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Interview mit Erdbebenforscher : Eine Neubewertung der vulkanischen Gefährdung

  • -Aktualisiert am

Kohlendioxid-Blasen am Laacher See in der Eifel. Bild: ddp Images

Unter der Osteifel scheint es sich füllende Magmakammern zu geben – dies leitet eine aktuelle Studie aus dort registrierten Beben ab. Was bedeutet dieser Befund für die Zukunft der Vulkaneifel? Ein Gespräch mit Torsten Dahm.

          Herr Dahm, dass der Vulkanismus in der Eifel nicht erloschen sei, sondern sich nur im Langzeitschlaf befinde, behaupten einige Wissenschaftler schon länger. Was ist also neu an Ihrer Studie?

          Diese wissenschaftliche Meinung bestätigen wir hiermit. Das Besondere an unseren Messungen und Beobachtungen ist, dass wir erstmalig auch seismische Evidenz für Prozesse sehen, die direkt unter der Eifel aktuell ablaufen. Wir haben also direkten Nachweis für magmatisch induzierte Beben oder magmatische Prozesse.

          „Magmatismus“ heißt nicht gleich Vulkanausbruch…?

          Ein Vulkan ist nicht nur dann aktiv, wenn oben etwas herauskommt. Deswegen sprechen wir vom Magmatismus. Magmatische Prozesse in der Erdkruste passieren an viel mehr Stellen als nur dort, wo der Vulkan steht. Diese Prozesse sind eventuell ständig aktiv, ohne dass man an der Oberfläche etwas bemerkt.

          Prof. Dr. Torsten Dahm ist Sektionsleiter Erdbeben- und Vulkanphysik am Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum (GFZ)

          In der Eifel bebt es doch immerzu spürbar, wie unterscheiden sich also die neuen Registrierungen von den üblichen Eifel-Erdbeben?

          In der Eifel sind natürlich tektonische Beben bekannt, Spannungsbeben, die auch von der Bevölkerung wahrgenommen werden und Schwingungsfrequenzen größer als zehn Hertz haben. Jetzt können wir sogenannte Deep-Low-Frequency (DLF)-Beben registrieren, übersetzt: niederfrequente Tiefherdbeben. Die tiefsten Erdbeben der Osteifel sind auch die tiefsten, die jemals in Deutschland bestimmt wurden. Die DLF-Beben unterscheiden sich von den tektonischen Beben durch tiefere Frequenzen – etwa ein bis zehn Hertz. Sie sind ganz schwache Erdbeben, die man nicht spürt – auf der Richterskala meist kleiner als zwei. Man assoziiert sie allgemein mit Magmenbewegung.

          Die Verdichtung des seismologischen Messnetzes im Jahre 2013 hat diese Registrierung überhaupt erst ermöglicht. Könnten DLF-Beben normal für die Osteifel sein?

          Das ist etwas, das wir nicht beantworten können: Es kann sowohl sein, dass die DLF-Beben 2013 zum ersten Mal nach langer Zeit aufgetreten sind. Aber es könnte auch sein, dass es sie vor der seismischen Netzverbesserung schon gab und wir sie einfach nicht sehen konnten. Das sind jetzt junge Beobachtungen, und wir denken, es ist wichtig, noch mal genau in die alten Daten hineinzuschauen. Vielleicht findet man etwas mit verbesserten Auswertungsmethoden.

          Was ist an den beobachteten Ereignissen denn so besonders?

          Die DLF-Erdbeben konzentrieren sich auf ein kleines Gebiet unter dem Laacher See und reihen sich wie auf einem Faden auf, gerade herunter, von zehn bis etwa 43 Kilometer Tiefe. Die Struktur ähnelt einem Kanal. Die Beben ereignen sich in „Clustern“, Anhäufungen, aber nicht gleichverteilt, sondern wie in verschiedenen Stockwerken. Jedes Cluster wurde an derselben Stelle reaktiviert. Die DLF-Ereignisse kommen in kurzen Episoden, die wenige Minuten dauern. Danach ist wieder Ruhe.

          Schmückt heutzutage den Vulkan: der Laacher See

          Und was hat Magma mit diesen Beben zu tun?

          Im gängigen Modell für die DLF-Beben ereignet sich in der Nähe von kleinen Fluid- oder Magmareservoirs Folgendes: Die Lagerstätten geraten kurzzeitig unter Spannung, und wenn das Gestein am Rand des Reservoirs einbricht, entsteht ein schwaches Erdbeben. Dringt der Bruch in den inneren Fluidbereich des Reservoirs vor, kann dieses zu schwingen beginnen. Wir denken nun – und das ist unser Hauptpunkt –, dass das Fortschreiten des Bruchs sich stark verlangsamt, da die Randzone teilweise auskristallisiert ist. Diese Verlangsamung könnte den tieffrequenten Charakter dieser Erdbeben erklären. Das Modell könnte zudem beschreiben, was die registrierten DLF-Ereignisse stets an derselben Stelle reaktiviert: das Reservoir wird immer wieder angeregt.

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