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Hitze und Trockenheit : Die Angst vor dem Jahrtausendsommer

  • -Aktualisiert am

2019 könnte es noch wärmer werden

Andernorts in Kalifornien ist die Situation mittlerweile ernst. Zahlreiche Buschbrände sind ungewöhnlich früh ausgebrochen, wegen der Hitze fiel in einigen Städten sogar der Strom aus. Zudem purzeln in diesem Sommer die Rekorde. In Chino, unweit von Los Angeles, gab es einen neuen Topwert mit 48,9 Grad, in Downtown L.A. erlebten die Bewohner die wärmste Julinacht seit Aufzeichnungsbeginn: 26,1 Grad. Unterdessen setzte auf der anderen Seite des Pazifiks ein Taifun halb Japan unter Wasser, bevor auch dort eine Hitzewelle Dutzende Rekorde brach.

Hohe Nachttemperaturen werden in der Rekordhatz der Medien meist unterschätzt, dabei sind sie für den Menschen meist belastender als hohe Tageswerte, da der Körper sich in der Nacht zu erholen versucht. Insofern kann man nur hoffen, dass Ende Juni im Oman die Klimaanlagen funktionierten. Denn die Küstenstadt Kuriat erlebte die heißeste Nacht der Welt. Die tiefste Temperatur lag in jener Nacht auf den 26. Juni bei 42,6 Grad. Die extreme Hitze hielt insgesamt 51 Stunden an, bei bis zu 49,8 Grad am Tag.

Ebenfalls auf Rekordniveau sind die Temperaturen im globalen Mittel. Der Juni war der zweitwärmste seit Messbeginn, teilt das Europäische Zentrum für Mittelfristige Vorhersagen mit. Berücksichtigt man außerdem, dass 2018 ein La-Niña-Jahr ist, dann dürfte es sich sogar um den wärmsten Juni gehandelt haben. Während einer La-Niña-Phase schluckt der Pazifik viel Wärme, so dass sich die Atmosphäre eigentlich weniger stark erwärmt. Während einer El-Niño-Phase passiert genau das Gegenteil: Wärme wird frei – und die Atmosphäre erhitzt sich stärker als in normalen Jahren. 2019 könnte diese Warmphase zurückkehren, erwarten Wetterexperten. Dann würde es wohl noch wärmer werden.

„Die Dürre von 1540 überragt alles Bekannte“

An solche Szenarien möchte Christian Pfister lieber nicht denken, die aktuelle Hitze reicht ihm völlig. Abends wässert er eine Stunde seinen Garten und dann noch den des Nachbarn. Zur Abkühlung geht der 73-Jährige in der Aare schwimmen. Der pensionierte Klimaforscher vom renommierten Oeschger-Zentrum der Universität Bern hat mehr als tausend Jahre Wettergeschichte erforscht, er hat schlimme Dürrejahre gesehen und auch solche, in denen der Sommer einfach ausfiel. Ein Jahr allerdings beschäftigt ihn bis heute: 1540. Jener Sommer war der extremste des vergangenen Jahrtausends, mit Hitzewellen, die länger und schwerer ausfielen als im Jahr 2003. „Die Dürre von 1540 überragt alles Bekannte“, sagt Pfister. Und es war möglich in einem Klima, für das der Mensch noch keine nennenswerte Rolle spielte.

Elf Monate lang fiel damals vom Atlantik bis Osteuropa und von Norditalien bis Norddeutschland nur ein Drittel des üblichen Regens. Die Mitteltemperatur lag fünf bis sieben Grad über den Normalwerten des 20. Jahrhunderts. Auf breiter Front kletterten die Tageshöchstwerte auf mehr als vierzig Grad. In Basel und Köln konnte man trockenen Fußes den Rhein durchqueren, Lindau war mit dem Festland verbunden. Dazu fielen Brunnen und Quellen trocken, das Vieh wurde notgeschlachtet, unzählige Menschen starben bei der Arbeit auf dem Feld.

Genau an jenes extreme Jahr vor fast fünfhundert Jahren fühlte sich Christian Pfister in diesem Frühjahr erinnert, als sich über Nordeuropa jenes Dürrehoch festgesetzt hatte, das einfach nicht weichen will. „Ich bin über das bisherige Jahr sehr erschrocken“, sagt er. Es entwickele sich mehr und mehr zu einem Analogon zu 1540. Pfister ist sich sicher, dass sich eine solche Megadürre bald wiederholen wird, in einer insgesamt zunehmend heißeren Welt.

Dürre in Europa

Die große Hitze hat Europa schwer getroffen. Satellitenbilder zeigen, wie sich die Vegetation von üppigem Grün im Mai zu trockenem Braun Ende Juli verändert hat. Satellitenbilder: Nasa

Und weil er davon überzeugt ist, versucht der Klimaforscher seit Jahren, die Behörden auf die Möglichkeit eines solchen Extremereignisses hinzuweisen. Denn die Folgen wären fatal: Erst würde das Wasser versiegen, dann würde der Strom ausfallen. Auf ein solches Szenario sei niemand vorbereitet, doch die Behörden hätten über seine Warnung vor einem neuen 1540 nur milde gelächelt.

Alles hängt jetzt am August. Bleibt er trocken, droht zumindest ein neues 2003. Schaut man sich die Prognosen für den Monatswechsel an, deutet sich keine Umstellung der Wetterlage an. Vorerst wird Europa also weiter unter großer Hitze weiterbrüten. Landregen ist ohnehin nicht in Sicht. Langsam wird es ernst.

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