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Gletschersterben : Kalte Kosmetik

Fragwürdige Maßnahme, bezahlt von Steuergeldern

Wenn Glaziologen wie Mölg über den Rhonegletscher sprechen, ist neben Nostalgie - schließlich verschwindet mit dem Eis ihr Forschungsgebiet - auch immer Schwärmerei herauszuhören. Der Talgletscher gehört zu den am besten untersuchten Eisriesen. Gemälde aus der Kleinen Eiszeit zeugen von seinem letzten Vorstoß, seit 1874 liegt eine ununterbrochene geodätische Datenreihe vor. In der Hochzeit des kleinen Glazials Anfang des 19. Jahrhunderts schob sich der Gigant bis an die Hotels der Ortschaft Gletsch vor. Damals waren Gletscher eine Bedrohung, heute stehen sie unter Schutz. So ändern sich die Zeiten, und um das Jahr 2100 wird der Rhonegletscher verschwunden sein.

Das Hotel Belvedere steht heute gleich neben dem Eingang der Eisgrotte, die jetzt mit einer weißen Plane bedeckt ist. Diese soll verhindern, dass der Winterschnee zu schnell abschmilzt, denn ohne schützende Schneedecke knallt die Sonne direkt aufs Eis. Die Plane hilft also, den Altschnee zu konservieren, und verzögert dadurch das Tauen: Wo die Vliesplanen ausgebreitet wurden, türmt sich der Schnee oft einen Meter und höher auf. Trotzdem sei die Maßnahme finanziell fragwürdig, sagt Nico Mölg, wenn man in der Rechnung berücksichtige, dass der Steuerzahler damit indirekt die Skigebiete mitsubventioniere.

Schneekonserven für milde Wintertage

Ebenfalls fragwürdig war vor einigen Jahren der Versuch des Mainzer Geographen Hans Joachim Fuchs, den Gletscherschwund mit Hilfe von Windfängern aufzuhalten. Gewaltige Barrieren sollten an der Gletscherzunge errichtet werden, um die kalten Fallwinde aufzuhalten, die normalerweise talwärts strömen. Der Gletscher sollte sich also selbst kühlen, so die Idee. Funktioniert hat das allerdings nie, weil es nichts an der Hauptursache des Gletschersterbens ändert: der erhöhten Einstrahlung von Wärme.

Was hingegen funktioniert, ist das sogenannte Snowfarming. Dabei werden im Winter Berge von Schnee produziert, abgedeckt und so über den Sommer gebracht. Die Schneehaufen sind die beste Vorsorge für milde Wintertage, sie schützen die zahlreichen Skiwettkämpfe vor Absagen und bewahren die Veranstalter vor Verlusten. Ohne Snowfarming hätten etwa Putins gedopte Winterspiele 2014 nicht stattfinden können.

Snowfarming wird auch auf der Zugspitze betrieben: In Deutschlands höchstem Skigebiet konnte dadurch der Betrieb während der letzten milden Winter einigermaßen aufrechterhalten werden. Gescheitert ist hingegen das zwanzig Jahre währende Abdecken des Nördlichen Schneeferners, eines der drei Gletscher der Zugspitze. Er schmolz trotzdem, weshalb das Projekt vor drei Jahren aufgegeben wurde. Seither ist der Nördliche Ferner ein ungeschütztes Opfer des Klimawandels, wie man im Hitzesommer 2015 gut beobachten konnte. Sein Ende ist absehbar.

Eine Zukunft ohne Gletscher

Dem Todeskampf ist der benachbarte Watzmanngletscher bereits erlegen, Glaziologen haben ihn für tot erklärt, weil er ein entscheidendes Kriterium nicht mehr erfüllt, um als Gletscher zu gelten: Er fließt einfach nicht mehr. Dass die weiße Pracht verlorengeht, ist nicht nur für die Ästhetik traurig, sondern außerdem hochgefährlich. Die abschmelzenden Gletscher hinterlassen übersteile Hänge, große Geländeabschnitte werden instabil. Es kommt zu Steinstürzen, Muren, Lawinen und zu Flutwellen, wenn sich Wasser und Gesteinsmassen in Schmelzwasserseen ergießen. Letztlich kann Wasser knapp werden, denn drei Viertel aller Süßwasserreserven sind als Eis und Schnee gebunden. Ohne Gletscher würden zahlreiche Flüsse im Alpenvorland wohl in Hitzesommern trockenfallen.

Erfahrene Glaziologen berichten, sie seien überrascht von der beispiellosen Geschwindigkeit der Gletscherschmelze. Diese habe sich seit Beginn des aktuellen Jahrhunderts sogar noch einmal beschleunigt. In Zukunft muss man sich wohl an ein neues Hochgebirgsbild gewöhnen: an graue und schroffe Alpengipfel ohne Schnee und Eis.

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