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Klimawandel überschätzt? : Auf der sicheren Seite sind wir noch lange nicht

  • -Aktualisiert am

Braunkohletagebau mit dem Kraftwerk in Jänschwalde/Brandenburg. Bild: dpa

Wie stark und schnell Kohlendioxid die Erderwärmung ankurbelt, sorgt immer wieder für Diskussionen. Eine Arbeit britischer Forscher liefert neuen Zündstoff. Was taugen die neuen Zahlen?

          In der Wissenschaft des Klimawandels gehört der Wert der Klimasensitivität ECS (Equilibrium Climate Sensibility) zu den wichtigsten Größen, die wir kennen können. Wenn wir die Erwärmung auf zwei Grad Celsius (über dem vorindustriellen Niveau) beschränken wollen, ist die Kenntnis des höchsten plausiblen Werts, den die ECS annehmen dürfte, äußerst informativ für die Beantwortung der Frage, wie viel Kohlenstoff wir noch gefahrlos in die Atmosphäre entlassen können. Alles, was uns die Zuversicht geben könnte, der korrekte Wert bliebe niedriger als bislang befürchtet, wäre äußerst willkommen, weil wir daraus schließen könnten, dass wir weitere fossile Brennstoffe verbrennen dürften, ohne Gefahr zu laufen, diesen Schwellenwert zu überschreiten. Aber die Schätzungen zur wahrscheinlichen Bandbreite der ECS haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht sonderlich verändert.

          Ein neuer Bericht behauptet nun, die Wahrscheinlichkeit, dass die ECS über 4,5 Grad liegt, sei geringer als ein Prozent und bewege sich „wahrscheinlich“ (nämlich mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent) im Bereich von 2,2 bis 3,4 Grad. Das ist eine sehr viel engere Bandbreite als die akzeptierte These, wonach die ECS wahrscheinlich zwischen 1,5 und 4,5 Grad liegt und ein beträchtliches Restrisiko besteht, dass der korrekte Wert sogar sechs Grad erreicht.

          Neue Methode an den alten Grenzen

          Dies ist eine gute Nachricht, wenn sie denn zuträfe. Aber wir sollten äußerst vorsichtig sein, bevor wir eine These akzeptieren, die uns einen größeren Sicherheitsspielraum verspricht.

          Das Ergebnis basiert auf einer neuen, faszinierenden Methode, die als „Emergent Constraints“ (emergente Randbedingungen) bezeichnet wird. Wir verfügen über eine ganze Reihe verschiedener Computermodelle für das Klimasystem, und das Ergebnis dieser Modelle wird sehr sorgfältig vom „Climate Model Intercomparison Project“ (CMIP) untersucht. Aber nur weil die im CMIP verglichenen Modelle einen bestimmten Bereich für die Werte der ECS ergeben, dürfen wir daraus nicht schließen, wir könnten sicher sein, dass sie sich tatsächlich in diesem Bereich bewegen. Es könnte auch gute Gründe für die Annahme geben, dass der korrekte Wert in einem kleineren Bereich liegt, oder wir könnten befürchten, dass all diese Modelle von derselben problematischen Annahme ausgehen und den korrekten Wert daher über- oder unterschätzen. Hier setzt die Methode der „Emergent Constraints“ an.

          Autoren greifen auf Klimabeobachtungen zurück

          Wir können das zukünftige, an Kohlenstoff reichere Klima zwar nicht direkt beobachten, aber das Klima der letzten Jahrzehnte ist sehr genau beobachtet worden. Diese Beobachtungen können wir nutzen, um den wahren Wert vieler wichtiger, in der aktuellen Klimasituation relevanter Klimavariablen eng einzugrenzen. An dieser Stelle kommt nun die „emergente Randbedingung“ ins Spiel, eine emergente Beziehung zwischen den Variationen der Vorhersagen der Modelle bezüglich der beobachtbaren Variablen und den Variationen einer Klimavariablen, die wir voraussagen wollen.

          Die Randbedingung wird als „emergent“ bezeichnet, weil sie nicht von vorneherein in die Modelle einkodiert wurde, sondern in der Gesamtheit der Modelle unerwartet hervortritt. Als einschränkende „Randbedingung“ wird sie bezeichnet, weil sie die Möglichkeit eröffnet, die möglichen Werte der unbekannten Variablen einzugrenzen, und zwar mit Hilfe unseres Wissens über die beobachtete Variable.

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