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Erdgeschichte : Die ersten Stunden nach der Apokalypse

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Anschließend folgt eine rund zehn Meter dicke Schicht, die mit abgerundeten Brekzien durchsetzt ist. Sie zeugt von den gewaltigen Wassermassen, die innerhalb der ersten Stunde nach dem Impaktereignis in den Krater zurückströmten. Die Oberfläche der Steine wurde von turbulenten Wasserströmen abgeschliffen, so die Forscher. Es schließt sich eine 80 Meter mächtige Schicht aus immer feinkörnigerem Material an. Diese Sedimente stammen von zurückströmendem Meerwasser, das sich in den Stunden nach dem Einschlag allmählich wieder beruhigt hatte. Den Abschluss bildete eine stark durchmischte Gesteinsschicht. Darin konnten die Forscher neben Resten geschmolzenen Gesteins vom Meeresgrund auch auffällige Sande und Kiesel identifizieren. Dabei handelt es sich den Wissenschaftlern zufolge um Material, das der gewaltige Tsunami transportierte, den die Wucht des Asteroideneinschlags ausgelöst hatte.

Fossiles Massengrab

Die mächtigen Tsunamiwellen wurden von den Küsten des damaligen Ozeans zurückgeworfen. Eine dieser Küstenstreifen lag damals etwa 3500 Kilometer von der Einschlagstelle entfernt in den heutigen amerikanischen Bundesstaaten Montana und Nord-Dakota. Dort haben Geologen schon vor Jahren die nach einem kleinen Flusslauf benannte „Hell Creek Formation“ entdeckt. Sie stammt aus der Übergangszeit zwischen der Kreide und dem Paläogen und enthält außergewöhnlich große Mengen des Übergangsmetalls Iridium. Das ist ein untrügliches Zeichen für Asche und Gesteinsreste, die in den Monaten und Jahren nach dem Einschlag von Winden in der gesamten Atmosphäre verteilt wurden und sich nahezu überall auf der Welt als Staub niederschlugen.

Die Grenze zwischen Kreide und Paläogen-Grenze in einer Höhle nahe Geulhemmerberg. Das Gestein aus der Impakt-Zeit ist deutlich sichtbar als graue, lehmreiche Schicht zwischen den sonst gelblichen Karbonats.

Völlig überrascht war die Gruppe von Paläontologen um Robert DePalma vom Naturhistorischen Museum in Palm Beach in Florida, als sie jene Gesteinsschicht unmittelbar unterhalb der iridiumhaltigen Ablagerungen untersuchte. Es handelt sich nämlich um eine gewürfelte Mixtur aus Fischfossilien und Überresten anderer Meeresbewohner sowie von fossilen Pflanzen und Tieren, die damals das Land bevölkerten. Wie DePalma und seine Kollegen berichten, deutet alles darauf hin, dass diese ungewöhnliche Gesteinsschicht ebenfalls am ersten Tag der Erdneuzeit entstanden ist. Danach „wühlten“ die extrem starken, vom Einschlag ausgelösten Erdbebenwellen die Erdoberfläche des heutigen Nord-Dakota, das sie etwa zwanzig Minuten nach dem Asteroideneinschlag erreichten, extrem auf. Die Erschütterungen waren so stark, dass Flüsse und Seen überliefen und sich terrestrische Sedimente mit küstennahen Ablagerungen vermischten.

Mehrere Stunden später erreichte der gewaltige Tsunami die damalige Küste und vermengte die Sedimente noch weiter. Im Laufe der darauffolgenden Wochen und Monate regnete es dann Gesteinssplitter vom Einschlag und Asche von den riesigen, auf den Impakt folgenden Flächenbränden. Dieser Niederschlag ließ letztlich die charakteristische iridiumhaltige Schicht entstehen, so die Forscher.

Was dieser Regen im Meer anrichtete, konnte eine dritte Forschergruppe an einer etwa zehn Zentimeter dicken Tonschicht in einer Höhle in der Nähe der holländischen Stadt Geulhemmerberg ablesen. Analysen zeigten, dass sich der Ton im geologisch extrem kurzen Zeitraum von nur einigen hundert Jahren nach dem Einschlag in einem damals flachen Randmeer abgelagert hatte. Die Forscher konnten Millionen fossiler kalkhaltiger Schalen von Foraminiferen – Kleinstlebewesen die auf dem Meeresgrund leben oder in der Wassersäule schweben – identifizieren. Wie Michael Henehan vom Geoforschungszentrum in Potsdam und seine Kollegen jetzt ebenfalls in den „Proceedings“ berichten, zeigt die Analyse der Borisotope, die in diesen Fossilien enthalten sind, dass der Säuregrad der Ozeane innerhalb von etwa hundert Jahren nach dem Einschlag um etwa 0.3 Einheiten sank. Das Meer wurde also merklich saurer, was zum Aussterben vieler Arten von Meeresbewohnern führte.

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