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Endlagersuche : Ein Ton für Jahrmillionen

Wie warnen wir unsere fernen Nachkommen, im Gebiet eines unserer nuklearen Endlager keine Erdarbeiten vorzunehmen? Im Jahr 1993 legten die Sandia National Laboratories einen Bericht vor, wie man das für die "Waste Isolation Pilot Plant" in New Mexiko bewerkstelligen könnte, in der Fertigungsrückstände amerikanischer Kernwaffen lagern. Ein Vorschlag bestand aus solchen aus dem Boden wachsenden Betonstacheln. Wenn die das Gelände für Archäologen in kommenden Jahrtausenden nur nicht erst recht interessant machen! Bild: Illustration F.A.S.

Die Endlagerung von radioaktivem Abfall ist vor allem eine Frage des Gesteins. In der Schweiz hat man das passende schon gefunden. Ein Ortstermin.

          9 Min.

          Bözberg im Schweizer Kanton Aargau ist ein Ort, den flüchtige Besucher als Kuhdorf bezeichnen könnten. Die Sehenswürdigkeiten bestehen aus einer Kirche, einer Linde und einem Wasserfall. Etwas mehr als 1600 Menschen leben hier, ein Drittel sind Bauern, der Rest Pendler auf der Flucht vor den horrenden Mieten in Basel und Zürich. Den Habsburgern wurde die Gegend schon im 13. Jahrhundert zu provinziell, und sie verließen ihre hiesige Stammburg. Dafür könnte hier schon bald etwas eine Heimat finden, was garantiert länger bliebe: Atommüll.

          Andreas Frey

          Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bözberg könnte Endlager werden, so hat das die Schweizer Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) beschlossen, einer von drei Orten, in denen das Endlager gebaut werden könnte. Schon 2022 will sich die Nagra festlegen. Niemanden würde es überraschen, wenn die Wahl auf Bözberg fiele. Denn die eigentliche Attraktion der Gegend liegt tief unter dem Dorf: ein rund 170 Millionen Jahre alter Tonstein aus dem mittleren Jura. „Opalinuston“ nennen ihn die Geologen und sind begeistert von seinen Eigenschaften: sehr dicht, ohne Brüche, perfekt geschichtet, selbstabdichtend und praktisch undurchlässig für Wasser. Das ideale Grab für strahlende Atomkerne.

          Bislang gibt es nur einen Bohrturm. Dorthin führt eine schmale, verschlungene Straße den Hang hinauf. Kleine Gehöfte säumen die Straße, einsame Kühe grasen auf der Weide, in einer Kurve steht ein Schild: „Kein Atommüll in Bözberg!“ Es ist der einzige erkennbare Protest. Gebohrt wird auf der Bözberger Hochebene, gleich hinter einem Wäldchen, auf 624 Meter über dem Meer. Es gibt weiße Wohncontainer für die Arbeiter, blaue Rohre und den gelben Bohrturm, der alles überragt. Von oben könnte man den Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt sehen, der nur 15 Kilometer entfernt liegt, direkt an der Grenze zu Deutschland. Unten am Zaun, der um den Bohrplatz errichtet wurde, warten Olivier Leupin und der Pressesprecher der Nagra. Leupin ist Mineraloge und Geochemiker, er hat sich auf Tongestein spezialisiert und arbeitet im Felslabor Mont Terri im Schweizer Jura, einem Mekka der Grundlagenforschung für Tongesteine.

          Tiefbohrung schafft Klarheit über den Tonstein

          Leupin, 45, trägt eine knallgelbe Jacke, Dreitagebart, geschorene Haare. Er setzt seine Maske auf, dann spaziert er durch das Tor hindurch auf den Platz. Der Bohrer steht gerade still, das Gelände ist verwaist, die Mitarbeiter einer Spezialfirma arbeiten gerade in den Containern. Dort untersuchen sie die hydraulischen Eigenschaften des Untergrunds. Dabei wird das Gestein unter hohen Druck gesetzt, um zu messen, wie schnell sich Wasser hindurchbewegt. Schließlich ist auch dichter Tonstein nicht komplett wasserundurchlässig, es lässt H2O-Moleküle nur in extremer Zeitlupe hindurch. Einen Meter weit kommt das Porenwasser in gut hunderttausend Jahren, das ist selbst für geologische Maßstäbe ausgesprochen langsam. Die Tonplättchen sitzen so eng beieinander, dass nicht nur Wasser kaum hindurchkommt, sondern auch darin gelöste Ionen und damit möglicherweise Radionuklide wie Cäsium-137, Strontium-90 oder Plutonium-239. Tonstein bildet eine riesige reaktive Oberfläche. Dadurch bleiben die strahlenden Teilchen im Untergrund elektrostatisch im Gestein hängen. Doch das kann sich ändern, wenn durch Störungen im Gefüge Wasser eindringt. Das müssen die Geologen auf jeden Fall ausschließen.

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