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Kein Lärm in Covid-19-Krise : Die Stille des Lockdowns

Ein Mann wartet Mitte März im Terminal des Flughafen Dresden auf seinen Abflug. Bild: dpa

Während des Corona-Lockdowns war die Erde so still wie nie zuvor in der Geschichte. Das zeigen die Daten von seismischen Messstationen in 117 Ländern.

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          Leergefegte Straßen, verwaiste Fußgängerzonen, keine dröhnenden Flugzeuge am Himmel, nur wenig verkehrende Züge auf den Gleisen, Kreuzfahrtschiffe vor Anker, keine krakeelenden Menschenmassen in den Fußballstadien – noch nie schien die Welt um uns herum so still wie in der Zeit des Lockdowns, als das öffentliche und wirtschaftliche Leben darniederlag. Auf den sonst so belebten Plätzen war endlich wieder das Singen der Vögel zu hören.

          Nicht wenige dürften die irdische Ruhe aber als Wohltat für ihre stressgeplagten Seelen empfunden haben. Auch vielen Forschern, die mit ihren empfindlichen Instrumenten beispielsweise schwachen Signalen aus der Tiefe des Universums lauschen und normalerweise mit irdischen Störsignalen zu kämpfen haben, kam die Lockdown-Ruhe wohl sehr gelegen.

          Tatsächlich waren die ersten Monate der Corona-Pandemie die längste und stillste Ruheperiode weltweit, die jemals gemessen wurde, schreibt eine internationale Forschergruppe um den belgischen Geologen Thomas Lecocq im Wissenschaftsmagazin „Science“. Um rund fünfzig Prozent sei der von menschlichen Aktivitäten verursachte Schallpegel im Schnitt global gesunken. Das habe die Auswertung von 268 seismischen Messstationen in 117 Ländern gezeigt, die außer Erdbeben die Erschütterungen von Bohrungen, fahrenden Zügen oder Straßenverkehr registrieren.

          Zeitliche Entwicklung der Lockdown-Ruhe

          Die Abnahme des anthropogenen Hintergrundrauschens sei in der Nähe von dichtbesiedelten Ballungsräumen und Megacitys wie Singapur oder New York am stärksten gewesen, aber auch in vielen abgelegenen Regionen, etwa in Namibia oder im Schwarzwald, war eine deutliche Reduktion der menschengemachten Vibrationen zu beobachten. Die Lockdown-Stille habe man sogar noch in einigen hundert Metern Tiefe nachweisen können.

          Anhand der Daten konnten Lecocq und seine Kollegen den Verlauf der Pandemie auch geographisch nachzeichnen: Die Welle der anthropogenen Ruhephase begann Ende Januar in China, erfasste im März und April Europa und dann den Rest der Welt. Und auch der allmähliche Einbuch des Tourismus war erkennbar. Viele der beliebten Ferieninseln waren Orte der Stille.

          Die Messungen hätten auch gezeigt, wie allgegenwärtig das von Menschen verursachte Störrauschen sei und dass es viel weiter reiche als bislang angenommen. Und die schwachen Signale natürlicher Erdbeben, die normalerweise im Grundrauschen untergehen, waren ohne spezielle Filter klar zu erkennen.

          Doch die verordnete globale Ruhephase neigt sich aufgrund der Lockerungen an vielen Orten wieder dem Ende entgegen. Und der Geräuschpegel nimmt vielerorts wieder spürbar zu. Doch wie lange das Lärmen anhält, wird sich zeigen. In vielen Ländern steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder bedrohlich an.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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