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Klimawandel : Der kippende Punkt

Vor allem die Bauern sorgen sich um Wetter und Klima. Bild: dpa

Auf dem Höhepunkt der Hitzewelle verkünden Forscher, auch die Begrenzung der menschengemachten Erderwärmung auf zwei Grad könnte das Weltklima vielleicht nicht mehr retten. Ob das hilfreich ist?

          Timing ist oft alles. Am Montag vergangener Woche, einem Höhepunkt der Hitzewelle, wurde diese Wissenschaftsmeldung sogar im Dudelfunk verlesen: Forscher hätten festgestellt, das Erdklima könne auch dann in eine „Heißzeit“ abgleiten, wenn das Pariser Klimaziel einer Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad über dem vorindustriellem Niveau gerade eingehalten wird. Es könnten nämlich sogenannte Kipppunkte überschritten werden, und dann sei das weitere Aufglühen des Planeten durch nichts mehr zu stoppen. Es geht um Rückkopplungseffekte wie das Abschmelzen von Polareis, das dann kein Sonnenlicht mehr zurück ins All reflektieren kann oder tauenden Permafrost, der dann noch mehr klimawirksames Gas ausdünstet.

          Ob derlei an einem Tag des vergleichsweise durchwachsenen Sommers 2017 diese Aufmerksamkeit erzielt hätte, ist zweifelhaft. Selbst Wissenschaftsredaktionen hätten dann über die Publikation im Fachmagazin „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften kaum prominent berichtet,  das mit den Kipppunkt ist eigentlich keine Neuigkeit. Bereits 2008 war der Begriff in die Klimaforschung eingeführt worden – ebenfalls in den Proceedings und ebenfalls mit Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung als KoAutor.

          Vage Überlegungen

          Es war nicht zuletzt Schellnhuber, der vor der Pariser Klimakonferenz 2015 mit ebenjenen Kipppunkten die numerische Marke von zwei Grad als wissenschaftlich begründet – und nicht nur politisch hilfreich – rechtfertigen konnte. Jetzt aber sollen Verkettungen verschiedener Kippelemente im Klimasystem überhaupt keinen Sicherheitsabstand zwischen jenen Pariser zwei Grad und dem „point of no return“ mehr zulassen? Möglicherweise, denn quantitativ bleibt der nun vorgelegte Artikel, der wenig mehr ist als eine Zusammenschau bisheriger Überlegungen, eher vage. Konkreter, wenn auch ebenso wenig neu, ist dagegen die Aufforderung, Politik und Gesellschaft mögen zur Abwendung des Unheils Regierungsmaximen und Konsumverhalten ändern.

          Diese Vermischung von gelehrter Vermutung – und sei sie noch so gut begründet – und politischem Appell ist indes riskant. Denn Politik ist die Kunst des Möglichen, und sie wird gelähmt, wenn man ihr Unmögliches abverlangt. Und die Forderung, die Welt zugleich demokratisch und gerecht und klimafreundlich zu organisieren – und das bitte schön sofort, weil sonst der Kipppunkt droht, das dürfte durchaus unmöglich sein. Nicht physikalisch, aber eben politisch. Klimafreundlicher wird die Menschheit nicht per Revolution – oder Transformation, wie engagierte Klimaforscher es lieber nennen –, sondern nur auf dem langwierigen Weg der tausend Kompromisse mit allen möglichen anderen Sorgen und Wünschen, die Menschen neben der Bewahrung des weltklimatischen Status quo nun einmal auch haben. Wer sagt, das Erdklima könne schon jetzt nur noch durch kompromisslose Unterordnung alles anderen gerettet werden, der sagt damit eigentlich, dass gar nicht mehr gerettet werden kann.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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