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Geologie : Die Geburt Englands

  • -Aktualisiert am

Eine Megaflut trennte England vom Kontinent ab Bild: AFP

Aus geologischer Sicht bilden England und Frankreich eine Einheit. Getrennt wurden sie erst vor rund einer halben Million Jahren. Wissenschaftler sind der Meinung, dass nur ein riesiger Gletscher dafür verantwortlich gewesen sein kann.

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          Dass Großbritannien vom europäischen Festland getrennt ist, mag zwar das insulare Selbstbewusstsein der Briten stärken, aus geologischer Sicht bilden England und seine Nachbarn Frankreich und Belgien aber eine Einheit. Die Kreidefelsen von Dover finden sich Schicht für Schicht auf der anderen Seite des Kanals in den Kliffs oberhalb von Calais wieder. Diese Höhenzüge aus der Kreidezeit erstrecken sich wie viele andere geologische Formationen in Südengland und in der Normandie auf beiden Seiten der Straße von Dover. Über die Vorgänge, die den Schnitt durch diese Schichten und damit das Vordringen des Meeres verursacht haben, wird seit langem spekuliert. Britische Forscher meinen nun, dass eine enorme Flutwelle vor etwa 425.000 Jahren den Kanal geschaffen habe und damit England zu einer Insel werden ließ.

          Die Forschergruppe um Sanjeev Gupta vom Imperial College in London stützt ihre Behauptung auf eine Auswertung der detailliertesten Sonarkarten, die vom Meeresboden im Kanal und in der Straße von Dover vorliegen. Darin zeigen sich zwei nahezu parallel verlaufende, bis zu 120 Meter tiefe submarine Täler, die den gesamten Kanal in ost-westlicher Richtung auf einer Länge von etwa 500 Kilometern durchziehen. Von England und Frankreich münden eine Reihe kleinerer Erosionstäler in sie ein. Diese Seitentäler wurden durch die Flüsse Seine und Somme auf französischer sowie Solent und Rother auf britischer Seite geschaffen.

          Gewaltige Mengen an Schutt

          Den „hängenden Tälern“ oberhalb der großen U-förmigen Gletscherrinnen in den Alpen vergleichbar, erreicht keines von ihnen den Boden der beiden Haupttäler. Daraus schließen die Forscher, dass weder die normale Erosion durch Flüsse von Land noch die Gezeitenwirkung des Meeres den Kanal und die Straße von Dover geschaffen haben. Vielmehr war, so schreiben sie in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Nature“ (Bd. 448, S. 342), eine wesentlich größere Kraft dazu notwendig, die beiden tiefen Haupttäler zu schaffen. Nur die erodierende Wirkung einer großen, zudem äußerst rasch verlaufenden Überflutung hätte zwei derart tiefe Täler erzeugen können. Wie kam es aber zu dieser Megaflut?

          Eine Reihe von geologischen Indizien spricht nach Meinung der Forschergruppe dafür, dass der Bergrücken aus Kreidegestein zwischen Calais und Dover noch bis vor knapp einer halben Million Jahre intakt war. Damals, zum Höhepunkt einer der nordeuropäischen Eiszeiten, drang das Eis bis weit in die Nordsee vor. Wie jeder Gletscher schoben diese Eismassen gewaltige Mengen an Schutt in Form einer Endmoräne vor sich her.

          Eine Million Kubikmeter Wasser pro Sekunde

          Wie ein Damm verhinderte der Bergrücken zwischen Dover und Calais aber die weitere Ausbreitung des Eises nach Süden. Das Eis und die Endmoräne stauten sich vor dem Bergrücken. Derweil ergossen sich aus dem Rhein und der Themse große Wassermengen in die unter dem Eis verborgene Nordsee. Auch dieses Wasser staute sich vor dem „Kreidedamm“.

          Als beim langsamen Rückzug des Eises vor etwa 425.000 Jahren große Mengen an Schmelzwasser hinzukamen, hielt der aus Endmoräne und Kreiderücken bestehende Damm nicht mehr stand. Er barst, und das gestaute Wasser rauschte in einer gewaltigen Flutwelle nach Westen. Die Forschergruppe meint, dass dabei mindestens eine Million Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch eine enge Öffnung in Richtung Atlantik floss. Das ist etwa fünfmal so viel Wasser wie heutzutage in jeder Sekunde durch den Amazonas - den wasserreichsten Fluss der Erde - fließt. Die Kraft dieser Megaflut schuf die zwei tiefen Erosionsrinnen, die beiden Schlagadern des heutigen Kanals zwischen England und Frankreich, und besiegelte somit das insulare Schicksal Großbritanniens.

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