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Extremwetter in Europa : Das Klima im ideologischen Hexenkessel

Vertrocknete Halme ragen auf einem abgeernteten Feld in der Nähe von Köln in den Himmel. Bild: dpa

Klimawandelleugner verweisen gern auf die Maya, deren Kultur auch ohne Öl- und Kohleindustrie an Dürren zugrunde ging. Der menschengemachte Klimawandel jedoch verleiht natürlichen Kräften eine gefährliche Dimension.

          Vielleicht ist jetzt, da die Brachialhitze wütet und die katastrophale Trockenheit an vielen Orten der Welt auch nach Monaten kein Ende findet, die Zeit gekommen, sich mit Überlebensfragen zu beschäftigen. Mit kühlem Kopf, versteht sich. Für die Populisten ist allerdings schon die Frage selbst alarmistisch. Was es mit dem extremen Wetter auf sich hat? Man nennt es Sommer, frotzelt Professor Meuthen auf Twitter, Ausrufezeichen, Smiley, Punkt. Klimapolitik, das ist noch immer ein ideologischer Hexenkessel.

          Eine Hochkultur, der es lange Zeit an nichts mangelte, die eine eigene Sprache hervorbrachte, Mathematik, Riten und Kunst, die den Mais als Kulturpflanze für die Menschheit verfügbar machte und die Naturkräfte mit Bewässerungstechniken zu zähmen verstand, diese selbstbewusste Kultur namens Maya ist vor etwas mehr als tausend Jahren sang- und klanglos über solchen Dürre-„Sommern“ zugrunde gegangen. Vergangene Woche erst haben Wissenschaftler in alten Sedimenten entscheidende Nachweise geliefert: Über Jahrzehnte anhaltende Trockenphasen mit Wassereinbußen von mehr als fünfzig Prozent haben den gesellschaftlichen Zusammenbruch bewirkt und nicht etwa Kriege oder Epidemien.

          Für Populisten ist an dieser zivilisatorischen Tragödie nur eines interessant: dass der Kollaps ganz und gar ohne den von der Öl- und Kohleindustrie verursachten neuzeitlichen Klimawandel möglich war. Dürren, Hitzewellen, alles schon da gewesen, alles Natur. Punkt. Solches Denken ist noch immer lebendig, und es ist für sich selbst eine Tragödie. Es zeigt nämlich vor allem die fatale Bereitschaft, die vielleicht größte zivilisatorische Errungenschaft der Neuzeit, den Sieg der Aufklärung über die Irrationalität – und damit auch die mühsam erforschte Wahrheit selbst – zu opfern.

          Bereits neun der zehn wärmsten Sommer in diesem Jahrhundert

          Zu dieser Wahrheit gehört: Der menschengemachte Klimawandel hat den Risiken, die Mensch und Natur seit Urzeiten durch die natürlich waltenden Kräfte drohen, eine neue und gefährliche Dimension verliehen. Und das Rad dreht sich immer schneller.

          Neun der zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen liegen in diesem noch sehr jungen Jahrhundert. Die Extreme nehmen messbar zu. Die Zahl der Hitzerekorde hat sich weltweit vervielfacht, auch die der Dürren und – etwas weniger drastisch – die der Überflutungen. Das ist die Lehre aus Jahrzehnten: Die Atmosphäre gerät durch die beschleunigte Erwärmung im Treibhaus Erde buchstäblich immer wieder aus den Fugen. Alte meteorologische Muster verändern sich, unerwartete Strömungsmuster tauchen auf, so wie die seit Monaten über der Nordhalbkugel blockierten Hochdrucklagen.

          Wenn es nur das wäre: Auch die Degradation der Lebensräume, der Biosphäre, ist Teil dieser Entwicklung. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Hälfte der Feuchtgebiete auf der Erde verlorengegangen. Wer heute geboren wird, der wird als junger Erwachsener in einer Welt leben, in der wahrscheinlich kaum mehr als ein Zehntel der Erdoberfläche nicht von Menschen bewirtschaftet wird und in der vier Milliarden Menschen in Gebieten leben, die dauerhaft von Trockenheit bedroht sind.

          Ernteverluste künftig eher die Regel als Ausnahme

          Ernteverluste von mehr als fünfzig Prozent, in diesem Jahr bei Getreide schon fest einkalkuliert, sind dann eher die Regel als die Ausnahme. Die Zahl der Hitzeopfer wie die Verluste bei Wildtier- und Pflanzenarten nehmen zu, die Beschleunigung fordert ihre Opfer. Und niemand kann heute angesichts der Geschwindigkeit der Veränderungen mit Gewissheit sagen, ob hier nicht auch noch bedrohlichere Rückkoppelungsmechanismen im Gefüge der Natur am Werk sind oder angestoßen werden, die das Ganze weiter ins Taumeln bringen. Der menschengemachte Klimawandel ist eine Systemkrankheit des Planeten, die behandelt werden muss. Mit linearem Denken und Reden geht das nicht.

          Düstere Statistiken und Prognosen gibt es also viele, und es werden wöchentlich mehr. Zum ersten Mal aber wird der Verlust an Stabilität im Klimasystem in diesem Sommer für viele hautnah spürbar, Hitze und Trockenheit machen die Zukunft in einer Treibhauswelt vorstellbar. Es ist eine Realität, die sich jedem, der klar denkt, immer schmerzhafter aufdrängt. Allen anderen könnte der Deutsche Wetterdienst in den kommenden Jahren mit einem durchaus mutigen Aufklärungsservice auf die Sprünge helfen.

          Zu jedem Wetterextrem, das uns künftig beschäftigt, will der Wetterdienst die Information liefern, ob der menschengemachte Klimawandel seinen Anteil daran hat. Die „Attribution“ – die Zuschreibung von Einzelereignissen – hat in den vergangenen Jahren in der Wissenschaft enorm an Zuspruch gewonnen. Sie liefert Informationen wie diese: dass der Klimawandel die jüngste Hitzewelle über Nordeuropa doppelt so wahrscheinlich gemacht hat. Anders gesagt: Ohne Klimawandel hätte es die seit Mai andauernde Dürre vermutlich gar nicht gegeben.

          Der Spielraum für populistische Propaganda und Nichtstun, das ist offenkundig, wird mit all diesen neuen Realitäten noch mal kleiner. Die klimapolitischen Hintertürchen gehen immer weiter zu.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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