine flächendeckenden Niederschlagsmessungen - und wir wissen auch nicht genau, wieviel rausgeht."

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