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Golfstrom : Europas Fernwärmepumpe schwächelt

  • -Aktualisiert am

Der Nordatlantik an einem Wintertag: Nordamerika erscheint schwarz und dunkelblau (kalt), der Golfstrom rot (warm) Bild: Nasa

Der Einfluß des Golfstroms auf den Nordatlantik läßt nach: Eine Folge des Klimawandels - oder alles nur natürliche Wetter-Schwankungen? Kälter wird es dadurch in Europa nicht werden - aber wohl deutlich nässer.

          Die Botschaft paßte hervorragend zum Schneechaos vom vergangenen Wochenende. Britische Forscher schrieben am Donnerstag im Wissenschaftsmagazin Nature, daß sich der Nordatlantikstrom, also jene Fernwärmeheizung, die Nordwesteuropa ein relativ warmes Klima beschert, seit Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich abgeschwächt habe. Eine solche Abschwächung als mögliche Folge der globalen Erwärmung prognostizieren Klimamodelle schon seit Jahren. Würde der Nordatlantikstrom komplett versiegen, könnten die Temperaturen in Europa den Modellen zufolge um bis zu fünf Grad sinken. Wer sich nach dieser Nachricht allerdings mit reichlich Wollschals eingedeckt hat, kann diese getrost wieder einmotten. Denn kälter wird es in Europa vermutlich trotzdem nicht.

          Der Nordatlantikstrom ist der nach Europa hinüberreichende verlängerte Arm des Golfstroms. Der eigentliche Golfstrom entsteht in der Karibik und verläuft vor der Südostküste Nordamerikas entlang nach Norden, bis er sich etwa auf der Höhe Neufundlands auf den offenen Atlantik wagt. Bis dahin hat sich der Strom nach Ansicht der Autoren nicht abgeschwächt. Aber hier spaltet er sich in zwei Arme auf. Einer fließt als subtropische Rezirkulation wieder im Bogen zurück nach Süden, während der andere Arm als Nordatlantikstrom an der Westküste Europas entlang weiter nach Norden fließt. Die warmen Wassermassen dieses Stroms geben Wärme an die Luft ab, und zwar reichlich - etwa soviel, wie eine Million Kraftwerke produzieren würden.

          Zum ersten Mal wurde die Gesamtströmung untersucht

          Dabei kühlt sich der Nordatlantikstrom langsam ab. Da kaltes Wasser schwerer ist als warmes, sinkt es und kehrt als kalte tiefe Rückströmung wieder nach Süden zurück. Und genau diese Rückströmung ist es, die Harry Bryden, Hannah Longworth und Stuart Cunningham von der Universität Southampton Sorgen macht. Für ihren Nature-Artikel haben die drei die Strömungsverhältnisse im Atlantik auf einer Linie zwischen den Bahamas und Teneriffa gemessen und dabei festgestellt, daß im Jahr 2004 nur noch halb soviel kaltes Tiefenwasser nach Süden über den 25. Breitengrad geströmt ist wie noch im Jahre 1957. Gleichzeitig fanden sie viel mehr relativ warmes, oberflächennahes Wasser, das mit der subtropischen Rezirkulation wieder in die tropischen Gewässer zurückfloß. Statt den Golfstrom also nach Norden zu verlassen und Europa zu erwärmen, strömt mehr warmes Wasser unverrichteter Dinge wieder nach Süden.

          Detlev Quadfasel von der Universität Hamburg hat, ebenfalls in Nature, einen Begleitartikel veröffentlicht, um die Ergebnisse der Briten einzuordnen. Er hält die Studie für eine sehr wichtige Veröffentlichung, da sie zum ersten Mal zeige, daß der Nordatlantikstrom wirklich schwächer werde. „Es gab zwar früher schon Untersuchungen, die auf eine Veränderung der Strömungsverhältnisse hindeuteten, aber bisher sind immer nur Teilaspekte des Systems untersucht worden. Bryden und seine Kollegen haben sich zum ersten Mal die Gesamtströmung angeguckt“, sagt Quadfasel. So hatten skandinavische Forscher schon Ende der neunziger Jahre beobachtet, daß am nördlichsten Absinkpunkt nördlich des Grönland-Schottland-Rückens weniger Wasser in die Tiefe strömt. „Das hätte aber noch bedeuten können, daß sich der Nordatlantikstrom einfach andere Absinkregionen gesucht hat.“ Das hat er offensichtlich nicht getan.

          Kälter wird es in Europa nicht - aber deutlich nässer

          Generell wird die Umwälzbewegung im Nordatlantik von der Temperatur und dem Salzgehalt des Wassers angetrieben. Denn nicht nur Kälte, sondern auch Salz erhöht die Dichte und damit das Gewicht des Wassers. Nun ist eine wahrscheinliche Konsequenz des Klimawandels die Zufuhr von zusätzlichem Süßwasser in den nördlichen Teil des Atlantiks - durch höhere Niederschläge und das Abschmelzen des Grönland-Eisschildes. Dadurch verringert sich die Dichte des Wassers, und es sinkt nicht mehr so stark. Damit schwächt sich auch die Sogwirkung ab, die im Moment noch die warmen Wassermassen aus dem Süden nach Norden zieht. Die von der Temperatur und dem Salzgehalt angetriebene thermohaline Zirkulation läßt nach.

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