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Fatale Lachgas-Bilanz : Dünger belastet das Klima immer mehr

Ein Landwirt bringt Gülle auf einem verschneiten Feld bei Seiffen im Erzgebirge aus. Bild: dpa

Keine Entlastung. Auch von der Landwirtschaft kann die Erdatmosphäre nichts Gutes erwarten. Aus den Böden wird immer schneller Lachgas freigesetzt, die Überdüngung wächst zur globalen Krise. Nur stellenweise kann das Klima aufatmen.

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          Die Pariser Klimaziele geraten nicht nur mit den weiter steigenden Kohlendioxid-Emissionen außer Reichweite, es sind auch die Emissionen aus der Landwirtschaft, die die Erderwärmung forcieren. Die Verbreitung von Lachgas, Distickstoffmonoxid, das vor allem durch das Ausbringen von Dünger entsteht, hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren immer weiter beschleunigt – weit stärker, als es etwa der Weltklimarat IPCC in seinen Prognosen für möglich gehalten hat.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In der Zeitschrift „Nature Climate Change“ legt eine internationale Forschergruppe die Daten aus einem weltumspannenden Messnetz zwischen 1998 und 2016 vor. Lachgas trägt gut dreihundertmal so effektiv zum Treibhauseffekt bei wie Kohlendioxid. Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ist die Konzentration des Spurengases von 290 ppb (Anteile pro Milliarde Luftmoleküle) auf gut 330 ppb gestiegen. Insbesondere seit 2009 hat sich der Anstieg der Lachgas-Konzentration deutlich beschleunigt.

          Die Studienautoren zeigen in ihrer Analyse, dass das meiste stickstoffhaltige Gas heute aus Ostasien und Südamerika in die Atmosphäre gelangt, während die Emissionen in den Vereinigten Staaten und Europa weitgehend stabil seien. In den Daten sei ein klarer Zusammenhang zwischen den Emissionen und den regional eingesetzten Mengen von Stickstoffdünger erkennbar. Besonders problematisch sind Überdüngungen. Pro Kilogramm Stickstoffdünger, das auf dem Feld ausgebracht wird, gelangen gut 2,3 Prozent in die Luft. Das liegt deutlich über dem vom IPCC angenommenen Wert von 1,3 Prozent. Insgesamt liegt damit der Lachgas-Anteil an der globalen Erwärmung bei fünf bis zehn Prozent.

          Für den Atmosphärenphysiker Fortunat Joos von der Universität Bern zeigen die Daten, dass bisher vieles im Dunkeln lag: „Die Ergebnisse legen nahe, dass die Lachgas-Emissionen aus Stickstoffdüngung in den nationalen Klimaberichten an die UN um rund 70 Prozent zu niedrig mitgeteilt werden.“ Spurengas-Experte Clemens Scheer vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie fordert rasches Handeln: „Wahrscheinlich sehen wir erst die Spitze des Eisberges, da Stickstoff in der Biosphäre in den letzten Jahrzehnten massiv akkumulierte. Es ist sicherlich nicht möglich, Netto-Null-N2O-Emissionen aus anthropogenen Quellen zu erreichen, aber es besteht ein sehr hohes Potential, diese Emissionen zu verringern.“ In Hinblick auf die wachsende Weltbevölkerung und den steigenden Nahrungsmittelbedarf sei dies sicherlich eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.

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