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Fragen zum Klimagipfel : Was sind die Methan-Versprechen von Glasgow wert?

Energie wird für Verbraucher immer teurer. Die Parteien, die in Berlin über eine Koalition verhandeln, wollen die Versorgung diversifizieren. Bild: AP

Das in Glasgow vereinbarte Methan-Abkommen wird auf dem Klimagipfel COP26 als Durchbruch gefeiert – als Nachfolger des erfolgreichen Ozon-Abkommens von Montreal. Was ist dran? Drei Fragen, drei Antworten.

          3 Min.

          Auf dem Klimagipfel COP26 in Glasgow wurde am Dienstagabend der Abschluss des vor allem von den USA forcierten und schon auf dem G-20-Gipfel in Rom angekündigten Methan-Abkommens gefeiert: Champagner im Pavillon „The Methane Moment“. Hundert Länder, so hieß es, hätten sich darauf verständigt, bis 2030 mindestens 30 Prozent weniger fossiles Methan in die Atmosphäre freizusetzen – Methan-Gas also, das bei der Förderung von Erdgas und Erdöl und aus den Lecks während der Weiterleitung in Gas-Pipelines freigesetzt wird.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Tatsächlich aber, so hat die Adhoc-Analyse des wissenschaftlichen Projekts „Climate Analytics“ gezeigt, haben bisher erst 53 Staaten die Vereinbarung unterzeichnet. „Etwa 25 weitere Staaten“ sollen unterschrieben haben, was allerdings unbestätigt ist. Tatsächlich aber haben 149 Staaten bis August diesen Jahres Methan-Emissionsbeschränkungen in ihre nationalen Klimaschutzpläne (NDCs) aufgenommen. Lediglich 12 Staaten aber haben nach einem vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) jüngst veröffentlichten Bericht bislang die Reduktion von fossilem, sprich: industriellem Methan, vorgesehen. Bringt das Methan-Abkommen also die Wende?

          Wie wichtig ist das Methan-Abkommen für den Klimaschutz?

          Sehr wichtig für die kurzfristigen Klimaschutz-Ziele. Anders als Kohlendioxid, das chemisch stabiler ist und Hunderte Jahre in der Luft bleiben kann, wird das reaktionsfreudigere Methan innerhalb von wenigen Jahren in der Atmosphäre abgebaut. Methan ist über einen Zeitraum von zwanzig Jahren gesehen als Treibhausgas aber 86 mal so wirksam wie Kohlendioxid, es erwärmt die Atmosphäre also sehr viel effektiver. Emissionsbeschränkungen wirken sich also unmittelbarer aus. Fossiles Methan aus der Öl- und Erdgasförderung zählt deshalb zu den niedrig hängenden Früchten in der Klimapolitik. Zumal eine Umstellung auf umweltfreundlichere Förderung und das Schließen von Lecks in den Pipelines auch für die Industrie erhebliche finanzielle Vorteile bringt.

          Die Beschränkung der Methan-Emissionen aus Industriequellen ersetzt allerdings, da sind sich alle Experten einig, auch kurzfristig nicht das dringend nötige Absenken der Kohlendioxid-Emissionen. Denn was heute an Kohlendioxid emittiert wird, wirkt sich die kommenden Jahrhunderte negativ auf das Klima aus. Wichtig ist das Methan-Abkommen, weil die Emissionen von Methan und Kohlendioxid miteinander eng verknüpft sind. Anders formuliert: Werden die Methan-Reduktionen wahrgemacht, wird das auch automatisch zu einer gewissen Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen führen. Nimmt man das Methan-Versprechen von Glasgow ernst, so hat Climate Analytics ausgerechnet, könnten 60 Prozent der darin angekündigten Methan-Reduktionen allein durch das Herunterfahren der Gewinnung von Öl und Gas erreicht werden. Am effektivsten wirkt das Methan-Abkommen also, wenn es von deutlichen Kohlendioxid-Minderungen begleitet wird. So gesehen könnte der Vertrag also, so er denn auch eingehalten wird, als Vorreiter für die Eindämmung der Kohlendioxid-Emissionen in diesem Jahrzehnt werden.

          Welchen Effekt auf das Klima wird das Methan-Abkommen haben?

          Würden die Unterzeichnerstaaten des neuen Methan-Vertrages, die rund 30 Prozent der globalen Methan-Emissionen repräsentieren, ihr Versprechen einhalten, könnte die Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrzehntes um schätzungsweise 0,2 Grad geringer ausfallen. Im Jahr 2030 würde die „Emissionslücke“ zum Pariser-Ziel um 14 Prozent gesenkt werden, das heißt: Wird von den Vertragsstaaten dreißig Prozent weniger fossiles Methan emittiert, müssen die Emissionen der anderen Treibhausgase – allen voran Kohlendioxid – um 14 Prozent weniger gesenkt werden, um die Erwärmung der Erde auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Diese Berechnung stammt von „Climate Analytics“, der unabhängigen Forschergruppe, in der Carl-Friedrich Schleussner von der Humboldt-Universität Berlin führend mitwirkt. Der Weltklimarat IPCC hatte in seinen jüngsten Szenarien für einen Emissionspfad, der mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel ist, eine Reduktion von 25 bis 53 Prozent (gemessen an den Emissionen des Jahres 2020) errechnet. Würden in den kommenden zwanzig Jahren die Methan-Emissionen um 45 Prozent gesenkt, so die Berechnungen der Unep, hätte das klimaschutztechnisch den gleichen Effekt wie die Schließung von tausend Kohlekraftwerken weltweit.

          Wie realistisch sind schnelle Methan-Emissionsminderungen?

          Der Unep zufolge könnten heute schon „70 Prozent der Emissionen aus der Öl und Gasförderung mit den vorhandenen Technologien und Maßnahmen verhindert werden“. Allein 40 Prozent der Aufwendungen dafür, so zitiert die Unep die Internationale Energieagentur IEA, seien kostenneutral – sprich: zu null Kosten – zu erreichen. Betriebswirtschaftlich lohnen sich die Investitionen erst recht, wenn die Staaten die Methan-Reduktionen zusätzlich subventionieren. Gut möglich also, dass bei entsprechenden Investitionen und Vorschriften ähnliche Erfolge erzielt werden wie seinerzeit beim Montrealer Abkommen, bei dem es darum ging, die industrielle Produktion von besonders schädlichen Fluorchlorkohlenwasserstoffen innerhalb weniger Jahrzehnte zu verringern und damit das Anwachsen des „Ozonlochs“ in der Atmosphäre zu verhindern.

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