https://www.faz.net/aktuell/wissen/erde-klima/geologie-wie-kommen-wir-nur-ins-anthropozaen-13620907.html

Geologie : Wie kommen wir nur ins Anthropozän?

Bezwungenes Meer: Die künstlichen Inseln des Durrat Al Bahrain, von der International Space Station aus gesehen. Bild: Daily Overview/Digital Globe

Unsere Spezies greift inzwischen derart tief in die Erdprozesse ein, dass man überlegt, ein neues geologisches Zeitalter einzuführen. Doch das ist gar nicht so einfach.

          9 Min.

          Wer in der Augsburger Innenstadt Erdarbeiten plant, sollte sich das gut überlegen. Baggert man nur ein wenig zu tief, kommen römische Ziegel zum Vorschein, und wenn der Bauherr besonderes Pech hat, ein Mosaikfußboden. Die Reste der alten Provinzmetropole Augusta Vindelicorum bilden quasi eine eigene Schicht unter der Stadt, so wie darunter die Ablagerungen von Lech und Wertach oder der Eiszeit.

          Ulf von Rauchhaupt
          Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ob für eine Bodenschicht die Geologie zuständig ist, die Archäologie oder die Müllabfuhr, ist eine Frage der Perspektive. Doch erscheint es uns ungehörig, von Menschen Hinterlassenes als schnödes Sediment anzusprechen. Der Blick auf die Geschichte unserer Spezies als Teil der Erdgeschichte ist uns eigentümlich fremd. Natur und Kultur erscheinen scharf getrennt, und wenn die Auflösung dieser Trennung thematisiert wird, dann höchstens in Zukunftsvisionen. Dabei verschwimmt ihre Grenze auch beim Blick in die Gegenwart.

          Mehr als Müll und Beton

          Denn heute wirkt der Mensch so tief in das Naturgeschehen hinein, dass die Folgen über geologische Zeiträume hinweg nachweisbar bleiben werden. Gravierender als Müll und Beton sind dabei die Eingriffe in biologische und geochemische Kreisläufe. So entfallen heute 38 Prozent der Nettopflanzenproduktion der Biosphäre auf die Nutzung durch den Menschen. Die Rate, mit der Tier- und Pflanzenarten derzeit aussterben, liegt um das Hundert- bis Tausendfache über dem erdgeschichtlichen Durchschnitt. Die Freisetzung von CO2 aus fossilen Brennstoffen hat den Säuregrad des Meerwassers auf Werte gebracht, wie es sie zuletzt vermutlich vor 300 Millionen Jahren hatte. Und die Einführung des Haber-Bosch-Verfahrens zur Synthese von Kunstdünger hat die weltweiten Stickstoffkreisläufe so stark verändert wie seit 2,5 Milliarden Jahren nicht mehr.

          Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass eine Lebensform den Planeten umkrempelt. Das bisher größte Umweltdesaster der Erdgeschichte richteten vor mehr als zwei Milliarden Jahren die Cyanobakterien an, indem sie die Luft mit einem für die meisten damaligen Einzeller giftigen Stoffwechselprodukt anreicherten - dem Sauerstoff. Auch manche spätere geologische Ära definiert sich über Organismen und deren Hinterlassenschaften. Da erscheint es nur konsequent, wenn Geowissenschaftler nun darüber diskutieren, ob der Menschheit nicht mit der Einführung einer neuen geologischen Zeiteinheit Rechnung zu tragen ist.

          Bild: F.A.Z.

          Nach bisheriger Einteilung der jüngsten Erdgeschichte leben wir im Holozän. Das ist die jüngste von sieben Epochen, in welche die Geologen die Erdneuzeit (Känozoikum) gliedern, die Ära seit dem Untergang der Dinosaurier. Die Silbe -zän ist eine neulateinische Verballhornung des griechischen Wortes „kainos“ für „neu“. Denn die zunächst definierten erdneuzeitlichen Epochen wurden danach benannt, wie neu sie waren: Das Eozän (von „eōs“, der Morgenröte) stellte man sich als die Morgendämmerung der neuen Ära vor. Und im Miozän („meiōn“ bedeutet „geringer“) war weniger neu als im Pliozän („pleiōn“ heißt „mehr“). Später wurde die Einführung weiterer Begriffe auf -zän erforderlich, darunter Pleistozän („pleistōs“: „am meisten“) und eben Holozän, von „holos“ - „vollständig“, für die Epoche seit dem Ende der jüngsten Eiszeit vor 11 650 Jahren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Leben in der Blase: Putin bei einem Treffen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit am Montag im Kreml

          Russische Geheimdienste : Putins fatale Echokammer

          „Mariupol in drei Tagen einnehmen, Kiew in fünf“: Eine Recherche zeichnet nach, wie groß in Russlands Geheimdiensten die Wut ist – auf jene Kollegen, die Putin mit gefälligen Informationen in den Ukrainekrieg ziehen ließen.
          Das von der Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte Foto zeigt Rettungskräfte am Ort des Flugzeugabsturzes im südchinesischen Region Guangxi Zhuang.

          132 Tote : Flugzeugabsturz in China womöglich absichtlich herbeigeführt

          US-Ermittler seien zu dem Schluss gekommen, dass der Crash der Maschine im März „aus dem Cockpit heraus befohlen“ worden sei, berichtet das „Wall Street Journal“. Danach hätte ein Pilot oder ein Eindringling den Sturzflug eingeleitet.

          F.A.Z. exklusiv : So will die Ampel den Bundestag verkleinern

          736 Abgeordnete hat der Bundestag, 138 mehr als vorgesehen. Doch Überhangmandate verzerren den Wählerwillen, sagen die Obleute von SPD, FDP und Grünen. In diesem Gastbeitrag legen sie dar, wie die Ampel das Wahlrecht ändern will.
          Aufgegeben: Ukrainische Kämpfer tragen einen Verwundeten vom „Asowstal“-Gelände.

          „Asowstal“-Kämpfer : Die Helden der Ukraine in Moskaus Fängen

          Die Ukraine hofft auf den Austausch der Kämpfer vom „Asowstal“-Gelände. Doch Moskaus Propaganda hat offenbar andere Pläne – die Ideen reichen bis hin zu einem großen Prozess gegen die ukrainischen „Nazis“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Zertifikate
          Ihre Weiterbildung in der Organisations- psychologie
          Sprachkurse
          Lernen Sie Italienisch
          Stellenmarkt
          Jobs für Fach- und Führungskräfte finden