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Entdeckungen auf Madagaskar : Minima und Maxima

Neue Riesenstabcschrecke: Männchen von Achrioptera manga, das blaue Wunder aus Madagaskar. Bild: Frank Glaw

Die Größten und die Kleinsten: Auf Madagaskar sind die Lebewesen das Spektakel, und deutsche Forscher sind ganz vorne, wenn es um Entdeckungen geht. Leider schwindet das Paradies immer schneller.

          Die ostafrikanische Tropeninsel Madagaskar macht ihrem Ruf als biologische Schatzinsel und Land der Extreme einmal mehr alle Ehre. Im Großen wie im Kleinen hat sie mehr Besonderheiten zu bieten als der Durchschnittseuropäer zu hoffen wagt: Unter den 350 Froscharten Madagaskars beispielsweise, die inzwischen wissenschaftlich beschrieben wurden, sind es vor allem die Zwerge, die immer wieder von sich reden machen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Diese Galerie der Minifrösche, die allesamt zu den kleinsten Amphibien der Welt zählen und sich vornehmlich unsichtbar im Laubstreu herumtreiben, ist nun um fünf neue Arten erweitert worden.

          Eine Gruppe deutscher Herpetologen um Mark Scherz und Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München sowie Miguel Vences von der TU Braunschweig und eine heimische Forschergruppe der Universität Antananarivo haben in der Online-Zeitschrift „PlosOne“ die Neufunde dokumentiert.

          Ausgewachsenes Männchen der neuen Art „Mini mum“.

          Allesamt finden die neuen und zur besseren Tarnung laubbraun gefärbten Engmaulfrösche auf einem menschlichen Daumen Platz. Selbst die größte Art ist mit 15 Millimetern im ausgewachsenen Zustand, gemessen an den wenigen europäischen Froscharten, ein Winzling. Ihr Name „Mini ature“ – ganz im Ernst. Entdeckerlaune fördert offenbar den Sprachwitz. Tatsächlich haben die Biologen drei der fünf neuen Zwergarten in keine der bekannten Gattungen wie Stumpfia einordnen können, weshalb man die neue Gattung Mini gründete: Mini ature, der größte Vertreter, ist dabei bald doppelt so groß wie die beiden anderen Spezies: „Mini mum“ und „Mini scule“ messen selbst ausgewachsen lediglich acht bis elf Millimeter und haben damit keinerlei Probleme, sich vor den Menschen zu verbergen.

          „Die extreme Miniaturisierung lässt die Frösche sehr ähnlich aussehen. Daher wird leicht unterschätzt, wie vielfältig sie wirklich sind“, sagt Mark D. Scherz. Nicht nur ihre Winzigkeit und die perfekte Tarnung im Laub, auch ihre angeborene Scheu hat diese kleinen Wunder der Evolution zu wahren Überlebenskünstlern werden lassen. Selbst in der wichtigsten Lebensphase, wenn die Balzrufe der Männchen weithin hörbar sind, hat man kaum Chancen, die Zwerge zu Gesicht zu bekommen – ihre Rufe verstummen bei der geringsten Annäherung.

          Das Männchen von Achrioptera maroloko mit einer gelb-schwarzen Warnfärbung. Mit deutlich mehr als zwanzig Zentimetern ist die Art eine der größten Insektenspezies der Welt.

          Als Tarnkünstler – allerdings im Geäst – gelten auch die Stabschrecken. Auf Madagaskar brechen sie Rekorde nach oben: Mit gut 24 Zentimeter Länge zählt das Weibchen von Achrioptera maroloko zu den weltgrößten Insekten überhaupt. Diesen Riesen sowie einen weiteren Sonderling haben der Münchener Zoologe Frank Glaw und Sven Bradler von der Universität Göttingen entdeckt. Das Männchen von A. manga schmückt sich mit einem schillernd bunten Kleid. Wozu das gut sein soll, wo es die Tarnung doch stört, ist den Forschern noch nicht klar. Mancher Liebhaber, der die Stabschrecken im Terrarium hält, wird dafür staunen. Denn die Art wird seit 15 Jahren unter dem Namen der längst bekannten Spezies A. fallax gehandelt. Damals hatte Glaw sie aus Madagaskar mitgebracht und gezüchtet. Inzwischen hat er mit Bradler in „Frontiers in Ecology and Evolution“den Nachweis geführt, dass es sich um eine neue Art handelt.

          Mini mum in seinem natürlichen Lebensraum im Streulaub.

          Schatzinsel Madagaskar also? Nicht wirklich: Das Paradies der Exoten hat seit Jahren nämlich ein inzwischen fast unlösbares Problem. Ursprünglich war Madagaskar zu mehr als neunzig Prozent bewaldet. Von den 53 Millionen Hektar Urwald sind heute nur noch etwa zehn Prozent erhalten. Jährlich werden weit über hunderttausend Hektar Regenwald gerodet. Bis Mitte des Jahrhunderts, so die aktuellen Prognosen, könnten auch die letzten Reste Primärwald und viele kleinteilige Lebensräume, die oft von winzigen Populationen mit Exoten besetzt werden, verloren sein.

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