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Erdfälle : Da ist ein Loch vor der Tür

  • -Aktualisiert am

Das Ruhrgebiet ist durchlöchert wie ein Emmentaler Käse. 2014 traf es die Bewohner dieser Reihenhäuser in Witten. Bild: Picture-Alliance

Wir vertrauen darauf, festen Boden unter den Füßen zu haben. Doch das kann sich über Nacht ändern. Immer häufiger wird von spontanen Erdfällen berichtet – wie jetzt im thüringischen Nordhausen.

          Die Unterwelt beginnt bei Günter Schuler gleich hinter dem Haus. Er muss nur den Garten durchqueren, den Acker hochlaufen, und schon steht er vor dem Einstieg. Günter Schuler hat ihn mit einem Gullideckel verriegelt. Sicher ist sicher.

          Man ist vorsichtig geworden hier in Göschweiler auf der Baar. Denn unter dem Gullideckel klafft immer noch dieses tiefe Loch, das weiterhin Touristen anzieht. Und es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ein Mensch vom Erdboden verschluckt wird.

          Zweieinhalb Jahre ist es her, dass sich auf Schulers Acker plötzlich die Erde auftat. Er konnte es zunächst gar nicht glauben. Ein Loch? Er war damals nicht zu Hause, als er hörte, was auf seinem Grund und Boden entdeckt worden war. Ein Bauer, dem er das Land verpachtet hat, pflügte gerade mit seinem Trecker, als es an den Hinterrädern seltsam rumpelte. Erst dachte der Bauer an einen Stein, aber als er nachsah, blickte er in einen veritablen Abgrund.

          Überall auf der Welt tun sich Löcher auf

          So etwas wird in jüngster Zeit häufiger beobachtet, und das nicht nur auf der Baar. Auch anderswo auf der Welt verschwinden immer wieder ohne Vorwarnung ganze Straßen im Untergrund, Autos und Busse, Tiere und Menschen. Im Internet tauchen regelmäßig neue Fotos und Videos von solchen Vorfällen auf. Sie verbreiten sich fast wie Katzenvideos. Aber sie sind alles andere als niedlich.

          So vergeht kaum ein Tag ohne einen neuen Erdfall oder eine neue Doline, wie deutsche Geographen das Phänomen bezeichnen. An diesem Wochenende tat sich ein 50 Meter tiefer Krater in Nordhausen in Thüringen auf. In der englischen Literatur spricht man in der Regel einfach von „Sinkholes“. Viele sind klein und unscheinbar, andere groß wie ein Fußballfeld. Das wohl bekannteste Bild eines Erdfalls stammt von einem Vorort in Guatemala-Stadt. Über Nacht öffnete sich dort ein etwa zwanzig Meter kreisrunder Krater, der mehrere Häuser verschlang und drei Menschen in den Tod riss. Als das Foto vor neun Jahren erstmals in der Welt war, wusste man zunächst nicht, ob es sich um eine jener Montagen von Photoshop-Freaks handelte, die zu viele Roland-Emmerich-Filme gesehen haben. Doch das Foto war echt.

          Ist der scheinbar feste Boden unter unseren Füßen tatsächlich brüchiger geworden? Oder ist die zunehmende Flut an Bildern und Berichten von Erdfällen lediglich eine Folge des Internetzeitalters? Darüber diskutieren Geowissenschaftler seit Jahren. Der englische Ingenieurgeologe Tony Waltham von der Trent University in Nottingham vertritt dazu eine klare Meinung. Er ist überzeugt, dass der Mensch mittlerweile die meisten Erdlöcher auf der Welt verursacht. „Eingriffe ins Grundwasser sind dafür der Hauptgrund“, sagt er. Waltham ist ein veritabler Sinkhole-Experte. Seit vierzig Jahren untersucht er, wo, wie und warum der Boden auf der Erde manchmal nachgibt. Er hat dem Phänomen vor elf Jahren ein ganzes Buch gewidmet.

          In eine Monster-Sinkhole fällt man besser nicht

          Die Löcher sind sein Lebenswerk. Waltham hat die ganze Welt bereist, um sich Sinkholes anzusehen. Häufig erreichten sie kaum einen Meter im Durchmesser, manchmal allerdings stand er vor welchen, die mehr als hundert Meter weit und tief waren. Vor allem in China traf er auf solche Monster-Sinkholes, die in der Lage wären, ganze Dörfer zu verschlucken. „Tiankeng“ sagen die Chinesen dazu, Himmelstrichter. Knapp hundert davon hat man bisher entdeckt. Der größte liegt in Xiaozhai in der Drei-Schluchten-Region des Jangtse nahe der Millionenstadt Chongqing. Der Xiaozhai-Tiankeng misst 622 Meter im Durchmesser und ist bis zu 662 Meter tief. Sein Grundriss ist oval, die Wände sind so steil wie das Matterhorn. Bloß in umgekehrter Richtung. Als wäre der Krater eine Pforte in eine andere Welt.

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