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Grüne Oasen : Eine Parallelwelt auf den Dächern der Stadt

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Ein grüner Rückzugsort über den Dächern von New York City in Midtown Manhatten Bild: Gladieu/Le Figaro Magazine/laif

Wie geeignet sind Dächer als Rückzugsorte für die Natur? Zumindest als Rast- und Futterplatz sind sie gute Adressen. Und der Unterschied zu unbegrünten Dächern ist drastisch.

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          Mehr Grün in der Stadt macht das Leben dort bekanntlich angenehmer. Nicht nur, weil die Pflanzen viel Feinstaub, Stickstoffoxide und andere Schadstoffe aus der Luft filtern. Weil ihr Blattwerk auch Schatten spendet und Verdunstungskälte erzeugt, werden hochsommerliche Hitzewellen erträglicher. Städtisches Grün wächst vor allem in Parks, Gärten und Alleen, kann aber auch auf Dächern gedeihen. Solch hochgelegene Grünanlagen haben den Vorteil, dass sie sogar in dicht bebauten Vierteln Platz finden. Dort verbessern sie nicht nur das Stadtklima, sie fördern auch biologische Vielfalt, womöglich sogar weit über die Stadtgrenzen hinaus. Das berichten Dustin Partridge und Alan Clark von der Fordham University in New York in der Online-Zeitschrift „Plos One“.

          Um Insekten und Vögel in einer Höhe von bis zu fünfzig Metern über den Straßen von New York studieren zu können, stiegen die beiden Forscher auf Flachdächer in Manhattan, Brooklyn und der Bronx. Zu jedem begrünten Dach suchten sie ein benachbartes Dach mit konventioneller Ausstattung in derselben Höhe und von ähnlicher Größe auf. Um herauszufinden, welche Vogelarten auf den Dächern und in nächster Nähe vorbeischauen, installierten sie akustische Aufnahmegeräte und identifizierten dann die aufgezeichneten Vogelstimmen. Insekten, Spinnen und ähnliches Getier wurden mit auf dem Dach plazierten Fallen eingefangen und so erfasst.

          Mehr Insekten - mehr Gezwitscher

          Wie zu erwarten, war die Ausbeute von Insekten und anderen Gliederfüßern in grünem Ambiente deutlich höher als in nicht bepflanzter Umgebung: Auf grünen Dächern zählten Partridge und Clark doppelt so viele verschiedenartige Krabbeltiere wie auf nicht begrünten. Noch drastischer war der Unterschied, als sie all die Tierchen einzeln registrierten: Im Frühjahr lieferten begrünte Flachdächer dreimal so viele Insekten wie nicht begrünte, im Sommer sogar fünfzehnmal so viele. Bei den Vogelstimmen zeigten sich ebenfalls prägnante Unterschiede: Auf Dächern mit Begrünung waren Vögel nicht nur generell häufiger zu hören, sondern auch deutlich vielstimmiger. Im Durchschnitt wurden auf so einer Dachfläche rund dreimal so viele Arten gezählt wie auf einer nicht bepflanzten.

          In Frankfurt am Main bietet beispielsweise der „Skyline Garden“  hochgelegenes Grün.
          In Frankfurt am Main bietet beispielsweise der „Skyline Garden“ hochgelegenes Grün. : Bild: Lukas Kreibig

          Auch die Unterschiede im Vogelsortiment sind aufschlussreich: Im Frühjahr, während die Zugvögel nordwärts zogen, waren auf den begrünten Dächern fünfzehn Vogelarten zu vernehmen, die Städte gewöhnlich meiden. Auf den nicht begrünten Dächern ließen sich nur zwei solcher Arten blicken. Denn Vögel, bei denen hauptsächlich Insekten auf dem Speiseplan stehen, machten sich dort rar. Auf Dächern mit Begrünung waren Arten mit solchen Ernährungsgewohnheiten dagegen in der Mehrzahl. Noch mehr als im Frühjahr sind kleine Krabbeltiere von Anfang Juni bis Mitte Juli gefragt, wenn die gefiederten Bewohner von New York City ihre Brut großziehen. Schließlich gilt es, den Nachwuchs mit hochwertigem Eiweiß zu versorgen. Die Attraktivität begrünter Dächer dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass dort in Form einer reichhaltigen Insektenfauna viel eiweißreiche Kost geboten wird.

          Dächer als Trittsteine

          Wenn Dächer als Gärten daherkommen, sind sie zwar sicher kein vollwertiger Ersatz für Biotope, die einer zunehmenden Urbanisierung weichen müssen. Nach Einschätzung von Partridge und Clark können Dachflächen mit viel Grün solche Verluste aber doch teilweise kompensieren. Nicht bloß, weil sie den Lebensraum vergrößern, in dem sich die städtische Vogelwelt tummeln kann. Solche Dachflächen können auch gewissermaßen als Trittsteine dienen, die Parkanlagen und andere attraktive Stadtbiotope miteinander vernetzen. Dass begrünte Dächer von diversen Zugvögeln frequentiert werden, weist über den lokalen Kontext hinaus: Offenbar werden derartige Inseln im Häusermeer gern genutzt, um beim Überqueren großer Siedlungsgebiete ungestört eine Pause einzulegen. Auch ein paar Happen als Stärkung für den weiteren Weg sind dort zu finden.

          Dass Dächer mit viel Grün verwilderte Haustauben anlocken, ist nicht zu befürchten. In der New Yorker Studie haben Tauben nur auf nicht begrünten Dachflächen von sich hören lassen. Da dieser wenig beliebte Stadtvogel von der Felsentaube abstammt, sind ihm Bauwerke lieber als Grünanlagen. Anstelle von Felsen bieten Fassaden die passenden Nischen fürs Nest. Auf Insekten können Tauben ebenso verzichten wie auf üppiges Grün. Auch während der Brutzeit bleiben sie nämlich strikt vegetarisch. Für ihren Nachwuchs produzieren sie dann sogenannte Kropfmilch. Dieses nahrhafte Sekret, reich an Fett und Eiweiß, macht tierische Kost überflüssig. Finkenvögel, die sich gewöhnlich ebenfalls mit Samen und Früchten begnügen, füttern ihre Nestlinge dagegen auch mit Insekten. Was als „Insektensterben“ Schlagzeilen gemacht hat, betrifft deshalb nicht nur Vögel wie Nachtigall und Fliegenschnäpper, die sich rund ums Jahr Insekten schmecken lassen.

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