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Hitze und Trockenheit : Die Angst vor dem Jahrtausendsommer

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Die Nordhalbkugel Ende Juli 2018: Lufttemperaturen in Celsius zwei Meter über dem Grund, gemittelt über drei Tage. Bild: NCEP/Climate Reanalyzer, University of Main

Nicht nur Europa, die gesamte nördliche Hemisphäre stöhnt unter einer heftigen Hitzewelle. Es kann allerdings noch schlimmer kommen. Viel schlimmer.

          Den Norden, wie man ihn kannte, gibt es nicht mehr. Man begegnet Menschen ohne Pulli, ohne Regenschirm, dazu Landschaften, die eher nach Huelva aussehen als nach Holstein, mit ausgedorrten Feldern, gelben Wiesen, überfüllten Stränden und ausgetrockneten Flüssen.

          Der Sommer 2018 entwickelt sich bedrohlich. In einem breiten Streifen von Irland über Skandinavien und Deutschland bis ins Baltikum scheint die Farbe Grün aus der Landschaft verschwunden. Damit ist der Norden der neue Trockengürtel Europas: Die Temperaturen liegen drei bis sechs Grad über den normalen Werten, seit dem Frühjahr hat es kaum geregnet. Viele Felder sind bereits verloren, Bäume werfen ihr Laub ab, Bauern sehen ihrem Getreide bei der Notreife zu. Zudem herrscht höchste Feuergefahr. Immer wieder brechen Flächenbrände aus. Und schon wird eine Jahreszahl bemüht, die für die schlimmste Dürre seit fast fünfhundert Jahren steht: 2003.

          Damals, im sogenannten Jahrhundertsommer, brach schon der Juni alle Temperaturrekorde, damals lagen die Hotspots aber nicht im Norden, sondern im Süden. Baden-Württemberg erlebte den mit Abstand heißesten Juni seit Messbeginn 1881, mit Temperaturen wie sie normalerweise nur in Andalusien erreicht werden. Bis zu sieben Grad war es damals wärmer als im Schnitt.

          Hier ist es heißer als sonst: Die Differenz zwischen den Lufttemperaturen Ende Juli 2018 (im 3-Tages-Mittel) und dem Mittelwert der Jahre 1979 bis 2000

          Um die beiden Jahre zu vergleichen, muss man jedoch zwei Größen voneinander trennen: die Temperatur und die Regenmenge. In puncto Hitze ist der aktuelle Sommer noch nicht auf dem Niveau von vor fünfzehn Jahren. Um etwa zweieinhalb Grad liegen Juni und Juli derzeit über dem langjährigen Schnitt, das ist ordentlich, aber nicht extrem. Im Vergleichszeitraum 2003 war es noch ein halbes Grad mehr, und dann schraubte seinerzeit ein brütend-heißer August die Abweichung weiter nach oben, auf am Ende plus 3,3 Grad. Das Besondere an 2003 war definitiv die Hitze. In dieser Länge und Intensität kannte man so etwas damals noch nicht – was sich allerdings ändern sollte: Es folgte der heißeste Juli der Wetteraufzeichnung im Jahr 2006, dem sogenannten Sommermärchen, eine Rekord-Hitzewelle im Jahr 2015 und ein Rekord-September im Jahr 2016. Dieses Jahr hat nun früh neue Maßstäbe gesetzt. April und Mai brachten neue Temperaturrekorde, aber vor allem: kaum Regen. „Dass zwei Monate in Folge in Deutschland neue Temperaturrekorde aufstellen, ist ein ausgesprochen seltenes Ereignis und kam in den vergangenen hundert Jahren bisher nur im November und Dezember 2015 vor“, sagt Florian Imbery vom Deutschen Wetterdienst. Trotzdem hat beim Thema Hitze 2018 gegen 2003 noch keine Chance. Anders sieht das aus, wenn man das Frühjahr hinzurechnet. Vergleicht man den Zeitraum von März bis Juli, dann liegt 2018 bei den Temperaturen bereits jetzt vor dem Jahr 2003, wenn auch nur um einige wenige Zehntel Grad.

          Bei der Dürre hingegen hat 2018 den Sommer 2003 schon jetzt geschlagen: Juni und Juli waren trockener als vor fünfzehn Jahren. Und wenn man das Frühjahr hinzurechnet, ist die Lage in diesem Jahr bereits schlimmer als im selben Zeitraum des Jahres 2003. Denn die außergewöhnliche Dürre in Europa setzte schon im April ein, landesweit fiel zu wenig Regen, am wenigsten in Niedersachsen und in weiten Teilen Ostdeutschlands. Dort kam stellenweise nicht einmal die Hälfte des üblichen Niederschlags zusammen. Am dramatischsten ist die Lage in Lettland. Dort sind ebenso wie in Schweden großflächige Brände ausgebrochen, in der Hauptstadt Riga ist seit dem 26. April kein Tropfen mehr gefallen. Das heißt: Eigentlich hat dieser Sommer, der keinen Regen bringen möchte, bereits im Frühjahr begonnen. Wissenschaftler vom Zentrum für Umweltforschung, die den Dürremonitor Deutschland erstellen, sprechen von einer außergewöhnlichen Dürre, der höchsten Kategorie. Viele Landesteile leuchten auf den Karten dunkelrot, und es werden immer mehr.

          Ursache der extremen Trockenheit ist die konstante Wetterlage über Europa. Seit Februar dominieren mächtige Hochdruckgebiete über Großbritannien und Skandinavien das Wetter, regenträchtige Tiefdruckgebiete werden dadurch in einer großen Schleife um den Kontinent geleitet. Der Einfluss des Atlantiks ist damit vollständig blockiert, wie die Meteorologen sagen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass eine solche Blockade schon einmal so lange anhielt“, sagt Adrian Leyser vom Deutschen Wetterdienst. Die Folge: Seit Ende April wird kontinuierlich knochentrockene Luft aus östlichen Richtungen nach Deutschland geweht. Die für unsere Breiten übliche Westdrift ist komplett zusammengebrochen. Die Sonne glüht ungestört, Wasser verdunstet großflächig. Und je trockener die Böden aber werden, desto heißer wird die Luft und desto stabiler die Wetterlage: eine positive Rückkopplung.

          An zahlreichen Orten neue Temperaturrekorde

          Die populäre Frage, ob das nun alles schon der Klimawandel ist, beantwortet Leyser mit Gelassenheit: „Die Atmosphäre hat sich für dieses Muster nun einmal entschieden“, sagt er. Dass der Höhenwind zunehmend schwächle und stärker schlingere, sei bislang nur eine Theorie, die noch nicht erwiesen sei. Manche Klimaforscher lesen aus dieser Wetterlage allerdings schon reflexhaft die Erderwärmung heraus. Das Problem daran ist nicht, dass solche Einschätzungen grundsätzlich falsch wären, sondern dass jede extreme Wetterlage mittlerweile mit dem Klimawandel erklärt wird – ganz gleich, ob es sich um Starkregen wie im vergangenen Sommer handelt, um Hitzewellen, Unwetter, Orkane, Hurrikane oder Schneemassen. Wenn aber ohnehin jedes Ereignis mit dem Klimawandel verbunden wird, ist die Frage irgendwann obsolet. Sie verkommt zur reinen Volkserziehungsmaßnahme, zu einem ökologischen Hypermoralismus, auf den die breite Mehrheit mit Gleichgültigkeit reagiert. Ist ja eh alles egal.

          Das ist es eben nicht. Manche Wetterphänomene tragen bereits jetzt die Handschrift des Klimawandels, andere nicht. Rein theoretisch rechnen die Klimaforscher jedenfalls mit mehr Hitze und Dürren. Diese Phänomene sind derzeit nicht nur in Europa ein Problem, die gesamte Nordhalbkugel erlebt derzeit Extremwetter. Nordamerika, Nordchina, Nordafrika und der Nahen Osten ächzen unter Hitze, an zahlreichen Orten sind neue Temperaturrekorde aufgestellt worden. Skandinavien steuert auf den wärmsten Sommer seit über hundert Jahren zu. Und selbst in Nordsibirien wurden an mehr als fünf Tagen Werte wie am Mittelmeer gemessen, gleichzeitig warnten die Behörden vor Waldbränden, 80.000 Hektar Wald sollen bereits in Flammen aufgegangen sein. Schwülheiß mit mehr als 30 Grad ist es derzeit auch in der kanadischen Provinz Quebec, von wo seit Ende Juni schon Dutzende hitzebedingter Todesfälle gemeldet wurden.

          In Algerien hingegen wäre man über Sommerwerte wie in Kanada froh. In Ouargla, einer Oasenstadt in der Sahara, wurde am 5. Juli eine Maximaltemperatur von 51,3 Grad gemeldet. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass dies die höchste Temperatur ist, die jemals verlässlich in Algerien aufgezeichnet wurde“, schreibt die Weltmeteorologie-Organisation WMO in einer Pressemitteilung. Zudem ist es wahrscheinlich, dass damit auch ein neuer Afrika-Rekord aufgestellt wurde. Als bisheriger Spitzenreiter gilt zwar der aus dem tunesische Kebili im Juli 1931 mit 55 Grad, doch dieser Wert wird von verschiedenen Meteorologen stark angezweifelt. Sicher widerlegt ist der vermeintliche Hitzeweltrekord von 58 Grad vom September 1922, den der Wüstenort Al-Asisia in Libyen bis vor sechs Jahren hielt. Stattdessen gelten heute jene 56,7 Grad als Spitzenreiter, die am 10. Juli 1913 im kalifornischen Death Valley gemessen wurden. Im Tal des Todes wurden auch diesen Sommer wieder lebensfeindliche Werte erreicht, in dieser Woche maß man dort 52,8 Grad.

          2019 könnte es noch wärmer werden

          Andernorts in Kalifornien ist die Situation mittlerweile ernst. Zahlreiche Buschbrände sind ungewöhnlich früh ausgebrochen, wegen der Hitze fiel in einigen Städten sogar der Strom aus. Zudem purzeln in diesem Sommer die Rekorde. In Chino, unweit von Los Angeles, gab es einen neuen Topwert mit 48,9 Grad, in Downtown L.A. erlebten die Bewohner die wärmste Julinacht seit Aufzeichnungsbeginn: 26,1 Grad. Unterdessen setzte auf der anderen Seite des Pazifiks ein Taifun halb Japan unter Wasser, bevor auch dort eine Hitzewelle Dutzende Rekorde brach.

          Hohe Nachttemperaturen werden in der Rekordhatz der Medien meist unterschätzt, dabei sind sie für den Menschen meist belastender als hohe Tageswerte, da der Körper sich in der Nacht zu erholen versucht. Insofern kann man nur hoffen, dass Ende Juni im Oman die Klimaanlagen funktionierten. Denn die Küstenstadt Kuriat erlebte die heißeste Nacht der Welt. Die tiefste Temperatur lag in jener Nacht auf den 26. Juni bei 42,6 Grad. Die extreme Hitze hielt insgesamt 51 Stunden an, bei bis zu 49,8 Grad am Tag.

          Ebenfalls auf Rekordniveau sind die Temperaturen im globalen Mittel. Der Juni war der zweitwärmste seit Messbeginn, teilt das Europäische Zentrum für Mittelfristige Vorhersagen mit. Berücksichtigt man außerdem, dass 2018 ein La-Niña-Jahr ist, dann dürfte es sich sogar um den wärmsten Juni gehandelt haben. Während einer La-Niña-Phase schluckt der Pazifik viel Wärme, so dass sich die Atmosphäre eigentlich weniger stark erwärmt. Während einer El-Niño-Phase passiert genau das Gegenteil: Wärme wird frei – und die Atmosphäre erhitzt sich stärker als in normalen Jahren. 2019 könnte diese Warmphase zurückkehren, erwarten Wetterexperten. Dann würde es wohl noch wärmer werden.

          „Die Dürre von 1540 überragt alles Bekannte“

          An solche Szenarien möchte Christian Pfister lieber nicht denken, die aktuelle Hitze reicht ihm völlig. Abends wässert er eine Stunde seinen Garten und dann noch den des Nachbarn. Zur Abkühlung geht der 73-Jährige in der Aare schwimmen. Der pensionierte Klimaforscher vom renommierten Oeschger-Zentrum der Universität Bern hat mehr als tausend Jahre Wettergeschichte erforscht, er hat schlimme Dürrejahre gesehen und auch solche, in denen der Sommer einfach ausfiel. Ein Jahr allerdings beschäftigt ihn bis heute: 1540. Jener Sommer war der extremste des vergangenen Jahrtausends, mit Hitzewellen, die länger und schwerer ausfielen als im Jahr 2003. „Die Dürre von 1540 überragt alles Bekannte“, sagt Pfister. Und es war möglich in einem Klima, für das der Mensch noch keine nennenswerte Rolle spielte.

          Elf Monate lang fiel damals vom Atlantik bis Osteuropa und von Norditalien bis Norddeutschland nur ein Drittel des üblichen Regens. Die Mitteltemperatur lag fünf bis sieben Grad über den Normalwerten des 20. Jahrhunderts. Auf breiter Front kletterten die Tageshöchstwerte auf mehr als vierzig Grad. In Basel und Köln konnte man trockenen Fußes den Rhein durchqueren, Lindau war mit dem Festland verbunden. Dazu fielen Brunnen und Quellen trocken, das Vieh wurde notgeschlachtet, unzählige Menschen starben bei der Arbeit auf dem Feld.

          Genau an jenes extreme Jahr vor fast fünfhundert Jahren fühlte sich Christian Pfister in diesem Frühjahr erinnert, als sich über Nordeuropa jenes Dürrehoch festgesetzt hatte, das einfach nicht weichen will. „Ich bin über das bisherige Jahr sehr erschrocken“, sagt er. Es entwickele sich mehr und mehr zu einem Analogon zu 1540. Pfister ist sich sicher, dass sich eine solche Megadürre bald wiederholen wird, in einer insgesamt zunehmend heißeren Welt.

          Dürre in Europa

          Die große Hitze hat Europa schwer getroffen. Satellitenbilder zeigen, wie sich die Vegetation von üppigem Grün im Mai zu trockenem Braun Ende Juli verändert hat. Satellitenbilder: Nasa

          Und weil er davon überzeugt ist, versucht der Klimaforscher seit Jahren, die Behörden auf die Möglichkeit eines solchen Extremereignisses hinzuweisen. Denn die Folgen wären fatal: Erst würde das Wasser versiegen, dann würde der Strom ausfallen. Auf ein solches Szenario sei niemand vorbereitet, doch die Behörden hätten über seine Warnung vor einem neuen 1540 nur milde gelächelt.

          Alles hängt jetzt am August. Bleibt er trocken, droht zumindest ein neues 2003. Schaut man sich die Prognosen für den Monatswechsel an, deutet sich keine Umstellung der Wetterlage an. Vorerst wird Europa also weiter unter großer Hitze weiterbrüten. Landregen ist ohnehin nicht in Sicht. Langsam wird es ernst.

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