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Erdepoche „Anthropozän“ : Die Narben der Zivilisation

  • -Aktualisiert am
Algenblüten an den Küsten. Die Aufnahme ist ein Komposit aus radiometrischen Messungen des Suomi NPP-Satelliten.

Vergangene Woche ließen 24 der Anthropozän-Forscher in der Zeitschrift „Science“ erkennen, wie die Arbeitsgruppe voraussichtlich entscheiden wird: „Die besonderen Merkmale der jüngsten geologischen Erhebungen unterstützen die formale Anerkennung des Anthropozäns als einer stratigraphischen Einheit“, schreiben sie. Es geht um die Frage, ob menschliche Eingriffe in das Erdsystem so global und vor allem so langfristig sind, dass ein hypothetischer Geologe sie in einer Million Jahren erkennen würde.

Die in „Science“ präsentierten harten Fakten gehen über die Schlagworte der Umweltdebatte wie den Klimawandel weit hinaus: Seit der Zeit vor 2,4 Milliarden Jahren, als Cyanobakterien große Mengen Sauerstoff freisetzten und damit im Ozean gelöste Metalle oxidierten, seien nicht mehr so viele neuartige Mineralien in so kurzer Zeit in Umlauf gekommen wie seit dem Beginn der Industrialisierung. Auch die aktuelle Anreicherung von Stickstoff in der Biosphäre durch aus der Luft gewonnenen Dünger ist über diesen Zeitraum hinweg der Studie zufolge ohnegleichen. Plastik und andere synthetische Stoffe bis hin zu künstlichen Elementen seien in der Biosphäre inzwischen allgegenwärtig, viele von ihnen über geologische Zeiträume persistent.

Langfristige Folgen haben beispielsweise auch die Expansion von Staudämmen, die Sedimente in den Oberläufen von Flüssen zurückhalten, und die Schleppnetzfischerei, die bereits weite Bereiche des Ozeanbodens dauerhaft zerfurcht hat. Der moderne Mensch, so die Botschaft der Studie, ist von der Tiefsee bis an den Rand der Atmosphäre präsent - und sein Tun wird auch in ferner Zukunft sichtbar sein.

Das Anthropozän umfasst auch den Lauf der Evolution: Dass durch Schiffe und Flugzeuge Tausende von Arten von einem Kontinent zum anderen gelangen, was ohne das Zutun des Menschen kaum passieren würde, wird die Natur der Zukunft und das, was in Form von Fossilien von ihr übrig bleibt, prägen. Wenigen tausend wild lebenden Tigern stehen heute Hunderte Millionen Hauskatzen gegenüber, so dass bereits klar ist, wer auf absehbare Zeit mehr Fossilien hinterlassen wird.

Komposit-Aufnahme des Suomi-NPP-Satelliten.

Doch bei weitem nicht alle Stratigraphen sind mit dem Kurs der Anthropozän-Gruppe einverstanden. Die Kritik der Deutschen Stratigraphischen Kommission könnte deutlicher nicht sein. Man habe sich in den vergangenen Jahren mehrfach mit dem Anthropozän beschäftigt, erklärt der Vorstand der Organisation: „Nach kurzer Diskussion waren sich die elf Vorstandsmitglieder stets darin einig, dass der Begriff für geologische Arbeiten rein gar nichts bringt, deshalb in der Geologie entbehrlich ist und wir auch keine Epoche oder eine andere stratigraphische Kategorie mit dem Namen Anthropozän brauchen.“

„Wenngleich die anthropogen verursachten Eingriffe in der jüngsten Erdgeschichte ohne Zweifel enorm sind, ist das in der Gesamtschau unseres Planeten nicht einmal ein Wimpernschlag, den wir in der älteren Erdgeschichte nur als Event bezeichnen würden“, sagt DSK-Vorsitzender Hans-Georg Herbig. Dem widerspricht Felix Gradstein, langjähriger Herausgeber der „Geologic Time Scale“ und früherer Präsident der Internationalen Kommission für Stratigraphie: „In meinen Augen hat die Stratigraphie-Kommission eine goldene Gelegenheit, zu zeigen, dass sie die fundamentalen Veränderungen, die wir auf der Erde bewirken, sehr ernst nimmt.“ Die deutschen Skeptiker haben noch ausreichend Möglichkeit, ihre Bedenken einzubringen: Nachdem die Arbeitsgruppe Mitte 2016 ihr Votum bei der übergeordneten „Quartär-Unterkommission“ abgegeben hat, wird diese weitere Forschungen anstellen. Sollte dann die wiederum übergeordnete Internationale Stratigraphie-Kommission das Anthropozän mit Mehrheit befürworten, muss die International Union of Geological Sciences dies noch ratifizieren.

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