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Anthropozän : In der neuen Zeit sterben alte Gewissheiten

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Das Anthropozän sprengt für alle sichtbar die methodischen Grenzen der bisherigen Geologie. Bild: dpa

Die Erdgeschichte wird offiziell noch nicht umgeschrieben, aber jeder Widerstand gegen das „Anthropozän“ ist zwecklos. Die prägende Kraft des Menschen verändert längst schon unsere Gesellschaft.

          Sieben Jahre lang haben die in der „Anthropocene Working Group“ versammelten gut drei Dutzend Wissenschaftler aus aller Welt Indizien gesammelt und abgewogen. Vor kurzem nun legten sie, die innerhalb der International Union of Geological Sciences eine starke Stimme haben, eine wichtige ( und mit großer Mehrheit beschlossene) Empfehlung vor: Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend, global und vor allem langfristig, dass dies eine neue geologische Epoche darstellt, das vom Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen und vom amerikanischen Diatomeen-Forscher Eugene Stoermer bereits im Jahr 2000 vorgeschlagene „Anthropozän“. Die Liste der Gründe für diese kühne Behauptung geht über den menschgemachten Klimawandel, der das Zeug hat, die nächste Eiszeit zu verhindern, weit hinaus.

          Eine Vielzahl von Faktoren ziehen die Forscher heran - neben dem langfristig messbaren Fallout von Atombombenexplosionen auch die globale Verbreitung der Knochen von Hühnern und anderen Nutztieren, die Sedimente ungeheurer Mengen von Plastik, die globale Verbreitung hochreinen Kupfers und Aluminiums, synthetische Mineralien, neuartige geologische Strukturen wie Bergwerke, Tunnel und Städte, Eingriffe in die Evolution.

          Doch das nun beim Internationalen Geologenkongress in Kapstadt veröffentlichte Votum bedeutet keineswegs, dass das Anthropozän nun bereits eine offiziell anerkannte neue Zeiteinheit darstellen würde, wie es in manchen Medien hieß. Die Stimmen der 35 Wissenschaftler sind vielmehr erst der Einstieg in einen Prüfprozess, der noch lange dauern könnte. Die Einteilung der Erdgeschichte in sinnvolle Kapitel, Unterkapitel und Absätze ist schon dann ein langwieriger Prozess, wenn Ereignisse Millionen Jahre zurückliegen, also abgeschlossen sind. Das Anthropozän jedoch - und hier liegt seine eigentliche Provokation - sprengt für alle sichtbar die methodischen Grenzen der bisherigen Geologie. Und zwar mit solcher Wucht, dass die Frage im Raum steht, nach welchen Kriterien überhaupt künftige Erdgeschichte erfasst werden soll.

          Im Diskurs stehen messbare Vorgänge im Vordergrund

          Natürlich geht es im Anthropozän-Diskurs weiterhin ganz zentral um messbare Vorgänge. Dass Staudämme die Deltagebiete absacken lassen, weil sie Sedimente zurückhalten, dass synthetische Chemikalien in den entlegensten Weltgegenden detektierbar sind, dass der Mensch Tierarten ausrottet und so aus dem Fossilienbestand der Zukunft entfernt, bleibt im Zentrum der naturwissenschaftlichen Hypothese.

          Doch in einer Veröffentlichung in „Science“ haben Mitglieder der Working Group um Colin Waters und Jan Zalasiewiecz bereits im Januar wie hilfesuchend darauf hingewiesen, dass wir es mit der ersten neuen Erdepoche zu tun hätten, „die eine Konsequenz unseres eigenen Handelns“ sei. Dies bedeute, schrieben die Autoren, dass die Anerkennung des Anthropozäns „weit über die geologische Wissenschaftsgemeinde hinaus von Bedeutung“ sei. Deshalb sind in jüngerer Zeit auch Geisteswissenschaftler in die Arbeitsgruppe aufgenommen worden: Beginnt nun die Epoche der Geistes-Geologie, in der Wünsche, Pläne, Wissen und Handlungen einer einzigen Spezies den Fortgang der Erdgeschichte beeinflussen?

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