https://www.faz.net/-gwz-92chs

Geothermie : Bohren für die Wärmewende

Andreas Lederle hat Glück gehabt in Grünwald. Ob Bohrung, Akzeptanz der Bevölkerung oder Seismik – das Projekt Erdwärme lief meist reibungslos. Man schreibt schwarze Zahlen, der Ausbau des Netzes schreitet voran, und das Thermalwasser dürfte noch in Jahrzehnten sprudeln. Doch wenn man ihn, den gutgelaunten Geschäftsführer, ärgern möchte, genügt schon das böse S-Wort: Staufen. Überrascht es ihn denn gar nicht, dass die Menschen in Oberbayern so viel Vertrauen in die Geothermie hätten? „Wir sind ein Hochtechnologieland“, antwortet er etwas grantig. Natürlich verbrenne man sich als Kind mal die Finger, aber deshalb koche man später trotzdem. Zudem habe Staufen immerhin etwas Gutes gehabt: Das Qualitätsbewusstsein in der Branche sei gestiegen.

Jede Bohrung ist mit Risiken verbunden

Dennoch ist jede Bohrung mit Risiken verbunden, vor allem mit dem sogenannten Fündigkeitsrisiko. So nennen Geologen die Schwierigkeit, in der Tiefe ausreichend Wasser zu finden. Hundert Liter pro Sekunde sollten es schon sein, damit sich ein Projekt lohnt. Zudem sind Fördertemperaturen jenseits von 100 Grad Celsius wünschenswert. Solche Bedingungen finden sich vor allem in Regionen, in denen die Erde aktiv ist. Normalerweise wird es mit jedem Kilometer Tiefe um vierzig Grad wärmer. Nur entlang von Verwerfungen und Störungen steigt die Temperatur schneller.

Obwohl der Aufbau des Untergrunds gut erforscht ist, birgt jede Bohrung unkalkulierbare Überraschungen. In Holzkirchen, eine halbe Autostunde südlich von München, wäre das den Betreibern fast zum Verhängnis geworden. Bei der Bohrung gab es immer wieder Komplikationen – Gesteinsschichten, die schlecht durchlässig sind oder wider Erwarten kaum Wasser enthalten. Deshalb versuchen Geologen vorab zu klären, wo das Gestein besonders porös ist. In Oberbayern haben es die Bohrmeißel vor allem auf den sogenannten Malm abgesehen. Dabei handelt es sich um jene hellen Kalksteine aus dem Oberjura, die unter dem Alpenvorland liegen.

Immer mehr Städte nutzen kaltes Grundwasser, um Gebäude zu kühlen

Aber nicht nur in einigen tausend Metern Tiefe schlummert Potential. Selbst in geringere Tiefen wird gebohrt, wenn auch nicht nur nach Wärme. So nutzen immer mehr Städte kaltes Grundwasser, um Gebäude zu kühlen. Da es in rund hundert Metern ganzjährig kaum wärmer als zehn Grad ist, lassen sich damit die heißen Tage des Jahres gut überbrücken. Die Idee, Wärme oder Kälte aus Sommer und Winter im Untergrund zu speichern, ist nicht neu. Allerdings scheint es erst jetzt die nötige Technik zu geben, um sogar Überschussstrom aus Sonne und Wind einzulagern. Gespeichert werden kann die Wärme in solchen Grundwasserschichten, in denen das Wasser kaum fließt. Ein solcher Aquiferspeicher, der auch beim Reichstag seit Jahren erprobt wird, hält Wärme ideal.

Unbenanntes Dokument

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

Was smart klingt, stößt in der Realität jedoch auf Probleme. Der Untergrund eines Grundstücks gehört in Deutschland nicht dem Eigentümer, sondern dem Staat. Man muss erst eine Genehmigung einholen, ehe der Bohrer zum Einsatz kommen darf. Aber das Wasserrecht ist in Deutschland vergleichsweise strikt, Grundwasser ist ein Reizwort und jeder Eingriff eigentlich unerwünscht. Daran sind schon Techniken wie Fracking und sogenannte CCS-Verfahren zum Verpressen von Kohlendioxid gescheitert. Bei der Wärmespeicherung sind ebenfalls Auswirkungen denkbar, das Grundwasser könnte verunreinigt werden. Ob wirklich Gefahr besteht, wird derzeit im sogenannten Angus-Projekt mit Bundesmitteln erforscht. Einer der Beteiligten ist der Hydrogeologe Andreas Dahmke von der Universität Kiel. Seine ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Verfahren geeignet ist, solange sich das Grundwasser nicht zu stark erwärmt. Bei Temperaturen von 70 Grad allerdings setzen mehrere Sedimente vorübergehend zu viel Arsen frei.

Arsen? „Das tut uns in der Diskussion massiv weh“, räumt Dahmke ein. In der Praxis könne man das Problem aber mit Hilfe von entsprechenden Voruntersuchungen in den Griff bekommen. Ob diese dann die Öffentlichkeit beruhigen können, ist allerdings zweifelhaft. Manchmal reicht schon ein Wort wie Arsen, um dagegen zu sein.

Weitere Themen

Auf die Hitze folgen Unwetter

Starkregen und Hagel : Auf die Hitze folgen Unwetter

Nach den hohen Temperaturen am Freitag soll das Gewitterrisiko im Südwesten am Wochenende weiter steigen. Die Gewitter können nach Angaben vom Deutschen Wetterdienst mit Starkregen und Hagel sogar unwetterartig ausfallen.

Topmeldungen

Erdogan am 15. Juni 2017 vor Anhängern in Istanbul

Zukunft der Türkei : Erdogans dunkle Jahre

Zuerst war Recep Tayyip Erdogan ein überzeugter Islamist, dann ein Reformer, nun ist er ein paranoider Autokrat. Was würde er tun, um die Macht zu behalten?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.