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Geologie : An der Quelle der biblischen Katastrophen

  • -Aktualisiert am
Orthodoxe Pilger nach dem Bad im Jordan.
          5 Min.

          Die Piste hinauf in das Wadi ist steil und schlecht. Loser Schotter, enge Kurven und gelegentlich lockerer Sand machen dem Fahrer bei der Bergauffahrt das Fortkommen schwer. Dennoch lenkt er den Geländewagen geschickt stetig höher durch das schroffe Erosionstal. Nach einiger Zeit, man befindet sich schon hoch über dem Talboden, hält der Fahrer den Wagen an und weist auf den Höhenmesser. Das Meßgerät zeigt die Zahl "null", und auch der GPS-Empfänger an Bord bestätigt, daß man in diesem engen Tal hoch im jordanischen Gebirge endlich das Meeresniveau erreicht hat.

          Erst viel weiter oben öffnet sich das Wadi und gibt den Blick zurück auf den Ausgangspunkt der Fahrt frei. Unter einem erstreckt sich im diffusen Wüstenlicht blau schimmernd das Tote Meer, die tiefste Senke der Erde. Der steil abfallende Gebirgszug am anderen Ufer liegt schon auf israelischem Gebiet. Weiter im Nordwesten - im Dunst des feinen Wüstenstaubs kaum wahrzunehmen - befindet sich das Westjordanland.

          Zwischen den aus rötlichem, schroffem Gestein bestehenden Wänden dieses einsamen Wadis auf jordanischer Seite des Sees ist aber nichts von der politischen Spannung westlich des Jordans zu spüren. Man ist mit sich und der Wüste allein, und ein leichter Wind mildert um diese Jahreszeit sogar die Kraft der sengenden Sonne.

          Kette von Vertiefungen bis in die Savannen Kenias

          Noch heute heißt es in vielen Lehrbüchern, das Tote Meer läge im Jordangraben, der wiederum Teil eines angeblich von Syrien bis tief nach Ostafrika reichenden Grabensystems sei. Der erste Augenschein und ein flüchtiger Blick auf eine Landkarte scheinen diese Aussage zu bestätigen. Tatsächlich zieht sich, vom See Genezareth bis zum Golf von Akaba, dann weiter durch das Rote Meer bis nach Djibouti, anschließend in Ostafrika von Eritrea durch Äthiopien bis in die wunderschönen Savannen Kenias und Tansanias, eine auffällige Kette von Vertiefungen durch die Erdoberfläche.

          Eine Erklärung dafür bot die Theorie der Plattentektonik. Im Roten Meer und in Ostafrika driftet die Erdkruste auseinander, weil sich die afrikanische Lithosphärenplatte allmählich vom Indischen Ozean entfernt. Deshalb lag es nahe, auch in dem biblischen Gebiet zwischen den Golanhöhen und dem Golf von Akaba einen Graben zu vermuten.

          Deutsche, Israelis, Palästinenser

          Die geologischen Verhältnisse in dieser Region seien aber längst nicht so einfach, sagt Michael Weber vom Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Er leitet eine internationale Arbeitsgruppe von Geowissenschaftlern, die seit einigen Jahren das Gebiet rund um das Tote Meer untersucht. Daran sind neben deutschen Forschern auch Wissenschaftler aus Palästina, Jordanien und Israel beteiligt, die zum erstenmal gemeinsam den komplexen geologischen Zustand der Region erfassen.

          Eines der Ergebnisse dieser vorbildlichen, aber politisch brisanten Zusammenarbeit ist, daß die Hypothese vom Graben, durch den der Jordan fließt, wohl endgültig verworfen werden muß.

          Alttelstamentliche Kastastrophen dem Graben geschulded?

          Ein Graben in der Erdkruste entsteht, wenn sich zwei Gesteinsschollen allmählich voneinander wegbewegen. Den Gesteinsmassen zwischen diesen beiden Schollen wird dabei gleichsam der Boden entzogen, und sie beginnen zu sinken. Als Folge dieser Senkung entstehen an den Flanken Erdbeben. Auch in der Gegend um das Tote Meer gibt es immer wieder zum Teil heftige Erdstöße.

          Einige Fachleute, beispielsweise Amos Nur von der Stanford University, meinen sogar, manche der im Alten Testament beschriebenen Katastrophen könnten durch solche Erdbeben erklärt werden. Das letzte größere Beben - mit einem Herd am Nordende des Toten Meeres - richtete am 11. Februar in Jordanien, Palästina und Israel zum Teil erhebliche Gebäudeschäden an.

          Mit kalfiornischer San-Andreas-Verwerfung vergleichbar...

          Bei einer genauen Analyse des Bewegungsablaufs der Erdbeben in diesem Gebiet stellte sich jedoch heraus, daß es sich nicht um die für die Flanken eines Grabens typischen Abschiebungen von Erdschollen handelt. Vielmehr reiben die Gesteinsmassen im Bereich des Toten Meeres hauptsächlich horizontal aneinander vorbei.

          Auch bei den von Weber geleiteten Untersuchungen der Gegend zwischen Akaba und dem Toten Meer zeigte sich, daß der geologische Zustand der Gegend viel eher mit den Verhältnissen entlang der San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien zu vergleichen ist als mit einem Graben in der Erdkruste, wie er beispielsweise unter dem Baikalsee in Sibirien oder im Oberrheintal zwischen Basel und Mainz existiert.

          ... aber nicht gleich

          Zwischen der San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien und der Transformstörung am Toten Meer, wie der "Jordangraben" inzwischen von den Forschern genannt wird, besteht allerdings eine Reihe erheblicher Unterschiede. Die Verschiebung der pazifischen gegenüber der nordamerikanischen Platte geschieht nämlich in einem ausgedehnten, teilweise mehrere Dutzend Kilometer breiten Band. Parallel zur eigentlichen San-Andreas-Verwerfung gibt es in diesem Band eine Reihe aktiver geologischer Verwerfungen, an denen auch immer wieder schwere Erdbeben auftreten.

          Bei seismischen und elektrischen Untersuchungen der Forschergruppe im Arabatal, welches das Tote Meer mit dem Golf von Akaba verbindet, zeigte sich dagegen, daß es sich bei der Verwerfung dort um eine ganz enge, vielleicht nur wenige Dutzend Meter breite geologisch aktive Linie handelt. Nirgendwo sonst auf der Erde ist eine derartige Grenze, die im übrigen so deutlich definiert ist, zwischen zwei großen Erdkrustenplatten bekannt.

          Wassersegen

          Wie schmal diese Zone ist, erschließt sich auch dem Laien, wenn er von der gut ausgebauten Straße zwischen dem Toten Meer und Akaba nach Osten in Richtung Qurayqira abbiegt. In der scheinbar leblosen Wüste blickt der Besucher unvermittelt auf grüne Felder, auf denen Beduinen Tomaten, Gurken, ja sogar Bananen anbauen. Ohne Bewässerung würde in diesem Gebiet, in dem durchschnittlich weniger als fünf Zentimeter Regen pro Jahr fallen, keine Nutzpflanze gedeihen.

          Das Wasser pumpen die Beduinen aus nur wenige Quadratmeter großen Minioasen, in denen saftig grünes Schilf in dichten Bündeln wächst. Die Wasserlöcher reihen sich wie eine schnurgerade Perlenkette zwischen den Sanddünen auf und zeigen nach Meinung der Forscher die genaue Lage der Verwerfung. Bei dem Wasser handelt es sich um Grundwasser, das durch die enge Verwerfungszone der Erdkruste aus einem sonst in der Erde abgeschlossenen Grundwasserspeicher an die Erdoberfläche gelangt.

          Afrikanische und arabische Platte driften auseinander

          Von einem Sandsteinplateau am oberen Ende des Wadis kann man, sofern es die staubige Wüstenluft zuläßt, einen großen Teil des Toten Meeres überblicken. Das gegenüberliegende Ufer, also die Steilhänge auf israelischer Seite westlich des äußerst salzigen Sees, bewegt sich relativ zu Jordanien nach links, und zwar mit knapp fünf Millimeter im Jahr. Diese Bewegung entlang der engen Zone unterhalb der Wasserlöcher hängt, so Weber, mit der Öffnung des Roten Meeres zusammen. Dort bewegen sich die afrikanische und die arabische Platte an einer Grabenöffnung voneinander weg.

          Die arabische Platte - und mit ihr das jordanische Gebirge östlich des Toten Meeres - wird dabei langsam nach Norden verschoben, während Israel, das geologisch auf der afrikanischen Platte liegt, seine Lage kaum verändert. Die Folge ist eine mehr als tausend Kilometer lange Verschiebung, welche vom Golf von Akaba über die Golanhöhen nach Norden verläuft und sich irgendwo nördlich über den Libanon und Syrien bis in die Türkei fortsetzt.

          Sprünge in der Linie

          Weshalb ist aber im Jordantal eine Senke, ja sogar die tiefste Depression auf der Landfläche der Erde entstanden, wenn doch alle geowissenschaftlichen Befunde gegen eine Grabenbildung sprechen? Offenbar verläuft diese von Weber und seinen Mitarbeitern untersuchte Verwerfung nicht in einer ununterbrochenen geraden Linie.

          Hin und wieder macht diese Linie einen Sprung und setzt dann einige Kilometer von ihrer ursprünglichen Lage entfernt ihren Weg nach Norden fort. Als Ausgleich für diesen Sprung wird die Erdkruste senkrecht zur Bewegungsrichtung auseinandergezerrt. Dabei verdünnt sich die Erdrinde örtlich. Sie sinkt ein und läßt ein Becken entstehen. Zwischen Jordanien und Israel sind die Kräfte so groß und vor allem die an den Rändern als Widerlager wirkenden Gebirge derart stark, daß eines dieser auseinandergerissenen Becken zum tiefsten Punkt der Erde geworden ist.

          Wie psychedelische Gemälde

          Wie unnachgiebig das Gestein auf jordanischer Seite ist, zeigt der Geologe Roland Oberhänsli von der Universität Potsdam bei einem Spaziergang durch das Wadi Abu Baraq südwestlich des Toten Meeres. In der engen Klamm liegen Granitgesteine aus dem Präkambrium, der vor mehr als einer halben Milliarde Jahre zu Ende gegangenen Frühzeit der Erde. Die Sturzbäche, die nach schweren Regenfällen im jordanischen Hochland durch das Wadi rauschen, haben die Oberflächen dieser gewaltigen Brocken zu glatten, geradezu sanften Flächen abgeschliffen. Dabei traten Muster im Gestein zutage, die an psychedelische Gemälde erinnern.

          Auch Oberhänsli ist fasziniert von diesen bizarren Formen und deutet sie als erstarrte Einzelheiten der Bewegungen innerhalb der vor 600 Millionen Jahren erstarrten Gesteinsschmelze, die sich nun als solider Gebirgsblock den widerstrebenden tektonischen Kräften entgegenstellt.

          Trotz der politischen Gegensätze arbeiten am Toten Meer Forscher aus Deutschland und Israel sowie aus Palästina und Jordanien in Harmonie zusammen.

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