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Von allen Göttern und guten Geistern verlassen

Von LAURA SALM-REIFFERSCHEIDT (Text) und NYANI QUARMYNE (Fotos)

13. Mai 2021 · In Benin sind Wälder den Menschen heilig. Mit Tabus allein halten sie Holzfäller nicht mehr fern, und so verfolgen Naturschützer die Ziele mit neuen Mitteln.

Mit einer Machete schiebt Yaya Chabi Ota trockenes Laub zur Seite und sucht mit seinen Augen aufmerksam den Waldboden ab. Nur vereinzelt bahnen sich Sonnenstrahlen einen Weg durch die dichten Baumkronen, wenig Licht dringt bis nach unten durch in diesem Waldstück im Norden Benins, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Togo entfernt. „Irgendwo hier muss es sein“, sagt der 45-Jährige. Er ist einer von fünf Öko-Guards, die den Wald von Kikélé vor Wilderern und Baumfällern schützen sollen. Sie patrouillieren Tag und Nacht, schlafen auch manchmal unter Bäumen. Chabi Ota, der Hosen in Tarnfarben und feste Stiefel trägt, bleibt stehen, bückt sich und zeigt mit der Machete auf den Boden: „Hier sind die Gräber der Affen!“ Nichts weist auf ein Grab hin, kein Stein, kein Schild, doch er ist sich sicher: Genau an dieser Stelle hätten seine Vorfahren die verstorbenen Affen aus dem Wald begraben. „Wenn eines der Tiere krank war, ist es zu den Menschen ins Dorf gekommen. Die haben dann versucht, es zu heilen.“ Sei ein Affe dennoch gestorben, erzählt Chabi Ota, habe man den kleinen Körper in ein weißes Tuch gehüllt und hier begraben.

Yaya Chabi Ota ist einer von fünf Öko-Guards, die den heiligen Wald von Kikélé beschützen.
Yaya Chabi Ota ist einer von fünf Öko-Guards, die den heiligen Wald von Kikélé beschützen.

Die Affen von Kikélé haben schwarzes Fell, doch ihre dunklen Gesichter sind weiß umrahmt, und wie die Hinterbeine leuchten auch ihre langen Schwänze hell: Geoffroy-Stummelaffen (Colobus vellerosus) sind in Westafrika heimisch, nur noch rund 1.500 existieren in freier Wildbahn, und es werden immer weniger. Chabi Otas Klan sind die Tiere heilig wie der Wald, in dem sie leben. Seine Vorfahren kamen einst aus einem Gebiet im heutigen Togo hierher und ließen sich in dem damals riesigen Wald nieder. Der bot ihnen Schutz – vor Sklavenhändlern und anderen Feinden. Die Affen brachten sie einer Legende nach mit sich. 

„Mit ihren Rufen haben die Affen unsere Vorfahren vor Gefahren gewarnt. Bis heute kommunizieren wir mit den Affen“, erzählt Ali Baba Biao, der aus Kikélé stammt und ein kleines Sägewerk im sieben Kilometer entfernten Bassila betreibt. Ist der Ruf eines Affen zu einer bestimmten Nachtstunde von einer bestimmten Stelle aus dem Wald zu hören, sei das ein Zeichen dafür, dass ein Todesfall bevorstehe, ein Unfall oder eine Krankheit drohe. Die Ältesten des Klans befragen dann das Orakel, wie das Unheil abzuwenden wäre und welche Zeremonien und Opfer die Gottheiten, für die Schreine am Waldrand stehen, verlangen würden. „Die Affen sind unsere Verwandten“, sagt Biao. Und die Verbindung sei so eng, dass wenn ein Affe sterbe, dann auch ein Mitglied des Klans, so sage es ihr Glaube.

Verschwinden die Bäume, verlieren seltene Stummelaffen oder Rotbauchmeerkatzen, wie hier und oben im Bild, ihr Habitat. Diese beiden Exemplare leben im Reservat „Sanctuaire des Singes“, das 1995 in Drabo Gbo, Benin, auf 2,5 Hektar startete. Und über die Jahre konnte dessen Gebiet um mehr als das Vierfache erweitert werden.
Verschwinden die Bäume, verlieren seltene Stummelaffen oder Rotbauchmeerkatzen, wie hier und oben im Bild, ihr Habitat. Diese beiden Exemplare leben im Reservat „Sanctuaire des Singes“, das 1995 in Drabo Gbo, Benin, auf 2,5 Hektar startete. Und über die Jahre konnte dessen Gebiet um mehr als das Vierfache erweitert werden.

Hier im Wald von Kikélé tummeln sich an die dreißig Geoffroy-Stummelaffen. Wieder. Um die Jahrtausendwende hatte Ali Baba Biao erkannt, dass kaum mehr als ein halbes Dutzend geblieben war. Der heilige Wald war über die Jahrzehnte auf nicht einmal drei Hektar geschrumpft, das spirituelle Erbe hatte dem Bevölkerungswachstum nach Benins Unabhängigkeit 1960 nicht standhalten können. Die nächsten Generationen verlangten nach Grund, um Felder zu bestellen und eigene Häuser zu bauen. Die Alten gaben nach, sie wollten die Jungen im Dorf halten, brauchten sie als Arbeitskräfte, und so wurde der Wald großflächig gerodet. Nur das innerste Heiligtum, wo nach wie vor die Schreine stehen, blieb erhalten. Biao suchte sich Hilfe und fand Unterstützung bei Organisationen, die wie er daran inter­essiert waren, die seltenen schwarz-weißen Affen zu schützen. Dank Neupflanzungen erstreckt sich ihr Habitat hoch in den Bäumen mittlerweile wieder über 13,5 Hektar.

Der Bedarf an Bau- und Brennmaterial ist groß, alter Baumbestand knapp. Deshalb entstehen im Land Plantagen für schnellwachsende Arten.
Der Bedarf an Bau- und Brennmaterial ist groß, alter Baumbestand knapp. Deshalb entstehen im Land Plantagen für schnellwachsende Arten.

Der Druck auf die Wälder in Benin ist groß. Laut einem Bericht der Weltbank hat das westafrikanische Land zwischen 2001 und 2018 550. 000 Hektar Waldfläche verloren. Ein Grund dafür ist das schnelle Bevölkerungswachstum, vor allem im Süden, wo die Wirtschaftsmetropole Cotonou und die Hauptstadt Porto-Novo, liegen; 1960 lebten 2,43 Millionen Menschen in Benin, heute sind es 11,8 Millionen. Einer Prognose der UN zufolge, soll die Bevölkerungszahl bis 2050 auf 24 Millionen steigen, das bedeutet: „Die Menschen brauchen Baumaterial, Platz für Häuser und für Agrarland“, sagt Orphée Lokossou, der für die staatliche Forstinspektion in Abomey-Calavi arbeitet und an der Entwicklung von Verwaltungsprogrammen zum Schutz von staatlichen und privaten Wäldern arbeitet. Benin ist eines der ärmsten Länder der Welt, die Landbevölkerung lebt meist von einer Subsistenzwirtschaft, der Selbstversorgung. Das ist oft Grund für Konflikte zwischen nomadischen Viehhirten und lokalen Bauern, und weil es an Weideflächen mangelt, weichen die Hirten mit ihren Rinderherden in Wälder aus. Hinzu kommt, dass gut neunzig Prozent der Haushalte auf Brennholz und Holzkohle angewiesen sind. Im urbanen Raum wurden 2017, laut Weltbank-Bericht, rund 642. 800 Tonnen verfeuert, und drei Viertel davon stammen aus illegalen Quellen.

Für einen Sack Holzkohle zahlt man im Norden von Benin um die 4 Euro. Im Süden kann sie teurer weiterverkauft werden.
Für einen Sack Holzkohle zahlt man im Norden von Benin um die 4 Euro. Im Süden kann sie teurer weiterverkauft werden.

„Wir gehen in den Wald und schlagen die Bäume, um Kohle daraus zu machen“, bringt es Mohammed Dogo schlicht auf den Punkt. Er lebt in einem Dorf an einer der zwei Straßen, die in den Norden des Landes führen, und verdient sich als Köhler etwas dazu. Obwohl die Förster der staatlich geschützten Wälder nun etwas strenger geworden seien und er manchmal eine Strafe zahlen müsse, werde er erwischt, halte das weder ihn noch die anderen Dorfbewohner davon ab. Der Bedarf an Kohle sei groß. Pro Sack, die Ware wird am Straßenrand feilgeboten, bekommen sie 2.500 bis 3.000 CFA-Franc, das sind umgerechnet vier Euro für 25 Kilo. Der Großteil der Holzkohle geht in den Süden des Landes, wo das Brennmaterial zu höheren Preisen weiterverkauft wird. Auch die Felder, die Dogo mit Mais und Maniok bestellt, waren vor einigen Jahren noch Wald. Nur ein paar vereinzelte Bäume sind zu sehen. „Wir lassen nur jene stehen, die uns etwas bringen“, sagt er. Das sind etwa Niem-, Mango- oder Karitébäume, die für ihre fettreichen Sheanüsse bekannt sind. Trotzdem werden manchmal auch alte Karitébäume geschlagen: Die daraus hergestellte Kohle sei schwer und brenne deshalb länger.

Das Sammeln herabgefallener Äste ist in Schutzzonen erlaubt, für den Eigenbedarf.
Das Sammeln herabgefallener Äste ist in Schutzzonen erlaubt, für den Eigenbedarf.

Zwar propagiert der Staat das Kochen mit Gas, aber die Versuche zeigen bisher wenig Erfolg. Fragt man die Menschen auf dem Land, in den kleinen Ortschaften, warum sie lieber Kohle oder Holz verwenden, sagen diese, dass sie sich einen vollen Gaszylinder nicht mit einem Schlag leisten könnten oder dass sie Angst hätten, damit zu kochen. Zumal sie ihr Brennholz doch einfach selbst sammeln könnten, im Wald. Aber es werde auch aufgeforstet, und der Staat pflanze Plantagen mit schnell wachsenden Bäumen wie Teak und Eukalyptus, die als Bau- und Brennmaterial dienen könnten. „Anstelle alter Bäume, die man dafür abholzen würde“, erklärt der Forstbeamte Lokossou. Und tatsächlich, reist man durch Benin, dann geht es vorbei an Feldern, oft ragen noch die verkohlten Stümpfe der Bäume, die da einst standen, aus der Erde. Auch sieht man Teak-Plantagen und Buschland, doch dichte Wälder mit altem Baumbestand nur selten. Wenn, dann sind es meist „heilige Wälder“, die sich in Privatbesitz befinden und einem Familien-Klan oder einer Dorfgemeinschaft gehören.

Die Menschen nutzen zum Kochen lieber Holz und Kohle,  Gas ist  kostspielig und vielen nicht ganz geheuer.
Die Menschen nutzen zum Kochen lieber Holz und Kohle, Gas ist kostspielig und vielen nicht ganz geheuer.

Im Jahr 1998 zählte Benin noch um die 3.000 Wälder, die den Menschen hier als heilig galten, heute dürften es deutlicher weniger sein. In der Mehrzahl sind die Flächen nicht mal einen Hektar groß, nur einige wenige erstrecken sich über Hunderte Hektar, und in der Summe bedecken sie weniger als 0,2 Prozent der Fläche des Landes. Ein kläglicher Rest, dennoch spielen sie eine zentrale Rolle für das Ökosystem und weisen eine hohe Biodiversität auf, da Tabus und Traditionen sie meist besser vor Veränderungen bewahren konnten als staatliche Vorgaben. 

Solche „heiligen Wälder“ wurden 2012 offiziell unter Schutz gestellt: per Gesetz, das die traditionellen Riten und Schutzmaßnahmen legitimierte – und somit das erste seiner Art in Afrika war. „Jetzt bekommt man Probleme mit dem Gesetz und mit den Gottheiten, wenn man einem heiligen Wald schadet“, erklärt Lokossou. Naturschützer kritisieren jedoch, dass Förster oft ihrer Arbeit nicht nachkommen oder Geld annehmen und wegsehen, wenn gerodet wird.

„Wir brauchen den Wald, um unsere Traditionen zu erhalten, und dank der Traditionen schützen wir auch den Wald“, sagt Dassi Bah. Der 30-Jährige aus dem Dörfchen Koko im Norden Benins hat Pädagogik studiert und will nun Lehrer werden. Im Alter von fünf Jahren wurde er in den Voodoo-Kult um Sakpata, einem Pocken- und Fruchtbarkeitsgott, eingeführt. Drei Jahre verbrachte Bah in einer Art Kloster im Wald, lernte die Tänze, die Lieder und verschiedene Heil- und Schutzpflanzen dieser Gottheit kennen: „Wir lernten, der Natur zuzuhören.“ Kein Ritual kam ohne Blätter, Wurzeln oder Rinde aus.

Benin gilt als Heimat des Voodoo. Mit den Sklaven gelangte die Religion von hier aus nach Amerika und in die Karibik. Im Süden des Landes spielt die staatlich anerkannte Religion mit verschiedenen Kulten nach wie vor eine wichtige Rolle, im Norden verstehen die Menschen ihren traditionellen Glauben eher als Animismus. Aus Nigeria wurden diverse Yoruba-Gottheiten übernommen und in den lokalen Pantheon integriert. Doch es besteht eine enge Verbindung zur Natur, und der Besuch eines Orakel-Priesters oder eines traditionellen Heilers gehört ebenso zum Alltag wie Tierknochen und Pflanzenteile zu deren Utensilien. In vielen Wäldern sind Schreine mehrerer Gottheiten zu finden, andere gelten als heilig, weil dort Ahnen begraben sind, sie einer Königsfamilie gehören, Pflanzen und Steine von Geistern beseelt sind oder eben heilige Tiere darin leben wie in Kikélé. Meist dürfen die Wälder nur von Initiierten betreten werden, all jene etwa, in denen Kultstätten der Geheimbünde Oro, Egungun oder Zangbéto verborgen sind. Frauen ist der Zutritt oft verboten, und die Tradition erlaubt entweder keine oder nur eine nachhaltige Jagd. Bäume zu fällen ist ein Tabu, nur Fallholz und Heilpflanzen dürfen gesammelt werden.
Das Fa-Orakel zu befragen, das funktioniert angeblich am besten mit dem Pulver eines seltenen Waldpilzes. Zur Not muss Kreide herhalten. Den Gottheiten und Ahnen ist im Haus ein Schrein (oben im Bild) gewidmet, ihnen werden hier regelmäßig Opfergaben dargebracht.

„Dieser Wald ist das spirituelle Zen­trum aller umliegenden Dörfer. Wird er abgeholzt, werden uns Epidemien plagen, deren Ursprünge unergründlich sind. Wo sollten wir denn die Götter um Regen bitten, wenn es den Wald nicht mehr gibt?“, stellt Felix Gbetekanlin die Bedeutung klar. Er ist ein traditioneller Heiler und Hüter der Gottheiten im Wald von Zunkidja nahe der Stadt Allada. „Die Alten geben den Jungen Anweisungen, den Wald nicht zu betreten. Das wird respektiert“, sagt der 65-Jährige. Legenden helfen dabei, Angst zu schüren: „Wenn zwei unerlaubt in den Wald gehen und einander rufen, werden sie sich nicht hören und auch nie wieder aus dem Wald hinausfinden.“ Der Wald von Zunkidja umfasst heute 32 Hektar, einst waren es 200 – Tabus allein konnten den Kahlschlag nicht aufhalten. Dabei soll nun die Festlegung der Grundstücksgrenzen samt Eintragung ins Grundbuch helfen. Ein langwieriger Prozess, der Geld und Zeit kostet, aber verhindern soll, dass Teilstücke ohne Zustimmung aller anderen Besitzer verkauft werden. Andere Wälder sind ganz verschwunden, zurück blieben nur einzelne heilige Bäume.

Raymond Adokpo, 77, wacht über diesen Kapok-Baum (Ceiba petandra), der mehrere Jahrhunderte alt sein soll.
Raymond Adokpo, 77, wacht über diesen Kapok-Baum (Ceiba petandra), der mehrere Jahrhunderte alt sein soll.

„So alte Bäume gibt es nur noch, wenn sie auch von einer Gottheit geschützt werden“, erklärt Raymond Adokpo und blickt in die Krone eines gigantischen Kapok-Baumes, zu dessen Hüter ihn das Orakel bestimmt habe. Um die 500 Jahre soll dieses Exemplar eines sonst auch für Fasern und ölhaltige Samen geschätzten Ceiba pentandra alt sein, in einem Astloch wächst ein Ficus, wohl auch schon seit Generationen. Zu Füßen des massiven Stammes, der einen Durchmesser von drei, vier Metern hat, steht eine Tonfigur, die der Gottheit Tolegba als Behausung dienen soll. An Markttagen hält der 77-jährige Hüter frühmorgens ein Ritual für Tolegba ab, andere legen Opfergaben nieder, in der Hoffnung, dass dann ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Einmal im Jahr findet eine große Zeremonie statt. Als die für ein paar Jahre aus Geldmangel nicht abgehalten wurde, herrschte Chaos im Dorf: „Es gingen Menschen mit Macheten aufeinander los. Es hat Tote gegeben“, erzählt Adokpo. Jetzt sei wieder Frieden eingekehrt.

Oft werden große Flächen gerodet und nur einzelne heilige Bäume verschont, hier blieb ein einsamer Kapok-Baum stehen.
Oft werden große Flächen gerodet und nur einzelne heilige Bäume verschont, hier blieb ein einsamer Kapok-Baum stehen.

Den Menschen ist es wichtig, die Balance – zwischen Gottheiten, Geistern, der Natur und den Menschen – zu erhalten. Werde ein Tabu gebrochen, eine Gottheit vernachlässigt, bringe das Konsequenzen mit sich. Ein rotes Band, das um den Ast eines Mangobaumes oder um eine Ölpalme geschlungen ist, dient hier als Abschreckung, weil daran ein magischer Spruch gebunden ist: Wer die Früchte stiehlt, wird vom Blitz getroffen. In einem anderen Fall hat ein Bauer seine Maniok-Setzlinge geschützt: „Wer das hier stiehlt, der wird ertrinken“, warnt das daran gebundene Fläschchen mit Wasser. Und eine Sandale soll dem Dieb ein rastloses Leben bescheren. Es sind alte Regeln, die auf Angst und Respekt beruhen: Wer einen Baum fällt, dem wird etwas zustoßen. „Diese Gesetze wurden von Generation zu Generation weitergegeben, also hat niemand heilige Bäume geschlagen. Das hat lange dabei geholfen, Wälder zu schützen“, erklärt Orphée Lokossou. Trotzdem sind die heiligen Wälder zunehmend bedroht.

Unter dem marxistisch-leninistischen Regime von Mathieu Kérékou wurden in den 1970er Jahren große Flächen gerodet, betroffen war vor allem Milicia excelsa. Der Iroko, wie das Maulbeergewächs in Benin genannt wird, gilt als einer der heiligsten Bäume im Land, soll andererseits aber auch ein Versammlungsort von Hexen sein. Die Abholzung war damals als Schlag gegen Obskurantismus gedacht, angebliche Hexen wurden verfolgt und ins Gefängnis gesteckt. Die Regierung änderte ihren Kurs erst, als 1976 eine verheerende Dürre einsetzte, die von der Bevölkerung als Zeichen göttlicher Wut betrachtet wurde. Seit 1985 wird am 1. Juni sogar ein Nationaler Tag des Baumes gefeiert, an dem man medienwirksam Setzlinge pflanzt und auf die Bedeutung von Wäldern aufmerksam macht.

Das rote Band ist eine Warnung des Besitzers an Diebe und Eindringlinge, dass die Ölpalmen mit Voodoo-Zauber belegt wurden. Wer das missachte, dem stoße ein Unglück zu.
Das rote Band ist eine Warnung des Besitzers an Diebe und Eindringlinge, dass die Ölpalmen mit Voodoo-Zauber belegt wurden. Wer das missachte, dem stoße ein Unglück zu.

Die Hüter von heiligen Wäldern und Naturschützer sehen auch in der Ausbreitung „moderner“ oder „neuer“ Religionen, wie sie es ausdrücken, ein Problem. Zum Islam bekennen sich etwa dreißig Prozent der Bevölkerung in Benin, vor allem im Norden; rund fünfzig Prozent gehören christlichen Glaubensgemeinschaften an, und die sind eher im Süden zu finden. Ihr Besuch einer Moschee oder Kirche schließt üblicherweise nicht aus, dass die Menschen an traditionellen Ritualen und Zeremonien teilnehmen, aber: „Die neuen Kirchen bringen den Jugendlichen bei, dass das Verhalten ihrer Großeltern, ihrer Eltern schlecht sei und diese in die Hölle kämen. Um in den Himmel zu kommen, müssten sie die okkulten Praktiken aufgeben. Es ist also nicht leicht für die Alten, den Jungen die Traditionen, die immer geholfen haben, die Natur zu schützen, näherzubringen“, sagt Mariano Houngbedji. Mit seiner Frau Chrystelle Dakpogan hat er die „Organisation pour le Développement Durable et la Biodiversité“ (ODDB) gegründet, die Gemeinden dabei unterstützt, ihre Wälder nachhaltig zu nutzen, um die Biodiversität zu erhalten. 

Zum Beispiel Dékanme im Süden des Landes, dort haben sich einige der älteren Dorfbewohner zusammengetan, um den heiligen Wald Kpékonzoun auf der anderen Seite des Flusses Ouémé zu verwalten. „Die Jugend glaubt, sie müsse sich für eine Sache entscheiden. Dabei sollte die Religion einen doch nicht daran hindern, die Kultur der Vorfahren zu leben. Sie müssen doch ihre Wurzeln respektieren“, sagt Dominic Hounton, ein Mitglied des Verwaltungsrats des Kpékonzoun. Es sei schwierig geworden, Jugendliche zu finden, die sich noch initiieren, sich von den Alten in die Geheimnisse des Waldes einweihen lassen. Zwar bringe man den Gottheiten im Wald noch Opfer dar, aber es sei nicht mehr so wie früher, seiner Meinung nach bleibe das nicht ohne Folgen. „Es regnet nicht mehr so viel, alles ist trocken. Im Fluss gibt es weniger Fische“, führt etwa Rigobert Zounmenou an, der ebenfalls bei der Verwaltung des Waldes hilft. Er glaubt, die Gottheiten hätten den Wald verlassen, weil Nichtinitiierte herkämen und den Wald zerstörten. Um das zu ändern, müsste man sie besänftigen.

Das Ehepaar schätzt die Traditionen und möchte sie lebendig halten, trotzdem bedürfe es parallel dazu eines weiteren Ansatzes: „Wir müssen den Menschen klarmachen, welch hohen Wert der Wald hat, warum er wichtig ist und warum sie ihn schützen sollen, nicht aus Angst, sondern weil er ihnen was bringt. Sie müssen verstehen, was ihnen verloren geht, wenn der Wald abgeholzt oder alle Tiere getötet werden“, sagt Chrystelle Dakpogan. Ihre Organisation arbeitet gezielt mit Jugendlichen, um ihnen den Naturschutz näherzubringen. Ihre Mitarbeiter klären auf und unternehmen mit Stadtkindern Ausflüge in die Wälder. „Damit wollen wir auch der Jugend in den besuchten Gemeinden zeigen, dass Menschen von weit her kommen, nur um ihren Wald zu sehen. Dass es sich also lohnt, ihn zu schützen.“

Im Wald von Kpékonzoun sammeln diese freiwilligen Helfer Daten zur Biodiversität.
Im Wald von Kpékonzoun sammeln diese freiwilligen Helfer Daten zur Biodiversität.

Über den lokalen Radiosender sucht ODDB außerdem regelmäßig Freiwillige, die helfen, im Wald von Kpékonzoun Daten zur biologischen Vielfalt zu sammeln. Mit Tablets ausgerüstet, setzt an diesem Tag eine kleine Gruppe, nur eine Frau unter lauter Männern, mit einem Ruderboot ans andere Ouémé-Ufer über. Im Gänsemarsch stapfen sie über Felder und verschwinden dann im Dickicht des Waldes. Ihre Aufgabe lautet, alle Pflanzen- und Tierarten, die sie finden, mit dem Tablet zu fotografieren und zu beschreiben. „Ich habe heute den Schrei einer Rotbauchmeerkatze gehört“, erzählt Eli Agbo aufgeregt; neben dieser bedrohten Art sollen hier Palmenflughunde und Monameerkatzen leben. „Die Wälder verschwinden und mit ihnen viele Tiere. Es hängt nun an uns, dass die Kinder die Natur nicht vernachlässigen. Sie müssen wissen, dass sie davon profitieren können“, sagt der 30-Jährige, der an einer Schule arbeitet. Und die Informatikerin Fabienne Boton resümiert: „Es ist ein Problem, dass wir alle Bäume fällen. Deswegen ist es so heiß. Ohne die Natur sind wir Menschen nichts.“

Ein Ziel ist aber auch, dass die Dörfer eigene Ansätze verfolgen. In Gnanhouizoun, mit 126 Hektar einer der größeren heiligen Wälder im Ouémé-Tal, hat die Organisation alle Jäger zum Brainstorming an einen Tisch gebracht. „Wir haben sie überlegen lassen, wie sie die Tiere schützen können. Da haben sie erst mal eine Liste erstellt mit allen Tieren, die sie im Wald noch sehen. Das hat ihnen die Augen geöffnet, denn einige Arten gab es schon nicht mehr“, erzählt der ODDB-Gründer. Die Jäger entschlossen sich daraufhin, alle großen Fallen aus dem Wald zu entfernen. Sie hörten auf, als Gruppe zu jagen, und haben Fremden das Jagen verboten. Nur alle zwei Jahre findet eine große Jagd statt, um die Opfergaben für ihre Gottheiten im Wald zu schießen. Nun jagen sie aber nur Nager oder anderes Getier, das zahlreich vorhanden ist. Eine nachhaltige Nutzung ist entscheidend für den Erhalt der Artenvielfalt, für die Dorfbewohner sind andere Aspekte ebenfalls wichtig. „Sie müssen sehen, dass ihnen der Wald Geld bringt, denn am Ende geht es immer ums Geld“, sagt Mariano Houngbedji. Die Gemeinden rund um die heiligen Wälder brauchen alternative Einnahmequellen, wenn sie nicht jagen und auf die Abholzung verzichten sollen. Deshalb bilden Naturschutzorganisationen manche in der Zucht von Hasen oder Schnecken aus, anderen wird die Imkerei beigebracht, denn Honig ist begehrt.

In Kikélé hoffen Ali Baba Biao, Yaya Chabi Ota und die gesamte Dorfgemeinschaft, dass ihre Geoffroy-Stummelaffen Besucher anlocken. Die Öko-Guards erhielten ihre Ausbildung von staatlichen Förstern mit Förderung von den Organisationen ODDB und Makigo. Einer von ihnen lebte zuvor vom Jagen und beteuert heute, er fasse sein Gewehr nicht mehr an. Wegen der Pandemie liegt der Tourismus allerdings brach, und ungefährlich ist auch diese Branche nicht: Ein beliebter Safari-Guide wurde ermordet, seine beiden französischen Gäste in einem Nationalpark an der Grenze zu Burkina Faso entführt.

Der traditionelle Heiler Yatta Chabi Ota ruft die Affen von Kikélé auf seine Weise herbei.
Der traditionelle Heiler Yatta Chabi Ota ruft die Affen von Kikélé auf seine Weise herbei.

Eines Abends stehen die Öko-Guards vor einem alten Baum am Waldrand. Der traditionelle Heiler und Priester Yatta Chabi Ota murmelt vor sich hin, gießt aus einer Kalebasse Wasser auf die Erde, streift den Boden des Gefäßes über die Köpfe der Männer. „Wenn wir die Affen drei Tage nicht gesehen haben, rufen wir sie so“, sagt Chabi Ota. Und tatsächlich, bald kommt Bewegung in die Bäume; Blätter rascheln, Affen springen von Ast zu Ast, lange weiße Schwänze hängen aus dem Blätterdach – ein paar Jungtiere verfolgen neugierig das Treiben unter ihnen.

Mittlerweile leben in Kikélé fast zu viele Affen. Immer öfter verlassen sie den Schutz der Bäume, um auf den umliegenden Feldern Nahrung und Wasser zu suchen. Für Jäger aus benachbarten Dörfern macht sie das zu Freiwild, aber der Klan will keines der Tiere umsiedeln: Sie gehören zur Familie, stattdessen soll Land hinzugekauft und aufgeforstet werden. Dafür fehlt bisher das Geld. Trotzdem soll keinem der Affen etwas geschehen, kein Baum abgeholzt werden – die fünf Öko-Guards nehmen ihren Job ernst, die Verantwortung macht sie stolz. Ob ihr Glaube oder das Gehalt, das ihnen die Organisation Makigo zahlt, oder vielleicht beides sie motiviert aufzupassen, ist unerheblich: „Wir lassen den Wald und die Affen nicht allein. Einer von uns passt immer auf.“

Blatt für Blatt

Wir nehmen Bäume meist als selbstverständlich war, obwohl sie unentbehrlich für unser Überleben sind – und nicht nur als Obstproduzenten oder Kohlenstoffspeicher. Das „ European Journalism Centre“ vergibt 2021 acht Recherchestipendien an europäische Medien, um die Berichterstattung über globale Entwicklungsthemen zu fördern. Zu den ausgewählten Bewerbern gehören drei Projekte deutscher Zeitungen, darunter die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; insgesamt beläuft sich die Förderung auf 900.000 Euro, unterstützt von der Bill und Melinda Gates Stiftung.

Mit diesem „European Development Journalism Grant“ wird das F.A.S.-Wissenschaftsressort im Team mit freien Autoren und Fotografen in den kommenden Monaten das Projekt „Baumpalaver“ verfolgen, das daran angelehnt ist, dass sogenannte Palaverbäume traditionell das Zentrum afrikanischer Dörfer darstellen. Mit einer Artikel-Serie wollen wir, in loser Folge, den Blick auf Bäume an sich lenken, deren Funktion und Bedeutung für uns Menschen deutlich machen. Nicht nur als Instrument im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch als Hilfsmittel, mit dem Menschen ihren Lebensstandard, ihre Gesundheit und ihre Umwelt nachhaltig verbessern können: Wie tragen Wälder zu unser aller Gesundheit und Wohlbefinden bei? Was passiert mit Dörfern oder Städten, denen es an Bäumen mangelt? Und wie hängen Ökosysteme zusammen, gerade in Anbetracht von Epidemien, wenn Menschen zunehmend in die Lebensräume von Tieren und Pflanzen eindringen, Wälder zerstören?

All diesen Fragen möchten wir in verschiedenen Ländern nachgehen und in Reportagen Menschen vorstellen, deren Ideen die Entwicklung ihrer Gemeinschaften, Dörfer und Städte nachhaltig vorantreiben.
Sonja Kastilan

Das Projekt kann in den kommenden Monaten in der F.A.S., auf FAZ.net und auf Twitter unter @baumpalaver verfolgt werden.

Die heiligen Wälder von Benin machen jetzt den Auftakt.

ALTE STADTBÄUME „Baumfrevel mit System“?
BRASILIEN Land der Indigenen

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 13.05.2021 14:26 Uhr