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Geophysik : Stürme brechen Eisberge entzwei

  • -Aktualisiert am

Eisberge: Wetterfühlige Gesellen Bild: dpa

Das Auseinanderbrechen von Eisbergen hängt womöglich nicht nur mit lokalen Wetterereignissen zusammen, sondern auch mit weit entfernten Geschehnissen. Im Extremfall könnten beide Polargebiete zugleich betroffen sein.

          Von der Küstenseeschwalbe, Sterna paradisaea, ist bekannt, daß sie zwischen Mai und September an den Küsten der Arktis brütet, den Nordwinter aber in der Antarktis verbringt. Bei ihren Flügen um die halbe Welt legen die Vögel in jedem Jahr mehr als 30.000 Kilometer zurück. Der Flug der Seeschwalben war bisher die einzige bekannte „Fernverbindung“ zwischen den beiden polaren Gebieten unseres Planeten.

          Eine Gruppe amerikanischer Geophysiker hat nun möglicherweise auch einen direkten Einfluß der Vorgänge in der Arktis auf die Verhältnisse in der Antarktis entdeckt. Vielleicht kann die von schweren Stürmen im Nordpazifik vor Alaska ausgelöste Meeresdünung zum Kalben und Auseinanderbrechen von großen Eisinseln an den Küsten der Antarktis führen.

          Wissenschaftler unter Leitung von Douglas MacAyeal von der University of Chicago und Emile Okal von der Northwestern University in Evanston (Illinois) hatten im Südsommer 2004/2005 auf der gewaltigen Eisinsel B15A Seismometer ausgesetzt. Sie wollten jenes „Singen“ der Eisberge messen, das Mitarbeiter des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven kurz vorher in den Aufzeichnungen von Erdbebenstationen am Weddell-Meer aufgespürt hatten. Dieser sogenannte Tremor entsteht, wenn die großen antarktischen Tafeleisberge bei ihrer Drift auf dem Meeresboden entlangschrammen und dabei in Schwingungen geraten. Die Schwingungen werden auf den Meeresboden übertragen und erzeugen dort seismische Wellen.

          Schwingungen wirken über 10.000 Kilometer

          Die Eisinsel B15A war von besonderem Interesse, weil es sich damals um den größten Tafeleisberg der Welt handelte. Das mehr als 3.000 Quadratkilometer große Gebilde war im Januar 2005 im McMurdo-Sund auf der dem Pazifik zugewandten Seite der Antarktis auf Grund gelaufen und hatte Eisbrechern und Versorgungsschiffen den Weg zu den am Sund angesiedelten Polarstationen der Vereinigten Staaten, Italiens und Neuseelands versperrt. Die Eisinsel schnitt gleichzeitig Hunderttausenden von Pinguinen, die an den tiefgefrorenen Küsten des McMurdo-Sund brüten, den Weg zum offenen Wasser und damit zur Nahrungssuche ab. Im März, kurz vor Beginn des Südherbstes, kam die Eisinsel aber frei und brach dann wenig später im April auseinander.

          Das Freikommen und das Auseinanderbrechen der Eisinsel wurden zunächst auf das örtliche Wettergeschehen und die Gezeiten zurückgeführt. Wie die Gruppe um Douglas und Okal jetzt aber in der elektronischen Ausgabe der „Geophysical Research Letters“ schreibt, zeigten die Seismometer kurz vor dem Zerfall des Eisberges heftige Schwingungen an. Bei der Auswertung der Messungen stellten die Forscher fest, daß diese langperiodischen Vibrationen von der Meeresdünung am Rand des Ross-Meeres ausgelöst wurden. Die Dünung wiederum war von einem schweren Sturm erzeugt worden, der Anfang April 2005 durch den Golf von Alaska im Nordpazifik gezogen war.

          In dem Datensatz, der mehr als ein halbes Jahr umfaßt, fanden sich auch Schwingungen, die von mehreren anderen Pazifikstürmen angeregt wurden. Dazu gehörte unter anderem der Ende Februar 2005 über den Cook-Inseln wütende Taifun „Olaf“. Die Forscher fragen nun, ob und in welcher Form derartige oft mehr als 10.000 Kilometer entfernte Wetterereignisse auf der Nordhalbkugel zum Kalben und Auseinanderbrechen von Schelfeisen und damit zur Massenbilanz in der Antarktis beitragen.

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