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Erdepoche „Anthropozän“ : Die Narben der Zivilisation

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Zu entscheiden wäre dann auch, wann genau die neue Erdepoche beginnen soll. Unter den Anthropozän-Befürwortern gibt es verschiedene Lager: Der amerikanische Paläoklimaforscher William Ruddiman fordert einen frühen Beginn vor 8000 Jahren, da bereits die Methanemissionen aus dem ersten Reisanbau das Weltklima beeinflusst hätten. Ein origineller Vorschlag kam Anfang 2015 von Mark Maslin und Simon Lewis vom University College London. Sie beschrieben in „Nature“, wie der Genozid an den nordamerikanischen Indigenen um das Jahr 1610 herum zu so starkem Waldwachstum führte, dass weltweit die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre und mit ihr die Durchschnittstemperatur sank.

Ungewöhnliches Konzept: Paul Crutzen

Der Mitbegründer der Anthropozän-Idee, Paul J. Crutzen, favorisierte anfangs die Erfindung der Dampfmaschine als Startzeitpunkt für die neue Erdepoche. Inzwischen hat sich in der Anthropozän-Arbeitsgruppe als neuer Favorit die Zeit zwischen 1945 und 1950 durchgesetzt - als die ersten Atombomben große Mengen Radionuklide freisetzten, Plastik zum globalen Wirtschaftsgut wurde und die sogenannte „Große Beschleunigung“ von Transport, Konsum und Abfallproduktion ihren Lauf nahm.

Offen ist auch, ob es wie bei anderen geologischen Zeitabschnitten einen konkreten Ort geben soll, der das Anthropozän repräsentiert - die Suche danach könnte britische Kohlebergwerke ebenso einschließen wie das Gelände des ersten Atomtests oder, positiv gewendet, eine artenreiche Stadt als menschgemachte Höhlenstruktur.

Das Anthropozän-Konzept lässt die Erdgeschichte in neuem Licht erscheinen und weist zugleich weit in die Zukunft. Das lässt viele Interpretationen zu. Manche, etwa der australische Ethiker Clive Hamilton, sehen es allein als Summe aller Umweltprobleme und würden lieber, etwa in Form des Worts „Kapitalozän“, die Schuldigen am Klimawandel benennen, als über den „Anthropos“, also den Menschen als solchen, eine Art Sippenhaft für alle einzuführen. Andere, etwa Kathleen Dean Moore und Eileen Crist, sehen in der Idee selbst Größenwahn und menschliche Selbstfixierung am Werk und warnen, die Anthropozän-Idee sei eine Art Trojanisches Pferd von Technokraten. Eine dritte Perspektive ist es, das Anthropozän als eine Art Bewusstwerdungsprozess zu begreifen, wie tief unsere menschliche Verantwortung in die Zukunft reicht. Der heute 82-jährige Paul Crutzen, 1995 mit dem Nobelpreis für seinen Beitrag zum Erhalt der Ozonschicht geehrt, formuliert den Auftrag, dass die Anthropozän-Bewohner zu „Bewahrern des Erdsystems“ avancieren könnten.

Auf dieser vielfältigen metaphorischen Ebene ist die neue Erdepoche bereits anerkannt. Museen, Universitäten und Kulturinstitutionen in aller Welt gebrauchen den Begriff wie selbstverständlich, soziale Medien sind voll von ihm. Ob das Anthropozän allerdings in die offizielle Zeitrechnung der Geologie Einzug halten und letztlich in Schulbüchern landen wird, entscheidet sich erst noch - in einem langwierigen Prozess der Geologen-Community mit offenem Ausgang, bei dem um Positionen gerungen wird, um in Abstimmungen Mehrheiten zu erzielen. Dabei wird sehr deutlich werden, wie menschlich die Kriterien sind, nach denen Menschen die Erdgeschichte einteilen.

Augenzeugen des Anthropozäns „Die gesamte Oberfläche der Erde trägt heute den Eindruck der Macht des Menschen.“ Georges-Louis Leclerce de Buffon, 1753. „Es scheint für die Wissenschaft (...) von besonderem Interesse, das Neue, das Werdende zu betrachten, und in diesem Sinne mag auch das Wirken des Menschen ein würdiger Gegenstand der Geologie sein.“ Ernst Fischer, deutscher Geologe, 1914 „Das Anthropozän ist eine offenkundige Wirklichkeit. Wir hinterlassen unsere Spuren überall.“ Susan Trumbore, Max-Planck- Institut für Biogeochemie, 2011

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