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Gletschersterben : Kalte Kosmetik

„Wrapped Glacier“ könnte das heißen, wenn es eine Aktion von Christo wäre. Es ist aber der Versuch, das Ende des Rhonegletschers hinauszuzögern. Bild: dpa

Die Klimaerwärmung setzt den Gletschern zu. Ihr Abschmelzen versucht man in den Alpen mit Planen aufzuhalten. Kann das die wichtigen Eismassen retten?

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          Gletscher seien wie Tiere, erzählen die Bewohner mancher Alpendörfer. Sie kämen und gingen, und kein Mensch könne sie aufhalten. Seit einigen Jahrzehnten nun scheinen sie endgültig zu gehen. Immer weiter ziehen sie sich zurück und verschwinden irgendwann wohl ganz.

          Das Schicksal der Gletscher gehört zu den sichtbaren Folgen des Klimawandels. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werden sogar die Giganten unter ihnen Ende des Jahrhunderts weitgehend verschwunden sein. Vom Aletschgletscher etwa, der längsten und größten Eismasse der Alpen, sei dann nur noch ein Zehntel übrig, prophezeien Glaziologen.

          Jetzt im Hochsommer zerrinnen sie am schnellsten. Die Sonne frisst große Spalten in die Eismassen, trennt Zungen ab und lässt gurgelnde Wassermassen talwärts strömen. Die Bilder der großen Schmelze gleichen sich in allen Regionen der Erde - einzig im Karakorum, dem höchsten Gebirge der Welt, wächst das Eis noch. In den Alpen ist die Massenbilanz dagegen konsequent negativ, weshalb einige Regionen mit weißen Planen gegen die immer wärmeren Temperaturen zu kämpfen versuchen: Erst vor wenigen Tagen wurde über Teile des Rhonegletschers ein textiler Sonnenschutz gezogen; ähnliche Projekte gibt es im gesamten Alpenbogen.

          Abdecken, um zu retten? So einfach geht das nicht

          Mit welchen Erfolgsaussichten, das weiß Nico Mölg vom World Glacier Monitoring Service der Universität Zürich. Die Forschungseinrichtung am Campus Irchel verwaltet eine Datenbank der weltweiten Gletscherbeobachtung. Jedes Jahr schicken 35 Korrespondenten von allen Kontinenten die neuesten Vermessungen von 2300 Gletschern nach Zürich. Aktuelle Daten laufen erst wieder im September ein, aber an der schlechten Gesamtsituation werde sich auch in diesem Jahr nicht viel ändern, sagt er. Frage also an den Experten: Kann man mit Planen den Gletscherschwund stoppen? Nico Mölg seufzt kurz. Dann erklärt er, warum solche Abdeckungsmaßnahmen für ihn und seine Fachkollegen völlig irrelevant seien: „Man kann die Gletscherschmelze damit nicht aufhalten.“ Die Planen könnten das Gletschersterben höchstens ein wenig hinauszögern. Ein Kollege habe dieses Abdecken einmal als Pflästerli-Maßnahme bezeichnet. Sie diene ohnehin einem anderen Zweck. Mantraartig wiederholen Mölg und seine Kollegen solche Sätze seit Jahren - mit bescheidenem Erfolg. Kaum ist irgendwo in den Alpen wieder einmal ein Gletscher eingepackt worden, läutet im Züricher Büro das Telefon. Endlich werde mal etwas gegen die globale Erwärmung getan, heißt es. Weiße Planen als Maßnahme gegen Gletscherschwund - das klingt einfach und verständlich, theoretisch ist die Überlegung sogar richtig: Die millimeterdünnen weißen Planen aus Polyester und Polypropylen reflektieren Sonnenlicht und verhindern, dass sich die mit Schutt und Dreck panierte Gletscheroberfläche zu stark aufwärmt. Doch in der Praxis funktioniert es nicht.

          Und zwar schon deswegen, weil nie ein ganzer Gletscher abgedeckt wird, sondern nur gewisse Zonen. Technisch wäre eine Verpackung à la Christo ohnehin nicht möglich, ganz zu schweigen von den Kosten. Nein, es würden nur neuralgische Flächen abgedeckt, sagt Mölg, also Pisten oder Verankerungen von Bauwerken wie Seilbahnmasten. „Ich kann mich an kein einziges Beispiel erinnern, bei dem die Abdeckung mit weißen Planen nicht ausschließlich dem Tourismus gedient hätte.“ Auch bei der aktuellen Aktion am Rhonegletscher sei es um eine Touristenattraktion gegangen: die sogenannte Eisgrotte, die seit mehr als hundert Jahren durch den Gletscher gefräst wird.

          Fragwürdige Maßnahme, bezahlt von Steuergeldern

          Wenn Glaziologen wie Mölg über den Rhonegletscher sprechen, ist neben Nostalgie - schließlich verschwindet mit dem Eis ihr Forschungsgebiet - auch immer Schwärmerei herauszuhören. Der Talgletscher gehört zu den am besten untersuchten Eisriesen. Gemälde aus der Kleinen Eiszeit zeugen von seinem letzten Vorstoß, seit 1874 liegt eine ununterbrochene geodätische Datenreihe vor. In der Hochzeit des kleinen Glazials Anfang des 19. Jahrhunderts schob sich der Gigant bis an die Hotels der Ortschaft Gletsch vor. Damals waren Gletscher eine Bedrohung, heute stehen sie unter Schutz. So ändern sich die Zeiten, und um das Jahr 2100 wird der Rhonegletscher verschwunden sein.

          Das Hotel Belvedere steht heute gleich neben dem Eingang der Eisgrotte, die jetzt mit einer weißen Plane bedeckt ist. Diese soll verhindern, dass der Winterschnee zu schnell abschmilzt, denn ohne schützende Schneedecke knallt die Sonne direkt aufs Eis. Die Plane hilft also, den Altschnee zu konservieren, und verzögert dadurch das Tauen: Wo die Vliesplanen ausgebreitet wurden, türmt sich der Schnee oft einen Meter und höher auf. Trotzdem sei die Maßnahme finanziell fragwürdig, sagt Nico Mölg, wenn man in der Rechnung berücksichtige, dass der Steuerzahler damit indirekt die Skigebiete mitsubventioniere.

          Schneekonserven für milde Wintertage

          Ebenfalls fragwürdig war vor einigen Jahren der Versuch des Mainzer Geographen Hans Joachim Fuchs, den Gletscherschwund mit Hilfe von Windfängern aufzuhalten. Gewaltige Barrieren sollten an der Gletscherzunge errichtet werden, um die kalten Fallwinde aufzuhalten, die normalerweise talwärts strömen. Der Gletscher sollte sich also selbst kühlen, so die Idee. Funktioniert hat das allerdings nie, weil es nichts an der Hauptursache des Gletschersterbens ändert: der erhöhten Einstrahlung von Wärme.

          Was hingegen funktioniert, ist das sogenannte Snowfarming. Dabei werden im Winter Berge von Schnee produziert, abgedeckt und so über den Sommer gebracht. Die Schneehaufen sind die beste Vorsorge für milde Wintertage, sie schützen die zahlreichen Skiwettkämpfe vor Absagen und bewahren die Veranstalter vor Verlusten. Ohne Snowfarming hätten etwa Putins gedopte Winterspiele 2014 nicht stattfinden können.

          Snowfarming wird auch auf der Zugspitze betrieben: In Deutschlands höchstem Skigebiet konnte dadurch der Betrieb während der letzten milden Winter einigermaßen aufrechterhalten werden. Gescheitert ist hingegen das zwanzig Jahre währende Abdecken des Nördlichen Schneeferners, eines der drei Gletscher der Zugspitze. Er schmolz trotzdem, weshalb das Projekt vor drei Jahren aufgegeben wurde. Seither ist der Nördliche Ferner ein ungeschütztes Opfer des Klimawandels, wie man im Hitzesommer 2015 gut beobachten konnte. Sein Ende ist absehbar.

          Eine Zukunft ohne Gletscher

          Dem Todeskampf ist der benachbarte Watzmanngletscher bereits erlegen, Glaziologen haben ihn für tot erklärt, weil er ein entscheidendes Kriterium nicht mehr erfüllt, um als Gletscher zu gelten: Er fließt einfach nicht mehr. Dass die weiße Pracht verlorengeht, ist nicht nur für die Ästhetik traurig, sondern außerdem hochgefährlich. Die abschmelzenden Gletscher hinterlassen übersteile Hänge, große Geländeabschnitte werden instabil. Es kommt zu Steinstürzen, Muren, Lawinen und zu Flutwellen, wenn sich Wasser und Gesteinsmassen in Schmelzwasserseen ergießen. Letztlich kann Wasser knapp werden, denn drei Viertel aller Süßwasserreserven sind als Eis und Schnee gebunden. Ohne Gletscher würden zahlreiche Flüsse im Alpenvorland wohl in Hitzesommern trockenfallen.

          Erfahrene Glaziologen berichten, sie seien überrascht von der beispiellosen Geschwindigkeit der Gletscherschmelze. Diese habe sich seit Beginn des aktuellen Jahrhunderts sogar noch einmal beschleunigt. In Zukunft muss man sich wohl an ein neues Hochgebirgsbild gewöhnen: an graue und schroffe Alpengipfel ohne Schnee und Eis.

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