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Geothermie : Bohren für die Wärmewende

Wird in den Untergrund eingegriffen, scheint in vielen eine Urangst hochzukriechen

Einige Geothermie-Befürworter sahen sich allerdings wieder einmal zu Unrecht in der Kritik. Auf dem Kongress wurde das mehrfach deutlich. Bei einer Sitzung, die sich allgemein mit der Geothermie in Ballungsräumen beschäftigte, häuften sich die Beschwerden über die Politik, die zu lange lieber über die Gefahren der Geothermie sprach als über deren Chancen. Gleich mehrere Experten monierten, dass es in Deutschland zwar eine Energie-, aber keine Wärmewende gebe – von einer Verkehrswende ganz zu schweigen. Geheizt und gefahren wird in Deutschland überwiegend mit fossilen Rohstoffen. Der Anteil an den erneuerbaren beträgt 13 Prozent bei der Wärme, beim Verkehr sind es sogar nur fünf Prozent. Schließlich streifte auch der Physiker Thomas Hamacher von der TU München das leidige Thema Poing. „Jedes Jahr fliegen in Deutschland wegen undichter Erdgasleitungen ein paar Häuser in die Luft – das interessiert niemanden.“ Wenn es aber ein leichtes Beben bei der Geothermie gebe, stehe das im Münchner Merkur auf der Titelseite.

Bild: F.A.Z.

Das rührt an ein Thema, um das es in Deutschland ähnlich schlecht bestellt ist wie um die Geothermie: Risikokompetenz. Die Deutschen fahren Auto mit leicht entzündlichen Brennstoffen, sie heizen mit hochexplosivem Erdgas und sehen keine Probleme darin, Tanklaster durch Wasserschutzgebiete donnern zu lassen. Soll jedoch in den Untergrund eingriffen werden, um Öl, Gas und Kohle möglichst zu ersetzen, scheint in vielen eine Urangst hochzukriechen. Das kann man albern und irrational finden oder auch sehr menschlich. In jedem Fall empfiehlt es sich, Ängste ernst zu nehmen und mit Schäden kulant umzugehen, selbst wenn sie nicht eindeutig auf die Geothermie zurückzuführen sind.

Tatsächlich sind Vorfälle wie in Poing die Ausnahme, im Landkreis München hört man vor allem Erfolgsgeschichten. In Grünwald beispielsweise ist die Welt in bester Ordnung, was im nobelsten Viertel der Stadt natürlich nicht nur an der Erdwärme liegt. Im Jahr 2009 ging dort das Geothermiewerk in Betrieb, Komplikationen gab es bislang keine. Wie ein Erdwärmeprojekt zum Erfolg werden kann, möchte Geschäftsführer Andreas Lederle vor Ort zeigen.

Im überdimensionalen Heizungskeller

Es regnet in Strömen, als Lederle seine Gäste empfängt. Bestes Fernwärmewetter, sagt er und führt seine Gäste auf das Werkgelände. Nach wenigen Metern steht er vor einem Bohrloch. Dicke Rohre ragen aus dem Boden, über dem Heizwerk dahinter dampft es. Damit heißes Wasser zirkulieren kann, sind meist nur zwei Löcher von einigen Zentimetern Durchmesser nötig. Im ersten Loch fließt das 130 Grad heiße Thermalwasser aus 4083 Meter Tiefe zur Erdoberfläche – und versorgt Grünwald mit Fernwärme. Anschließend fließt das auf 60 Grad abgekühlte Wasser wieder zurück zum Kraftwerk und verschwindet über das zweite Loch in der Tiefe.

Zum Heizwerk sind es nur ein paar Schritte. Riesige Umwälzpumpen und Wärmetauscher lassen sich darin bestaunen, es riecht wie in einem Heizungskeller, nur ist dieser überdimensional. Das Fernwärmenetz in Grünwald hat eine Leistung von 42 Megawatt und versorgt mittlerweile 1900 Wohnungen sowie die Bavaria-Filmstudios. Die Anlage ist im Besitz der Gemeinde, ein Anschluss kostet einmalig 3570 Euro, die Kilowattstunde etwa fünf Cent. Das ist vergleichsweise billig, allerdings rentiert sich die Erdwärme nur dank der großzügigen Energieumlage, mit der sich Strom ins Netz einspeisen lässt. Das zugehörige Stromkraftwerk steht gleich nebenan. Dort wird die überschüssige Erdwärme zu Strom: 3,5 Megawatt beträgt die elektrische Leistung, das reicht für 30.000 Einwohner.

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